KolumnePaul Volcker und das Ende des Zeitalters der Inflationsbekämpfung

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

Dem historischen ‚Frontier‘-Gedanken folgend steht traditionell Wachstum im Vordergrund amerikanischen Denkens. Die Notenbankpolitik Paul Volckers war aus der Not geboren. Rasante Preissteigerungen im Nachgang der Ölkrise der 70er-Jahre des letzten Jahrhunderts sorgten für eine galoppierende Inflation in den USA. Es war der von Jimmy Carter ernannte Paul Volcker, der mit einer keineswegs allseits beliebten Hochzinspolitik den Preisauftriebstendenzen ein allmähliches Ende setzte.

Fortan orientierte man sich auch in Washington stärker am Erfolgsmodell der Deutschen Bundesbank, die sich stets dem Ziel der Geldwertstabilität verpflichtet sah. Und wenngleich die Unabhängigkeit der Notenbank auch während Volckers Amtszeit von interessierter Seite angegriffen wurde, wusste sich der in Europa ausgebildete Ökonom dieser Attacken zu widersetzen.

Die Politik spielt heute eine größere Rolle

Heute leben wir in einer scheinbar ganz anderen Welt. Die Bundesbank ist heute nur noch eine aufgepeppte Statistikbehörde und die Inflationsmessung erfolgt viel kreativer als ehedem. Ob die Notenbanken unabhängig von der Politik agieren, ist fraglich geworden. Dass mit Christine Lagarde erstmalig eine vormalige Politikerin (französische Finanzministerin) die Position einer Notenbankpräsidentin einnimmt, spricht Bände.

Das amerikanische Notenbanksystem der Federal Reserve ist mittlerweile zu einer Gelddruck- und Staatsfinanzierungseinrichtung mutiert. Ihr europäisches Pendant, die EZB, hat es ihr unter Mario Draghi nachgetan und mit der Einführung negativer Zinsen sogar getoppt. Es ist nicht völlig abwegig zu vermuten, dass die Dauerniedrigzinspolitik nicht zuletzt der Rettung der überschuldeten EU-Südländer beziehungsweise der Sanierung der Staatshaushalte (auch in Deutschland) geschuldet ist.

Politik und Notenbank verweisen heute stolz auf die niedrigen amtlichen Inflationsraten. Mitunter wird sogar behauptet, die moderate Teuerung seit Einführung des Euro zeige gar dessen Überlegenheit gegenüber der D-Mark. Dabei unterschlägt wird wissentlich unterschlagen, dass es zu D-Mark-Zeiten ein viel kräftigeres Wirtschafswachstum gab. Seit dem Jahr 2000 fiel es in Europa dagegen eher mager aus. Außerdem übersieht die offizielle Euro-Apologie jene Sachwertinflation, die in den letzten Jahren stattgefunden hat. Nirgendwo ist das sichtbarer als am Immobilienmarkt.

Veränderte Prioritäten in Amerika

Zu den gefährlichen Nebenwirkungen der EZB-Politik gehört das Siechtum europäischer Banken. Anders als in den USA wird ein gesunder und robuster Bankensektor in der Eurozone nicht sonderlich hoch priorisiert. Dieser Umstand mag sich im Verzicht auf negative Zinsen in den USA widerspiegeln. Jedenfalls hat er dazu beigetragen, dass amerikanische Kreditinstitute heute wesentlich stärker dastehen als ihre europäischen Wettbewerber.

Zudem gewinnen Kräfte der Deregulierung in Amerika unter Präsident Donald Trump an Fahrt. Deshalb nimmt es auch nicht Wunder, dass die nach dem ehemaligen Notenbankchef benannte Volcker-Regel, die im Anschluss an die Subprimekrise eingeführt wurde und die Investmentaktivitäten der Geschäftsbanken einschränkte, inzwischen aufgeweicht wurde. Auch auf diesem Feld hat nunmehr eine neue Epoche begonnen.

 


Christoph Bruns ist Fondsmanager, Vorstand und Hauptaktionär der Fondsgesellschaft Loys AG. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Christoph Bruns