VG-Wort Pixel

Nicolas Mackel „Bei der Bankenunion sind alle Augen auf Berlin gerichtet“

Nicolas Mackel ist CEO der Finanzplatzinitiative Luxembourg for Finance
Nicolas Mackel ist CEO der Finanzplatzinitiative Luxembourg for Finance
© LFF
Nicolas Mackel ist gelernter Diplomat und Cheflobbyist des Finanzplatzes Luxemburg. Wenn es um die Kapitalmarkt- und Bankenunion geht, klingt er gar nicht diplomatisch. Europa dürfe bei diesen Projekten nicht länger zaudern – und die Bundesregierung müsse über ihren Schatten springen 

Europa ist im Welthandel eine Macht, doch in der Finanzwirtschaft spielt es nur in der zweiten Reihe. Das müsse sich dringend ändern, sagt Nicolas Mackel, Chef der Finanzplatzinitiative Luxembourg for Finance. „Wir müssen Europa stärken, indem wir uns stärker integrieren“, sagt der Chef-Lobbyist der Luxemburger Finanzbranche im Interview. „Die Kapitalmarkt- und die Bankenunion sind strategisch wichtig für Europa. Das hilft uns weltpolitisch relevant zu bleiben und mit den USA und China auf Augenhöhe zu reden.“

Kapitalmarkt- und Bankenunion sind zwei Projekte, mit denen die Europäische Union (EU) den Binnenmarkt im Bereich Finanzen ausbauen will. Das soll zum einen mehr Finanzstabilität und Unabhängigkeit von London schaffen, aber auch die Finanzierung von Wachstum und „grüner“ Wende in der Wirtschaft erleichtern.

Doch die ambitionierten Projekte stocken, insbesondere die Bankenunion steckt seit Jahren kurz vor der Vollendung fest. Nachdem sich die Mitgliedstaaten auf eine gemeinsame Bankenaufsicht für die großen Institute unter dem Dach der EZB und einen einheitlichen Mechanismus für die Abwicklung von Pleite-Banken geeinigt haben, klemmt es noch immer bei der gemeinsamen Einlagensicherung. Gegen diese sperren sich insbesondere die deutschen Bankenverbände und die hiesige Politik. „Bei der Bankenunion sind alle Augen auf Berlin gerichtet“, sagt Mackel. „Jeder in Europa muss jetzt über seinen Schatten springen und es braucht jemanden der aufsteht und sagt: Wir machen das jetzt mit der Einlagensicherung.“ In Berlin ist es um das Thema allerdings zuletzt sehr ruhig geworden.

„Gesamtsystem stabiler“

Der Vorteil in einer gemeinsamen Einlagensicherung besteht für Mackel in mehr Widerstandsfähigkeit des Gesamtsystems. „Bei einer gemeinsamen Einlagensicherung steht jeder im Fall einer Insolvenz einer einzelnen Bank in Europa für die Ansprüche der Einleger ein. Das macht das Gesamtsystem wesentlich stabiler.“ Das würde helfen, dass endlich wieder eine Bank aus der EU global vorne mitspielen kann. Die Deutsche Bank hat diese Rolle eingebüßt, nur die französische BNP Paris kann nach Einschätzung von Bankenanalysten noch global wirklich mithalten.

Als Bremser betätigt sich Mackels Beobachtung zufolge aber nicht nur die Bundesregierung, wenn es um die Kapitalmarktunion geht. Darunter fallen unzählige Einzelmaßnahmen von gemeinsamen Insolvenzregeln bis hin zu gemeinsamen Standards für Wertpapier-Prospekte. Ziel ist es, einen gemeinsamen Kapitalmarkt zu schaffen, denn dieser ist in der EU bislang zersplittert und daher wenig leistungsfähig.

Das Projekt war bereits in Reaktion auf den britischen EU-Austritt angeschoben worden, doch angesichts der russischen Aggression und dem Aufstiegs Chinas bekommt es laut Mackel noch mehr Bedeutung. „Die Kapitalmarkt-Union bekommt jetzt auch eine geopolitische Dimension“, sagt der frühere Diplomat. Das sollten seiner Ansicht nach Politiker im Kopf haben, die wenig Begeisterung für das Projekt zeigen. Was allerdings auch ein Stück weit verständlich sei, denn zum einen machten die nationalen Lobbyisten vielfach der Politik Druck, um den jeweiligen Status quo zu erhalten, zum anderen sei etwa mit einer Prospektrichtlinie bei der Wählerschaft kaum Sympathie zu gewinnen.

Briten können mit Brexit nichts anfangen

Der Brexit hat durch den Regierungswechsel in London jüngst wieder mehr Aufmerksamkeit in der Finanzbranche erhalten. Die neue Premierministerin Liz Truss will die Regeln für die im Vereinigten Königreich so dominierende Finanzbranche lockern, um ihr zu mehr Wachstum zu verhelfen. Nun spricht Mackel für Luxemburg und damit für einen der kontinentaleuropäischen Konkurrenzen der Londoner, doch seiner Beobachtung nach werden die Reformen nichts daran ändern, „dass London an Attraktivität für Investoren verloren hat“. Das EU-Geschäft werde in der EU betrieben und die Aufseher würden „einen sehr genauen Blick“ darauf werfen.

Hinter den von Truss angekündigten Reformen stecke „wenig dahinter“, sagt Mackel. „Die Briten wollen ihre neue Freiheit von der EU ausnutzen. Aber derzeit scheinen sie auch nicht zu wissen, was sie damit machen wollen“, sagt er. „Sie behalten nur den Teil des Geschäftes, den sie jetzt auch schon haben. Aktuell sehe ich nichts, was sie nicht auch als Mitglied der EU hätten machen können.“


Mehr zum Thema



Neueste Artikel