KolumneNetflix und der Wahnsinn an der Börse

Netflix-Zentrale in Los Gatos
Netflix-Zentrale in Los GatosNetflix

Als ich vor einigen Wochen eine Frankfurter Gesamtschule für einen Block zur finanziellen Allgemeinbildung besuchte, hatte ich ein Aha-Erlebnis: Die Schüler sollten in einer Gruppendiskussion die typischen Lebenshaltungskosten nach ihrem Auszug von zuhause ermitteln. Dabei kamen bereits als fünfter oder sechster Punkt wie selbstverständlich und unwidersprochen 10 Euro für ein Netflix-Abo ins Spiel. Es ging nicht um irgendeinen Streamingdienst, Medien oder ähnliches – nein, es ging um „Netflix“. Und genauso stand da zwischen Kleidung, Strom, Gas, Essen und Trinken auf dem Flipchart: Netflix, 10 Euro.

Das ist ja ein Ding, dachte ich. Wenn Netflix bereits als weitgehend unverhandelbarer Ausgabenblock für die erste Wohnung gilt, stehen die Dinge offenbar gut für den Streamingdienst – und das auch demografisch.

Dummerweise ist das natürlich kein exklusives Expertenwissen. Denn Netflix ist eine Aktie, die sich binnen einer Dekade verhundertfacht hat. Sie ist in meinen Augen nicht weniger als ein zeitgeschichtliches Phänomen. In der Gesellschaft aus den oben genannten Gründen, denn Netflix sickert in den Sprachgebrauch ein. Am Kapitalmarkt, weil sich entlang der Netflix-Aktie sehr gut der Wahnsinn der aktuellen Börsenlage erklären lässt, in dem der Optimismus unter Unternehmern wie Aktionären keine Grenzen zu kennen scheint. Der Optimismus, der davon ausgeht, die Versorgung mit Geld für weiteres Wachstum ginge quasi ewig weiter, was natürlich so nicht stimmt.

Netflix Aktie

Netflix Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Teures Wachstum

Aber der Reihe nach: Die Netflix-Aktie ist Teil jenes Quartetts, das seit Jahren mit atemberaubenden Kursanstiegen den gesamten US-Aktienmarkt mitzieht, den so genannten „Fang“-Aktien Facebook, Amazon, Netflix und Google. Die Netflix-Aktie verdoppelt sich seit nunmehr einem Jahrzehnt im Schnitt alle eineinviertel Jahre, für die jüngste Verdopplung hat sie gerade einmal noch sechs Monate gebraucht – die Dinge werden exponentiell, wie es so schön heißt. Aktuell ist Netflix mit rund 165 Mrd. US-Dollar (entspricht rund 140 Mrd. Euro) an der Börse bewertet. Zur Einordnung: Das ist mehr, als aktuell die Deutsche Post, Münchener Rück, Eon, die Deutsche Bank, Vonovia, Thyssenkrupp, Commerzbank und Lufthansa zusammen auf die Börsenwaage bringen.

Es gibt allerdings einen entscheidenden Unterschied zwischen Netflix und den übrigen großen Technologieaktien wie Google oder Facebook: Netflix wächst zwar rasant. Anfang der Woche vermeldete man ein Plus von rund 40 Prozent zum Vorjahresquartal beim Umsatz und von rund 25 Prozent bei den Abonnenten. Insgesamt sind weltweit nun 130 Millionen Menschen Netflix-Kunden.

Das ist aber weniger dynamisch, als der Börsenwert wächst. Und: Netflix lässt sich das Wachstum sehr viel kosten. Mehr, als es verdient. Zwar weist der Konzern knapp 400 Mio. US-Dollar Quartalsgewinn aus. Behalten die Analysten recht und verdient der Konzern 2018 netto 2,71 US-Dollar je Aktie, ergibt sich daraus nicht nur ein luftiges Kurs-Gewinn-Verhältnis von 140 für das aktuelle Jahr. Die bilanziell aussagekräftigere Kennziffer des freien Cashflows zeichnet zudem ein – neutral betrachtet – kritischeres Bild der Lage. Das Wachstum kostet Geld, das der Konzern schlicht nicht erwirtschaftet. Hier liegt der entscheidende Unterschied zwischen Netflix und anderen rasch wachsenden Konzernen mit hoher Bewertung wie etwa Amazon.