HandelskriegTrump gegen den Rest der Welt

Trump und Xi Jinping
US-Präsident Donald Trump bei seinem Treffen mit Chinas Präsident Xi Jinping im November 2017.Getty Images

Aus unzähligen Western kennen wir die Szenerie, die derzeit herrscht: Brütende Mittagshitze, zwei Kontrahenten stehen sich gegenüber, zum Kampf bereit. Die Gesichter sind grimmig verzerrt und für einen Moment erstarrt sämtliches Leben ringsum. Es ist nicht klar, wer von den beiden als Sieger und Verlierer aus dem Rennen gehen wird. Deshalb will sich diesen beiden lieber niemand freiwillig in den Weg stellen. Die Zeit steht still. Es mag etwas überdramatisiert klingen, aber so ähnlich lässt sich die Stimmung an den Börsen beschreiben: Investoren weltweit halten den Atem an und warten gespannt, wie der Showdown zwischen Amerika und China wohl ausgehen wird. Amerikas Präsident Donald Trump hat weitreichende Strafzölle gegen China verhängt. Und China hat dasselbe getan und Gleiches mit Gleichem vergolten. Seitdem herrscht gespenstische Ruhe an den Börsen. Die wichtigsten Indizes weltweit dümpeln vor sich hin. Chinas Aktien dagegen brachen zuletzt rund 18 Prozent ein.

Die bange Frage ist: Wie arg wird sich der Zollstreit wohl ausweiten? Bleibt es bei den jüngst angekündigten Strafzöllen, oder geht einer der beiden Kontrahenten noch deutlich darüber hinaus? Laut Handelsstatistik exportiert China gemessen am Warenwert mehr Güter in die USA als Amerika nach China ausführt. Die Chinesen würde also ein Handelsstreit stärker treffen als die Vereinigten Staaten, die diesen Streit angezettelt haben. Es ist nur die Frage, ob sich die Volksrepublik das so einfach gefallen lassen wird. Schließlich würde sie damit riskieren, dass ihr eigenes Wirtschaftswachstum dadurch eine empfindliche Delle erhielte, weil ihre Exporte teurer und unattraktiver werden, was natürlich dementsprechende Einbußen bedeuten würde. Hätte Asiens Wirtschaft Nummer Eins also nicht auch Gegenmittel, zu denen sie greifen könnte, um die USA zu treffen, wenn alle Produkte mit Zöllen belegt sind? Natürlich hätte sie die, sagen Ökonomen.

Nebenbei ist China nämlich auch noch der größte Gläubiger der USA, denn es hält große Mengen an amerikanischen Staatsanleihen. Im Wert von insgesamt knapp 1.200 Milliarden Dollar, also 1,2 Billionen. Rund acht Prozent ihrer Staatsschulden haben die Amerikaner beim chinesischen Staat aufgenommen oder besser gesagt, jener hat sich Anleihen in diesem Umfang ins Depot gelegt. Und diese Papiere könnte China aus Rache abstoßen. Was passieren würde, wenn er sich eines großen Teils davon entledigte, das haben die Börsen bereits zu Jahresbeginn durchgespielt: Damals machte auf Börsendiensten die Nachricht die Runde, China wolle künftig weniger US-Anleihen kaufen – was allerdings bloß eine Falschmeldung war. Sie wirkte dennoch sofort. Der Kurs der US-Bonds sackte darauf hin ab und die Rendite stieg sprunghaft an. Für Amerika bedeutete das: Zu den höheren Zinsen wären es den USA erheblich schwerer gefallen, die gigantischen bisherigen Schulden zu bedienen. Allerdings war das Drohpotenzial nur von begrenzter Dauer, bis die Falschmeldung aufflog. Aber könnten die Chinesen es jetzt nicht in die Tat umsetzen?

Russlands Antwort

Russland hat genau das im April und Mai gemacht. Ebenfalls als Reaktion auf die Politik von Donald Trump, der nämlich Sanktionen gegen den russischen Aluminiumkonzern Rusal verhängt hatte. Darauf warf Russland rund 80 Prozent seiner US-Staatsanleihen aus dem Depot. Es reduzierte den Bestand der Papiere von knapp 100 Milliarden Dollar auf rund 14,9 Milliarden. Das bewegte die Kurse zwar nicht ganz so arg, weil Russlands Anleihenbestände eher übersichtlich waren. Doch taugt die Strategie nicht zur Nachahmung? So fragen nun viele.

Nur bedingt, so muss man entgegnen. Natürlich hat China mit seinen 1.200 Milliarden Dollar Kreditsumme ein erhebliches Drohpotenzial. Umgekehrt aber ist die Summe schon wieder so groß, dass sich die Volksrepublik selber schaden würde. Denn auf einen Schlag verkaufen ließen sich die Papiere am Markt nicht. Stieße die Regierung die ersten größeren Pakete ab, würde sie aber bereits derart die Kurse drücken, dass sie die übrigen Anleihen in weiteren Verkaufstranchen arg unter Wert abgeben müsste. Das wäre letztlich zumindest kein gutes Geschäft für die chinesische Regierung. Allerdings würden jene Anleger profitieren, die amerikanische Staatsanleihen haben und zu höheren Renditen auch halten.

Manche Marktbeobachter fragen auch: Was macht die Volksrepublik dann mit dem riesigen Dollarberg, den sie dadurch erhält? Der Staatsfonds muss schon jetzt enorme Devisensummen anlegen und weiß wohl schon kaum, wohin mit dem Geld. Diese Frage allerdings ließe sich lösen, schließlich kann man mit dem Geld ja auch Aktien und Firmen kaufen, überall auf der Welt. In Europa zum Beispiel. Oder Gold, das notiert ebenfalls in Dollar. Der große Anlagenotstand herrschte also vermutlich nicht.

Man könnte die Dollar auch in andere Währungen tauschen. In Euro zum Beispiel. Oder in die Heimatwährung Yuan. Die große Menge neuer Dollars auf dem Markt würde dann wohl den Wert des Dollar drücken. Dadurch stiege umgekehrt der Wert der chinesischen Währung – was chinesische Exporte in die Welt ebenfalls verteuern würde. Also wäre auch das keine sehr gute Idee. Allerdings sei China sehr bestrebt, seine eigene Währung stabil zu halten, sagen Marktbeobachter. Das habe es in der jüngsten Zeit gezeigt. Deswegen kann man davon ausgehen, dass den Chinesen etwas anderes einfällt als ein einfacher Tausch in Yuan.

Chancen durch den sinkenden Dollar

Es ergäben sich allerdings auch wieder Gewinnmöglichkeiten durch den sinkenden Dollar auf den internationalen Warenmärkten, dort könnte China dann billiger einkaufen. Und zu einer anderen Attacke hat die Volksrepublik übrigens bereits angesetzt, um den Dollar unter Druck zu bringen: Die Börse Shanghai wickelt seit April Öltermingeschäfte in Yuan ab. Die heimische Währung soll der Leitwährung Dollar Paroli bieten. Russland könnte sein Öl- und Gasgeschäft zum Beispiel auch in Euro abwickeln. Das wäre ein weiterer Seitenhieb in Richtung Amerika. Und könnte eventuell sogar die Bedeutung der europäischen Währung international weiter stärken.

Zudem hat China noch einen Trumpf gegen Trump in der Hand und das ist der Zugang zu südkoreanischen Firmen. Von deren Technologien profitiert Amerika ebenfalls sehr stark. Schnitten die Chinesen ihnen diesen Marktzugang ab, dann wäre das ein weiterer Schlag für die US-Wirtschaft. Überhaupt muss sich erst einmal herausstellen, wie stark die Amerikaner selbst von ihren Strafzöllen betroffen sein werden. Denn bisher funktioniert das Geschäftsmodell der Computerindustrie so: Chiphersteller wie Intel schicken ihre Chips nach China, wo sie von dortigen Arbeitern in Geräte eingebaut werden, die dann an US-Computerunternehmen ausgeliefert werden. Bewirkt Trump in diesem Produktionsprozess also, dass die Bauteile sowohl bei der Ausfuhr nach China teurer werden als auch die Endgeräte bei der Rückfuhr nach Amerika, ist etwas fraglich, ob das gesamte Geschäftsmodell der amerikanischen Firmen so noch aufgeht.

Ganz sicher hat der Präsident auch die Rechnung ohne die chinesischen Verbraucher gemacht. Die jedenfalls bestätigten in Umfragen bereits in überwältigender Mehrheit, dass sie im Falle eines Zoll- und Handelsstreits fraglos den Produkten aus ihrem eigenen Land die Treue halten würden. Ausländische „In“-Marken hin oder her – chinesische Käufer würden Chinamarken kaufen. Gerade dadurch könnte die Inlandsnachfrage im größten Land der Erde noch einmal mächtig anziehen, sagen Ökonomen. Der private Konsum war zuletzt ohnehin ein bisschen schwächer, als es sich viele gewünscht hatten. Stattdessen sorgte das Exportwachstum für den nötigen Schub der Wirtschaft. Wenn nun also die Inlandsnachfrage wieder kräftig anzöge, hätte China keinen großen Grund zur Sorge, da sind sich Marktbeobachter einig. Knapp 1,4 Milliarden Menschen leben in der Volksrepublik. Dagegen nehmen sich die 325 Millionen US-Einwohner recht bescheiden aus, die nicht einmal geschlossen hinter ihrem Präsidenten stehen. Trump riskiere dagegen eher die Rezession im eigene Land, warnen große Fondsmanager.

Man kann also abwarten, die dieses Duell der beiden großen Kontrahenten ausgehen wird. Oder schon jetzt auf China setzen, sagen optimistische Fondsmanager. Das ist eine gewagte Wette. Mit einem Indexfonds auf chinesische A-Aktien könnte man es aber wagen, wenn man nur einen kleinen Teil des liquiden Vermögens investiert und genug Geduld mitbringt um abzuwarten, wer am Ende als Held und wer als Besiegter aus diesem Streit hervorgehen wird.