Interview „Seit der Finanzkrise zählen wir fast vier Millionen neue Aktionäre“

Spielgeld: Trading-Apps machen Finanzanlagen zum Spiel. Das ver­führt gerade junge Anleger zum Traden – mit erschreckenden Risiken
Spielgeld: Trading-Apps machen Finanzanlagen zum Spiel. Das ver­führt gerade junge Anleger zum Traden – mit erschreckenden Risiken
© IMAGO / Westend61
Der Trend zu Aktien ist ungebrochen. Christine Bortenlänger, Geschäftsführende Vorständin des Deutschen Aktieninstituts, über den Hype ums Aktiensparen, die Rolle der Influencer dabei und die Unmöglichkeit, den richtigen Zeitpunkt abzupassen

Die Aktionärszahlen sind 2021 leicht zurückgegangen. War 2021 jetzt ein schlechtes Jahr? Oder sehen Sie das nicht so?

Christine Bortenlänger
Christine Bortenlänger
© Sammy Minkoff / IMAGO

CHRISTINE BORTENLÄNGER: Nach dem starken Anstieg im Jahr 2020 haben sich die Aktionärszahlen auf hohem Niveau stabilisiert. Das ist aus unserer Sicht positiv. Denn: Die starke Kursentwicklung an den Börsen im Jahr 2021 hat viele Millionen Aktiensparerinnen und Aktiensparer motiviert, beim Thema Aktienanlage am Ball zu bleiben. Das ist zu begrüßen, denn langfristiges Sparen stabilisiert die Rendite. 2021 war daher ein gutes Jahr für die Aktienkultur in Deutschland.

Im Jahr 2020 hatten sich ja besonders viele junge Anleger an den Aktien- und Fondsmarkt gewagt. Wie stark hat dieser Trend 2021 angehalten?

Der Trend bei den jungen Anlegern ist geblieben, hat sich aber im Vergleich zum Boomjahr 2020 leicht abgeschwächt. Auch im Jahr 2021 ist die Zahl der Aktiensparerinnen und -sparer in der Altersgruppe unter 30 Jahren gewachsen. Das ist sehr erfreulich, denn es zeigt: Junge Menschen erkennen und nutzen zunehmend die Vorteile der Aktienanlage.

Erleben wir da eine neue Generation von Anlegern, die möglicherweise selbstbestimmter mit Aktien umgeht? Und welche Rolle spielen die Social-Media-Kanäle und Trading-Plattformen dabei?

Wir freuen uns über jede Anlegerin und jeden Anleger, der sich für Aktien, Aktienfonds oder aktienbasierte ETFs interessiert. Seit der Finanzkrise zählen wir fast vier Millionen neue Teilnehmer am Aktienmarkt – darunter eine Million im Alter von unter 30 Jahren. Social-Media-Kanäle und Smartphone-Apps tragen gerade bei jungen Anlegerinnen und Anlegern zum wachsenden Aktieninteresse bei. Social Media bietet eine Kommunikation auf Augenhöhe. Doch auch hier heißt es kritisch sein. Nicht jeder Influencer oder jede Influencerin bieten unabhängige und kompetente Beratung. Insofern ist eine gewisse Grundbildung auch hier der beste Schutz gegen Fehlinformationen. Social Media ist aber gewiss nicht der einzige Grund, warum sich Menschen für Aktien interessieren. Und es ist auch nicht die einzige Möglichkeit, sich die Kenntnisse anzueignen, die man benötigt, um ein Aktiendepot einzurichten. Selbstverständlich beraten oder informieren auch Banken und Direktbanken sowie Sparkassen, wie man Aktien zum langfristigen Vermögensaufbau und für die Altersvorsorge ideal nutzt. Auch durch diese Angebote finden junge Menschen also den Weg an den Aktienmarkt.

Wie stark investieren die Jüngeren jeweils in Fonds oder Indexfonds, also ETFs? Und stimmt der Eindruck, dass die Jungtrader eher männlich sind?

In unserer Titelgeschichte in der neuen Capital widmen wir uns der neuen Generation von Anlegerinnen und Anlegern
In unserer Titelgeschichte in der neuen Capital widmen wir uns der neuen Generation von Anlegerinnen und Anlegern

In allen Altersklassen wird die Anlage in Fonds oder ETFs stärker genutzt als die direkte Anlage in ausgewählte Einzelaktien. Im Schnitt besitzen 57 Prozent aller Aktiensparerinnen und -sparer ausschließlich Fonds oder ETFs. Weitere 26 Prozent haben ausschließlich Aktien im Depot, und 17 Prozent nutzen beide Formen der Aktienanlage. Die Fonds- oder ETF-Anlage ist für viele Menschen der einfachere Weg, die wichtigen Grundprinzipien der Streuung und Langfristigkeit zu verwirklichen. Das geht aber natürlich auch mit einer selbst zusammengestellten Mischung von Einzelaktien aus verschiedenen Branchen. Unterschiede gibt es tatsächlich bei den Geschlechtern: Männer und Frauen setzen zwar ebenfalls primär auf Fonds und ETFs. Männer haben allerdings stärker auch Aktien einzelner Unternehmen im Depot. Das ist aber nicht nur ein Muster bei den jungen Aktiensparerinnen und -sparern unter 30 Jahren, sondern gilt ebenfalls über alle Altersklassen hinweg.

Sind die Neueinsteiger wirklich langfristig orientiert, oder geht es denen eher um kurzfristige Gewinne und kürzere Haltedauern?

Die große Mehrheit investiert breit gestreut und langfristig. Viele setzen in ihren Smartphone-Apps auf ETFs und Sparpläne, wo diese Prinzipien quasi eingebaut sind. Andere Studien zeigen, dass Direktanleger ihr Investment gut streuen und „ihren“ Unternehmen oft viele Jahre treu sind. Wer dagegen kurzfristig handelt, sollte sich bewusst sein, dass damit ein höheres Risiko einhergeht. Mit Timing-Entscheidungen kann man leicht daneben liegen. Es ist fast unmöglich zum Tiefstkurs zu kaufen und zum Höchstkurs zu verkaufen. Gleiches gilt für hektisches Umschichten von einer Aktie in die nächste oder das Setzen auf eine einzige Aktie. Es heißt an der Börse nicht ohne Grund: „Hin und Her macht Taschen leer“ und „Nicht alle Eier in einen Korb legen“.

Derzeit sind die Aktionärszahlen hierzulande wieder so hoch wie im Jahr 2000. Wir haben also die Delle wieder ausgebügelt, die der Crash des Neuen Marktes hinterließ. Wachsen die Aktionärszahlen wohl erstmals deutlich darüber hinaus? Und wird die Mehrzahl der Aktien- und Fondsbesitzer wohl auch dabeibleiben, wenn ein neuer Marktabschwung kommt?

Ich bin zuversichtlich. Mit einer langfristigen, breit gestreuten und kontinuierlichen Aktienanlage kann man mit hoher Sicherheit sehr gute Erträge erwirtschaften – allen Krisen zum Trotz, das zeigen zahlreiche Studien, die teilweise bis zu 100 Jahre zurückgerechnet haben. Auch unsere Rendite-Dreiecke belegen das sehr anschaulich. Wenn der Gesetzgeber jetzt nun auch endlich unser Rentensystem mit mehr Aktien stabilisiert wie in vielen anderen Ländern und wie im Koalitionsvertrag vereinbart, werden es eher noch mehr private Aktiensparer werden, die auf dieser Erfahrung aufbauen.

Interesse an Capital ? Hier geht es zum Abo-Shop , wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei iTunes und GooglePlay


Mehr zum Thema



Neueste Artikel