AnalyseKampf ums Öl

Autofahrer wissen ganz gut über die Entwicklung des Ölpreises Bescheid, und das Treibstoff-Barometer zeigt deutlich nach unten: Hatte ein Liter Diesel inklusive Steuern und Abgaben bis Herbst 2014 hinein monatelang mehr als 1,35 Euro gekostet, ist der Preis auf etwa 1,10 Euro gefallen. Das reine Rohöl hat in dieser Zeit noch viel heftiger an Wert verloren. Zuletzt kostete das 159-Liter-Fass – die traditionelle Handelseinheit – je nach Sorte um die 50 US-Dollar. Zwischen 2011 und Mitte 2014 hatten die Ölförderer regelmäßig um die 110 US-Dollar pro Fass kassiert.

Der Ölpreis ist in den vergangenen Monaten nicht nur eingebrochen, zuletzt schwankte er auch noch massiv. So hatte er im Sommermonat August zwischenzeitlich um 18 Prozent nachgegeben, bevor er dann an den letzten vier Handelstagen wieder um 27,5 Prozent zulegte. Die Marktteilnehmer seien offensichtlich verunsichert, sagt Maximilian Uleer, Rohstoff-Experte der Bank Sal. Oppenheim. Mittelfristig könnte der Preis zwar wieder auf rund 60 US-Dollar je Barrel steigen. Vorerst müssten Investoren aber weiterhin mit starken Schwankungen rechnen. Selbst im Jahr 2018 sieht die Weltbank den Fasspreis für Öl nicht über 70 US-Dollar klettern.

Sollte es nicht zu unvorhersehbaren politischen Verwerfungen kommen, dürfte Öl also in den kommenden Jahren mit großer Wahrscheinlichkeit billig bleiben, denn die entsprechenden Prognosen fußen auf zwei kaum zu widerlegenden Argumenten: steigendem Angebot und sinkender Nachfrage.

Schieferölproduktion ist rückläufig

Das Angebot an Öl ist seit Sommer 2014 massiv gestiegen. Vor allem die Staaten, die nicht dem von Saudi-Arabien angeführten Ölkartell Opec angehören, haben massiv Öl in den Markt gepumpt, allen voran die USA, die immer mehr Schieferöl förderten. Die Opec drosselte ihrerseits die Fördermengen nicht, um ihren Marktanteil zu verteidigen. Inzwischen ist der Preis so stark gefallen, dass der größte Teil der Ölproduzenten bereits nicht mehr rentabel arbeiten kann, sagt Roberto Cominotto, Energiefonds-Manager bei GAM: „Die US-Schieferölproduktion – der Wachstumstreiber des globalen Ölangebots der vergangenen Jahre – ist jetzt deutlich rückläufig“, berichtet Cominotto. Bestes Indiz dafür: Im Vergleich zum Vorjahr ist die Zahl der Neubohrungen auf dem nordamerikanischen Kontinent bereits um 60 Prozent gesunken, auch die laufende Produktion geht inzwischen zurück.

Eine massive Angebotsverknappung ist aber trotzdem kaum zu erwarten. Erstens hält der Kampf um Marktanteile zwischen den Saudis und den US-Amerikanern an. Saudi Arabien produziert zum aktuellen Preis zwar Verluste, der Staat musste dafür zuletzt seine Devisenreserven anzapfen. Andererseits hängen 90 Prozent der Staatseinnahmen und 45 Prozent der Gesamtwirtschaft des Landes am Öl. Umso erbitterter wird Saudi-Arabien versuchen, die neue Konkurrenz aus den USA kleinzuhalten.

Gegen den Willen der Saudis kann auch die OPEC ihre Fördermengen kaum drosseln, während zugleich bereits bei einem Preis von 60 US-Dollar wieder mehr US-Schieferöl produziert werden dürfte, schätzt Sal.-Oppenheim-Spezialist Uleer. Zweitens kehren ab dem kommenden Jahr auch noch die Iraner auf den Markt zurück. Sie waren jahrelang wegen internationaler Sanktionen als Ölexporteur ausgefallen, dürfen nach erfolgreichem Atomabkommen und Ende des Embargos ab 2016 aber wieder mitmischen und ihre Förderung sukzessive ausweiten.

Kein Nachfrage-Einbruch in China

Etwas unklarer sind die Aussichten auf Nachfrageseite. Die hatte zuletzt vor allem unter der schwächeren Wirtschaftsentwicklung in China gelitten. Das Land fällt aber keinesfalls als Öl-Nachfrager aus. So stiegen die chinesischen Ölimporte allen schlechten Konjunkturnachrichten zum Trotz im Jahresvergleich um 5,6 Prozent, auch der Ölverbrauch im Land zieht neuerdings wieder an. Die chinesische Regierung nutzt das Preistief offenbar, um die Lager zu füllen. „Dieser Trend dürfte sich in den nächsten Monaten fortsetzen“, schätzt Uleer.

Und in den entwickelten Industriestaaten wirkt der günstige Ölpreis regelrecht als Konjunkturprogramm. Vor allem US-Autofahrern kommt der billige Sprit extrem zugute. Diese „Dividende des günstigeren Öls“ sei bislang noch nicht vollständig umgesetzt, sagt Marino Valenise von der Fondsgesellschaft Baring Asset Management in London. Eine durch Billig-Öl erzeugte bessere wirtschaftliche Entwicklung ist auch in Europa denkbar. Das wiederum könnte dem Ölpreis Auftrieb verschaffen.