TeuerungsrateSteigende Preise: die wichtigsten Fragen und Antworten zur Inflation

Die Inflationsrate in Deutschland liegt mittlerweile bei vier Prozent und ist damit so hoch wie zuletzt vor 28 Jahren
Die Inflationsrate in Deutschland liegt mittlerweile bei mehr als vier ProzentIMAGO / Panthermedia

#1 Steigen die Preise wirklich oder ist nur die Statistik verzerrt?

Im September ist die Inflationsrate in Deutschland – gemessen als Steigerung der Verbraucherpreise im Jahresvergleich – auf 4,1 Prozent und damit den höchsten Stand seit fast 30 Jahren geklettert. Bei vielen Verbrauchern, aber auch Politikern und Wirtschaftsvertretern, schrillen die Alarmglocken. Sie warnen davor, dass steigende Lebenshaltungskosten die Kaufkraft von Einkommen und Ersparnissen massiv entwerten. Viele Ökonomen versuchen dagegen, zu beruhigen und weisen darauf hin, dass der jüngste Anstieg in der jährlichen Inflationsrate vor allem auf eine Veränderung in der Statistik aufgrund von Preisbewegungen vor einem Jahr zurückzuführen ist, den sogenannten Basiseffekt.

Tatsächlich sind die Preise im Monatsvergleich von August bis September überhaupt nicht gestiegen. Das Statistische Bundesamt wies einen monatlichen Preisanstieg von 0,0 Prozent aus. Dennoch ist die meist als Inflationsrate zitierte Verbraucherpreissteigerung gegenüber dem jeweiligen Vorjahresmonat im September 0,2 Prozent höher als im August. Das liegt daran, dass die Preise zwischen den jeweiligen Vergleichsmonaten im Vorjahr, dem August 2020 und dem September 2020, 0,2 Prozent gesunken waren. Nicht die aktuelle Situation hat sich geändert, sondern die Vergleichsbasis in der Statistik. Die Ökonomen haben also recht, wenn sie sagen, dass sich die Inflation jüngst nicht noch einmal beschleunigt hat. Das entkräftet andererseits aber keineswegs die Aussage, dass die Lebenshaltungskosten deutlich gestiegen sind und Menschen sich bei gleichbleibendem Einkommen spürbar weniger leisten können.

Was viele, die derzeit über steigende Belastungen klagen, allerdings nicht berücksichtigen, sind die fallenden Preise vom vergangenen Jahr. Studien zeigen, dass Preissteigerungen oft überschätzt und deutlich stärker wahrgenommen werden als Preissenkungen. Deshalb können sich viele Verbraucher offenbar kaum noch erinnern, wie ungewöhnlich günstig sie im vergangenen Jahr getankt und im letzten Winter geheizt haben. Ein Großteil der aktuellen hohen Inflation ist tatsächlich nur eine Normalisierung nach diesen ungewöhnlichen Preisrückgängen des Jahres 2020. Das zeigt ein Vergleich der Preise mit dem Vor-Corona-Niveau. So liegt die Inflationsrate seit September 2019 im Jahresdurchschnitt noch immer leicht unter zwei Prozent – und damit auf dem Niveau, bei dem die Europäische Zentralbank Preisstabilität erreicht sieht.

#2 Sind die Preissteigerungen temporär oder erleben wir das Ende der jahrelang niedrigen Inflation?

Unbestreitbar sind einige Faktoren, die in den vergangenen 12 Monaten für Preissteigerungen gesorgt haben, Einmaleffekte. Dazu gehört die Wiederanhebung der im Zuge der Corona-Krise zeitweise gesenkten Mehrwertsteuer zum 1.1.2021. Dies schlägt sich im üblicherweise als Inflationsmaßstab verwendeten Jahresvergleich noch bis Dezember dieses Jahres als Preiserhöhung nieder und fällt dann plötzlich weg. Die Inflationsrate wird dann also deutlich sinken.

Weniger klar ist, ob es sich auch bei anderen Preistreibern nur um temporäre Effekte im Zuge der Corona-Krise handelt. So sorgen unterbrochene Liefer- und Logistikketten für Knappheit bei vielen Waren, was zu steigenden Preisen führt. Viele Ökonomen gehen davon aus, dass sich Probleme mittelfristig lösen werden. Staus in Containerhäfen werden peu à peu abgebaut, Investitionen der Produzenten in neue Werke, etwa für die derzeit knappen Computerchips, sorgen für ein steigendes Angebot. Allerdings dauert dieser Prozess nun schon eine Weile und geht offenbar langsamer vonstatten als viele Experten erwartet hatten.

Dann sind da noch die Energiepreise, die Hauptverantwortlichen für den steigenden Inflationsdruck. Zwar sieht die aktuelle Inflationsrate auch deswegen so beeindruckend aus, weil der Ölpreis auf dem Weltmarkt und infolgedessen die Verbraucherpreise für Heizöl, Treibstoff und andere Energieträger in Deutschland im vergangenen Jahr auf den tiefsten Stand seit Jahrzehnten eingebrochen waren. Daher ist die Basis für den Jahresvergleich in der Statistik derzeit ungewöhnlich verzerrt. Aber das heißt nicht, dass nicht noch weitere Preissteigerungen möglich sind. Im Gegenteil: Sowohl Europa als auch Asien erleben derzeit eine dramatische Knappheit bei den wichtigen Energieträgern Erdgas und Kohle. Da der Winter vor der Tür steht, sind weitere Preiserhöhungen zu erwarten.

Sorge bereiten auch die steigenden Kosten der Unternehmen. Die Erzeugerpreise – also die Preise, zu denen Waren und Dienstleistungen entstehen, nicht die, zu denen sie an Endverbraucher oder weiterverarbeitende Unternehmen verkauft werden – steigen derzeit deutlich schneller als die Inflation. Noch geben viele Firmen diese steigenden Kosten nicht voll an die Endkunden weiter. Was allerdings bislang nicht stattfindet, ist ein sich selbst verstärkender, klassischer Inflationskreislauf aus steigenden Preise, die erst zu höheren Lohnforderungen und damit zu höheren Löhnen führen, was wiederum die Kosten der Unternehmen steigen lässt, die die Preise erhöhen und so weiter. Dafür, dass wir am Beginn einer neuen Ära mit langfristig hohen Inflationsraten stehen, gibt es im Moment zumindest keinen Beleg.

#3 Die EZB und andere Zentralbanken haben in den vergangenen Jahren viel Geld geschaffen. Das musste ja über kurz oder lang zu einem Anstieg der Inflation führen, oder?

Diese Behauptung ist nicht haltbar. Warnungen vor der lockeren Geldpolitik der EZB gibt es seit mehr als zehn Jahren. Sie haben sich nicht bewahrheitet, weil sie auf falschen Annahmen beruhen. Vor allem auf der Idee, dass die im Zuge der Anleihekäufe enorm angestiegene Bilanzsumme der Zentralbank mit einer wachsenden Geldmenge gleichzusetzen ist, die sich unmittelbar in einer Geldentwertung und heftig steigenden Preisen niederschlagen müsste. Das ist immer noch falsch.

Vielmehr sind die aktuell treibenden Faktoren für die Inflation in den Preisstatistiken eindeutig identifizierbar, allen voran die Energie- und andere Importpreise. Diese sind aber eher von Faktoren wie der chinesischen Konjunktur, dem Wetter und damit der Ernte in Brasilien und Russland oder Covid-19-Ausbrüchen in wichtigen Seehäfen abhängig, als von der Geldpolitik der EZB.

Eine Straffung der Geldpolitik könnte den Preisaufstieg sogar verstärken, da dadurch Investitionen der Unternehmen in eine Erweiterung der Produktions- und Logistikkapazitäten und damit eine Beseitigung der Knappheiten verteuert und erschwert würden.

Der Beitrag ist zuerst erschienen auf ntv.de