KolumneWarum Anleger Europa den Rücken kehren

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

Gleichwohl ist aber zuletzt ein Fass übergelaufen, das sich bereits seit Jahren mit Problemen angefüllt hatte, bislang aber nicht überschwappte. Jetzt sieht es aber so aus, dass eine Vielzahl bekannter makroökonomischer Probleme und mehrerer Gewinnwarnungen – vor allem im Bereich US-amerikanischer Internetunternehmen – in Europa zu einer Baisse führt.

Getreu dem Motto „Viele Jäger sind des Hasen Tod“ könnte man sagen, die hohe Anzahl an Problemen sei nun der seit März 2009 laufenden Börsenhausse Tod. Für den deutschen Aktienmarkt gilt diese Diagnose unzweifelhaft. Zur gleichen Zeit sieht man an der Wall Street die aktuelle Börsenlage wesentlich entspannter nicht zuletzt aufgrund der deutlichen Unternehmenssteuersenkungen und hoher Aktienrückkäufe in diesem Jahr.

Keine Ahnung von marktwirtschaftlichen Anreizsystemen

Deutschland kann von Steuer- und Abgabensenkungen indessen nur träumen und es wird täglich deutlicher, dass die fiskalischen Traumzeiten in der Bundesrepublik ihrem Ende entgegen gehen. Während nämlich die positiven Impulse und Effekte aus der Agenda 2010 des Reformkanzlers Gerhard Schröder langsam auslaufen, beeilen sich die Großkoalitionäre, nochmals das staatliche Füllhorn über ihre Klientel auszuschütten. Vom richtigen Prinzip des Rücklagenschaffens in guten Zeiten will in der Politik ohnehin kaum jemand etwas wissen. Und das unverdiente Glück eines dramatisch zusammengeschmolzenen jährlichen Zinsaufwands im deutschen Staatshaushalt durch die kühne Negativzinspolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) hat erwartungsgemäß nur die Ausgabeimpulse der Regierenden verstärkt.

Am Euro, von dem es einst hieß, er werde stärker als die übereilt aus der Hand gegebene D-Mark werden, lässt sich die Malaise des alten Kontinents gut nachvollziehen. Hatte noch der ehemalige Kommissionspräsident der Europäischen Union (EU) José Manuel Durão Barroso die EU im Jahr 2020 zum leistungsfähigsten Wirtschaftsraum der Welt machen wollen, so lässt sich das Durchreichen Europas nach unten nicht länger leugnen. Gebeutelt von den höchsten Steuer- und Abgabenlasten weltweit, überbordender Bürokratie und bedrohlicher Demographie hat die politische Elite kaum noch Ahnung von marktwirtschaftlichen Anreizsystemen.

Der Rückfall in die Reformunfähigkeit alter Zeiten (Altkanzler Helmut Kohl und seine Schülerin Angela Merkel) ist mit Händen zu greifen. Ein Übriges haben die schwerwiegenden Fehlentscheidungen des Expressatomausstiegs, der unbedingten Eurorettung und der Grenzöffnung getan. Dies sind Probleme, mit denen sich die Politik noch jahrelang herumschlagen wird, ohne Aussicht, dass der entstandene Schaden noch gut zu machen wäre.

Anleger bangen um die Zukunft

Zu den besonders ungünstigen Zeichen an der Börse zählen derzeit die negativen Kursreaktionen selbst bei positiven Unternehmensmeldungen. Wenn selbst Aktienkäufe von Unternehmensorganen zu negativen Kursreaktionen führen, dann lässt sich bei den Anlegern eine hohe emotionale Spannung diagnostizieren. Außerhalb der Börsenerfahrung liegt dieser Befund nicht, denn die Baisse ist typischerweise durch einen allgemein werdenden Pessimismus gekennzeichnet. Die Nichtbeachtung positiver Unternehmensaussagen ist nachgerade ein klares Indiz für die Baisse.

Aktienmärkte sind Seismographen für die Befindlichkeiten der Wirtschaftssubjekte. Haupthandelsware auf dem Parkett ist stets das Vertrauen in die Zukunft. Um Selbiges ist es derzeit erkennbar nicht sonderlich gut bestellt. Neben der traditionellen Aktienfeindlichkeit der deutschen Politik, die unter anderem dazu geführt hat, dass der deutsche Aktienmarkt von Nichtinländern dominiert wird, kommen aktuell noch hausgemachte Probleme wie das Diesel-Desaster hinzu.

Wer etwas Positives sucht, der kann immerhin mit Befriedigung feststellen, dass viele Aktien auf dem deutschen Kurszettel inzwischen billig geworden sind. Da aber die Zinsen in Europa aufgrund der offenbaren Notwendigkeit einer fortdauernden Staatsfinanzierung durch die EZB extrem niedrig bleiben werden, dürfen sich hart gesottene Anleger einigermaßen entspannt zurücklehnen.