InterviewWarum Deutsche ungern ans Geldanlegen denken

Hans-Joachim Karopka untersucht seit vielen Jahren, wofür die Menschen in Deutschland ihr Geld gerne sparen und ausgeben. Statt dafür Unmengen an Statistiken zu flöhen, befragt das Rheingold-Institut, dessen Mitinhaber Karopka ist, die Menschen lieber sehr ausführlich.
Hans-Joachim Karopka untersucht seit vielen Jahren, wofür die Menschen in Deutschland ihr Geld gerne sparen und ausgeben. Statt dafür Unmengen an Statistiken zu flöhen, befragt das Rheingold-Institut, dessen Mitinhaber Karopka ist, die Menschen lieber sehr ausführlich.Max Brunnert

Capital: Herr Karopka, die meisten Menschen gehen lieber zum Zahnarzt als zu ihrem Anlageberater bei der Bank. Was stimmt mit den Menschen nicht?

HANS-JOACHIM KAROPKA: Es stimmt alles. Und es passt in die Zeit. Wenn Sie zum Zahnarzt gehen, bekommen Sie in der Regel schnelle Lösungen für Ihre Probleme, etwa Schmerzen oder einen abgebrochenen Zahn. Wenn Sie sich nicht um Vorsorge und rentable Anlagen kümmern, verschlechtert sich ja zunächst nichts, und die Konsequenzen spüren Sie erst in Jahrzehnten. Umgekehrt ergäbe Ihre Frage, mit Verlaub, mehr Sinn: Warum sollten sich Menschen denn gerne und auch noch freiwillig mit einem derart komplexen Thema wie der Geldanlage beschäftigen? Sie haben eine merkwürdige Vorstellung.

Weil unser Rentensystem vor großen demografischen Herausforderungen steht zum Beispiel. Und weil die Deutschen einen Gutteil ihres Ersparten, 1100 Mrd. Euro, so angelegt haben, dass sie dafür praktisch keine Zinsen bekommen. Und das bei zwei Prozent Inflation!

Entschuldigung, aber mit solchen Belehrungen geht es doch schon los. In unseren Studien sehen wir immer wieder, dass es demotivierend ist, ein Problem eingeredet zu bekommen, wo die Menschen selbst gar keines sehen. Zum Beispiel mit ihren Renditen oder Sparquoten. Die Entscheidung, Geld lieber auf Giro- und Tagesgeldkonten und Sparbüchern zu legen oder für Genuss und Erlebnis auszugeben – die treffen Anleger nicht zwingend aus Unlust, Verunsicherung und mangelndem Wissen. Sondern oft ganz bewusst, weil sie es als die für sie ideale Anlage empfinden.

Das Interview ist im Capital-Sonderheft zum Vermögensaufbau erschienen

Wie kann denn ein garantierter Verlust – also Nullzinsen minus Inflation – eine Anlage sein, die einen Sparer nicht ärgert?

Kurzfristige, liquide Anlagen wie Tagesgeld geben den Menschen das Gefühl, in einer Zeit flexibel agieren zu können, in der das Leben zunehmend unberechenbarer wird. Und Brüche in den Erwerbsbiografien eher die Regel, denn die Ausnahme sind. Das macht auch Ausgeben reizvoller. Konsumverzicht zu leisten für das vage Versprechen, es in einer immer weniger berechenbaren Zukunft in Jahrzehnten einmal besser zu haben – das verlangt viel von Menschen. Die meisten wissen doch oft nicht, was sie in fünf Jahren machen.

Das heißt: Niemand muss sich schlecht fühlen, wenn er die Geldanlage vor sich herschiebt oder gar nicht spart?

Wir sind Forscher, keine Anlageberater. Wir gehen der Frage nach, warum die Menschen das tun, was sie tun. Es gibt Menschen, die sind gut darin, sich selbst zu informieren und zu handeln. Andere delegieren das an Experten. Aber die Mehrheit der Leute ist so gestrickt, dass sie ihr Geld sehr konservativ anlegt, orientiert an Sicherheit und Verfügbarkeit. Diese Menschen verärgert es eher, wenn man ihnen permanent erklärt, sie machten aus Unwissenheit oder Faulheit einen Fehler, indem sie zinslos sparen oder ihr Geld verkonsumieren statt vorzusorgen.

Ist der Status quo denn wirklich erstrebenswert für die Menschen?

Viele empfinden ihr Leben tatsächlich als angenehm und fänden es schön, wenn es so bliebe. Das gilt besonders für jenen Teil der Bevölkerung, der bereits die Mittel hat, um überhaupt zu sparen oder vorzusorgen. Man ist also bei Weitem kein Außenseiter, wenn man die Auseinandersetzung mit einer rentablen Geldanlage oder Altersvorsorge aufschiebt. Falls Sie den „Herrn der Ringe“ kennen: Die Menschen leben in Deutschland wie im schönen Auenland. Sie wissen, dass es bedroht ist. Aber sie sind nicht bereit, jetzt Entscheidungen zu treffen, die an dem als friedlich und schön empfundenen Hier und Jetzt etwas ändern könnten.

War das denn einmal anders?

Oh ja. Wir stellen in unseren Studien immer wieder fest, dass zwei recht nah beieinanderliegende Ereignisse prägend waren: zum einen das Platzen der New-Economy-Blase ab dem Jahr 2000. Viele Menschen hatten sich in der zweiten Hälfte der 90er-Jahre erstmals an die Börse getraut, folgten dem „Volksaktien-Boom“ der Deutschen Telekom und der Deutschen Post – und erlitten schweren Schiffbruch. Zum anderen die Anschläge vom 11. September 2001. Das war ein finsterer Einschnitt, der den Menschen klargemacht hat, dass „da draußen“ etwas Abstraktes sein könnte, das Frieden und Wohlstand bedroht. Die Maximierungskultur der Nachkriegszeit, die da schon seit einigen Jahren wackelte, brach mit diesen beiden Ereignissen endgültig zusammen.