KolumneWarum ist der Aktienmarkt gerade so nervös?

Der Aktienmarkt ist nervös
Vor der Wahl sind die Börsen weltweit in Unruhe. Foto: IMAGO / sepp spieglIMAGO / sepp spiegl

Manchmal kommt zu Wahlzeiten alles zusammen. In den USA tut sich ein Haushaltsloch auf, die Notenbank spricht und in China fällt ein Immobiliengigant um. So fällt der Dax erst einmal 800 Punkte beinahe am Stück um direkt danach 700 Zähler aufzuholen. „Eine Volatilität wie in den vergangenen 10 Tagen vor der Bundestagswahl hat man beim Dax lange nicht gesehen“, erläutert Jürgen Molnar, Kapitalmarktexperte beim Broker Robomarkets. Erstaunlich ist dies, da sich über den Sommer die Vola eher bei Biontech, Varta, Wasserstoffaktien oder Titeln aus dem Bereich der E-Mobilität abgespielt hatte. Bei S&P 500 war ebenso wie beim Dax für aktive Anleger eher trocken Brot angesagt.

Zufall oder nicht?

Nun kommen mehrere Dinge zusammen, primär drückt natürlich China die Stimmung am Aktienmarkt. „Eine weltweite Finanzkrise kann eine mögliche Evergrande Pleite nicht auslösen. Die Schulden der amerikanischen Hausbesitzer waren damals mit Hilfe der Subprimeanleihen über die ganze Welt gestreut bis in die Kreditportfolios deutscher Landesbanken. Hier liegen sie zu 90 Prozent bei chinesischen Staatsbanken“, sagt Ingo Beyer von Morgenstern von Qilin Capital, Researchpartner für den ACATIS Qilin Marco Polo Asien Fonds. „Die Abkühlung des Immobilienmarktes ist von der chinesischen Staatsführung durchaus gewollt. Eine Insolvenz von Evergrande wird man womöglich auch in Kauf nehmen“, so der Analyst.

Als zweiten Punkt sichern sich gerade in Deutschland Pensionskassen, Vermögensverwalter und aktive Fondsmanager gegen den Super-GAU rot-grün-rot ab. Sollte in den ersten Tagen nach der Wahl Jamaica oder eine Ampel sich als realistisch herausstellen, könnte im Dax eine sogenannte Eindeckungsrally stattfinden. Ohnehin dürfte es aber schwierig werden, die Dax-Leistung der nächsten Wochen auf die Wahl zu schieben oder damit in Zusammenhang zu bringen.

Denn zufälligerweise wählt man in Deutschland stets im September und der Monat ist nun einmal der schwächste an der Börse. Während es in den letzten Jahresmonaten eher aufwärts geht. Eine Auswertung beim Aktienbroker Etoro unterstreicht, dass gerade im September und Oktober die Volatilität auf Indexebene besonders erhöht ist.

Aktienmarkt zieht Lehren aus Brexit und Trump-Wahl

Zufall 2021 – die Woche vor der Bundestagswahl lag die Vola ebenso wie viele Stimmungsdaten auf einem Angst-Level wie zuletzt vor der Abwahl von Donald Trump und damit vor der Wahl in den USA. Noch im Juli war große Euphorie an den US-Märkten und auch beim Dax weit mehr Optimismus. Die Vola war niedrig und Anleger mussten schon auf Aktien der Liga Biontech ausweichen, um richtige Volaprämien zu finden.

Insgesamt neigen Investoren am Aktienmarkt nach den Lehren aus Brexit und erster Trump-Wahl offenbar dazu und sichern sich gegen extreme Wahlausgänge ab. Geht dann alles gut, wirkt dies dann sogar beflügelnd für die Märkte. „Aktienmärkte steigen häufig entlang einer Mauer der Angst“, ergänzt Robomarkets-Experte Molnar. So sollten Anleger am besten dann hellhörig werden, wenn genau diese Angst fehlt.


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