KolumneNeun Jahre Aktienhausse - leider ohne deutsche Anleger

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

In der letzten Woche jährte sich der Anfang der derzeitigen Börsenhausse zum neunten Mal. Damit sucht die gegenwärtige Aufwärtsentwicklung an den Aktienmärkten in der Börsengeschichte ihresgleichen. Mitunter konnte man während der letzten Jahre des öfteren hören, diese Hausse sei besonders ungeliebt, weil die Partizipation an ihr so gering sei. Tatsächlich beschleicht potentielle Anleger stets das mulmige Gefühl, einen Börsenanstieg zu verpassen.

In Wirklichkeit verhält es sich mit der Aktienrally der letzten neun Jahre eher umgekehrt: Weil so wenige Investoren die Entwicklung für vorstellbar gehalten haben, ist die Teilhabe so gering und der Aufwärtspfad so robust.

Seinen Ausgangspunkt findet der Aktienaufschwung in den Tiefen der globalen Finanzkrise, die als amerikanische Subprime-Krise begann. Kollabierende Banken und Finanzinstitute markierten im Herbst des Jahres 2008 den Höhepunkt der Krise, an der übrigens staatliche deutsche Landesbanken in erschreckend großem Umfang teilhatten. Vor wenigen Tagen wurde bekanntlich die HSH Nordbank schmählich und mit hohen Verlusten für die gebeutelten Steuerzahler an private Investoren verkauft.

Durch Verstaatlichungen (beispielsweise GM, Fannie Mae und Freddy Mac) und nationale Rettungsschirme (etwa TARP und TALF) und eine bis dahin unvorstellbar lockere Geldpolitik wurde dann das Ruder herumgerissen. Steuerzahler und Zinssparer mussten für die Verantwortungslosigkeit im amerikanischen Finanzsektor und darüber hinaus geradestehen. Die amerikanische Notenbank Fed schwang sich zum Retter in letzter Not auf. Ihre Geldpolitik bescherte Besitzern von Anleihen über Jahre hinweg große Kursgewinne.

Hang der Börse zu Kollateralschäden?

Wie in jedem Börsenkrach fielen die Aktienkurse auch 2008 auf großer Breite, obwohl es sich bei der Krise eigentlich um eine Immobilien- und Bankenkrise handelte. Das solidarische Mitfallen von Aktien aus dem Industrie- und Dienstleistungssektor führte jedoch zu deutlichen Unterbewertungen bei vielen Titeln. Der Hang der Börse zu Kollateralschäden hatte sich ein weiteres Mal manifestiert, nachdem bereits in der Dotcom-Krise des Jahres 2001 die Börse auf breiter Front Einbrüche verzeichnen musste, obwohl die damalige spekulative Bewertungsblas vor allem den Internetsektor betraf.

Eine Melange aus Pessimismus, günstigen Bewertungen und negativen Realzinsen erwies sich jedoch als bester Humus für die seit dem 9. März 2009 beginnende Börsenhausse. Befeuert von der stark wachsenden Technologiebranche und der Ubiquität von Mobiltelefonen legen viele Unternehmen seit Jahren sehr erfreuliche Gewinnentwicklungen an den Tag. Zum wirtschaftlichen Stabilitätsanker der Welt mutierte China, das seit Jahren ehrgeizige konjunkturelle Wachstumszahlen erwirtschaftet. Hinzu trat die Alternativlosigkeit der Aktienanlage, nachdem sich auch in Europa und Japan eine Nullzinspolitik durchsetzte.

Hausse liefert Wohlstandsgewinne

Mittlerweile sind die meisten Staaten dem Krisenmodus entronnen. Die Börsenbewertungen sind nicht mehr zu niedrig und in den USA ist eine Zinswende zu beobachten.

Deutsche Anleger waren im Großen und Ganzen nicht in der Lage, an der Börsenhausse teilzunehmen. Dafür fehlt in Deutschland in weiten Teilen der Gesellschaft die geeignete Mentalität. Aber die Welt im Ganzen hat seit dem Beginn der Hausse enorme Wohlstandsgewinne zu verzeichnen, die sich vor allem bei denjenigen akkumulieren, die sich am Produktivvermögen – sprich Aktien – beteiligen. China und Asien im Allgemeinen haben einen Sprung nach vorne gemacht.

Gezeitenwandel in den USA

Heute stechen mehrere ökonomische Probleme ins Auge. Zunächst fällt auf, dass die Altersvorsorge- und Gesundheitssysteme vieler Länder Gefahr laufen, in Finanznot zu geraten. Außerdem sind die allermeisten Staaten heute höher verschuldet als noch vor der Finanzkrise. Parallel dazu verschlechtert sich die demographische Situation in den Industrieländern zusehends.

Und schließlich vollzieht sich seit der Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten ein Gezeitenwandel in der Grundausrichtung Amerikas. Letztgenannte Entwicklung könnte, so sie sich als dauerhaft erweist, ähnlich weitreichend sein wie seinerzeit die Wahl Michael Gorbatschows für die Sowjetunion.

Aus Chicago
Ihr

Dr. Christoph Bruns