BörsencrashNicht der Markt wurde getestet – sondern Sie!

Ein Händler an der Wall Street verfolgt ungläubig den massiven Kursturz am MontagGetty Images

Hören Sie auf, einen Sinn hinter den Aktienmarktbewegungen zu suchen!

Auf die Frage, die sich jeder Anleger am Montag gestellt hat, gibt es keine Antwort. Die Frage nach dem „Warum“. Warum schloss der Dow Jones fast 1200 Punkte niedriger?

Marktkommentatoren argumentieren nun schon wieder, dass die Börsen reif zum Einbruch waren – weil die Zinsen steigen und die Inflation ebenfalls klettern wird, weil die Konjunktur heiß läuft. Doch es ist keine ein, zwei Wochen her, bevor die Aktien einbrachen, da sagten Analysten noch ebenso wortgewandt, dass moderate Zinsanstiege und Inflation gut für die Börsen seien.

Keine Frage: Aktien waren zuletzt historisch betrachtet teuer. Und das nun schon für eine gewisse Zeit. Investoren waren zuletzt außerordentlich optimistisch. Im Januar stiegen die Gewinnschätzungen für die Firmen im S&P 500 laut FactSet mit dem höchsten Prozentsatz seit 2002.

Doch genau diese erstaunliche Mühelosigkeit des Aktienmarkts über die letzten Jahre hat den Boden bereitet für einen Schock unter Anlegern – sobald die Börsen einmal um fünf Prozent einbrechen, so wie am Montag geschehen. In einem Markt mit geringer Volatilität, wie wir ihn jüngst für lange Zeit erlebt haben, führen eben schon kleine Einbrüche zu Armageddon-Geschrei. Umso mehr gilt, man sollte eben auf langfristige Returns setzen, damit kurzfristige Verluste einen als Anleger nicht aus der Bahn werfen.

Dow Jones Industrial Average Index

Dow Jones Industrial Average Index Chart

Man sollte auch bedenken, dass der Schmerz eines Markteinbruchs nicht nur von seiner Größe abhängt, sondern von seiner Schärfe im Vergleich zur Erfahrung in der Zeit davor. Ein Fünf-Prozent-Einbruch im Jahr 2008 oder 2009 wäre fast Routine gewesen. Jetzt fühlt es sich aber wie eine beängstigende Schwankung an.

Keine rationale Erklärung

Doch so wie niemand bis heute weiß, warum der Markt im September 1929 gecrasht ist oder im Oktober 1987, so ist auch die Suche für eine rationale Erklärung des Wahnsinns am Montag sinnlos.

Der Schriftsteller Joseph Conrad hat die Natur des Menschen sehr gut verstanden. In seinen 1912 veröffentlichten Memoiren, erzählt er eine Anekdote aus seiner Familiengeschichte in Polen. Nachdem eine Truppe von Kosaken in das Territorium von Conrads wohlhabendem Großonkel eingefallen war, herrschte Unruhe. Dutzende aufgebrachte Bauern, bereit zu Plünderungen, versammelten sich in und um das Haus seines Großonkels. Ein loyaler Diener und lokaler Priester besänftigte die Menge, die Spannung in der Luft begann zu weichen.

Doch gerade als die Menschenmenge anfing, das Haus zu verlassen und nach Hause zu gehen, stieß ein Bauer versehentlich gegen einen Tisch und darin klimperten Münzen. Sofort stieß er ihn auf, Goldmünzen rollten heraus.

Auf einen Schlag schaltete die Menge von Rückzug auf Krawall. Sie strömten voller Zerstörungswut zurück ins Haus, schlugen alles kurz und klein, so dass ein Diener anschließend berichtete, es seien nicht zwei Stücke Holz mehr heil gewesen im gesamten Haus.

Emotion ersetzt Logik

Exakt so sind auch die Märkte. Millionen von Menschen agieren nicht immer strikt rational, in Reaktion auf eine neue Information. Meistens reagieren sie auf gar nichts Konkretes, sondern eher darauf, was sie vermuten, wie andere reagieren werden. Innerhalb eines Wimpernschlags kann so Logik zu Emotion zerfließen.

Der Montags-Wahnsinn erinnert uns daran, dass das Spekulieren an der Börse nicht automatisch reich macht. Zweimal in den vergangenen 20 Jahren – zwischen 2000 und 2002 und dann noch einmal zwischen 2007 und 2009 – hat der Aktienmarkt das Vermögen von Anlegern ungefähr halbiert.

Niemand kann genau sagen, wann das wieder passiert. Aber jeder sollte wissen, dass es passieren kann. Und sogar vermutlich auch passieren wird. Wenn ein Fünf-Prozent-Tageseinbruch Sie in Panik versetzt, dann haben Sie vermutlich etwas zu viel in Aktien investiert als es ihrer seelischen Gesundheit gut tut.

Copyright: The Wall Street Journal 2018