GeldanlageBörsen wetten auf Italien‑Referendum


Nadine OberhuberNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen

 


Sehen Sie die Leute auf der Straße auch reihenweise zittern? Natürlich, es ist ja bitterkalt da draußen, werden Sie jetzt vielleicht sagen. Aber das ist nicht der einzige Grund, weswegen viele derzeit mit den Zähnen klappern und ihnen die Knie schlottern, zumindest behaupten das die Berichterstatter. Sie meinen nämlich zu beobachten, dass ganz Europa vor dem Referendum in Italien bebt. Sie sehen Anleger zittern, nicht bloß die italienischen, auch die Deutschen. Und die europäischen Börsen gleich mit ihnen. Besitzern von Staatsanleihen geht es dem Vernehmen nach auch nicht besonders gut und den Inhabern von Bankaktien erst recht nicht. Sie alle bibbern noch eine Weile, weil keiner weiß, wohin die Kurse demnächst drehen.

So lange, bis die Italiener am Sonntag per Referendum über die Verfassungsreform von Regierungschef Matteo Renzi entschieden haben. Und dann noch einige Zeit, bis klar ist, was ihr Votum überhaupt heißt. Es entscheidet nämlich nicht nur über die Zukunft des chronisch angeschlagenen Italiens und über sein politisches Geschäft sowie über seine Wirtschaft. Sondern es ist auch ein wichtiger Tag für den Rest Europas. Schließlich hat die italienische Opposition angedroht, ein Nein zu Renzi bedeute letztlich nichts anderes als ein Nein zur EU, mithin also auch den Ausstieg aus der gemeinsamen Währung.

Folgt nach dem Brexit also bald auch der Italexit? Das ist die bange Frage, die sich viele stellen. Und wenn es denn so weit kommen sollte: Was hieße das dann für den politischen, den wirtschaftlichen und den finanziellen Fortgang in allen europäischen Ländern?

Wo bleibt das Brexit-Beben

Natürlich kann diese Frage derzeit niemand seriös beantworten. So wenig wie die Welt es vor dem Austritt der Briten vermochte, obwohl sich viele daran versuchten. Im Grunde aber wissen alle Beteiligten und Unbeteiligten nicht einmal jetzt – ein knappes halbes Jahr nach dem Referendum auf der Insel – was das dortige Votum denn nun wirklich heißt. Ausgetreten ist zumindest noch keiner der EU-Mitgliedsstaaten, auch wenn offenbar die Vorkehrungen laufen. Ob Großbritannien sie durchziehen wird, auf die Gefahr hin, dass es damit zu Kleinbritannien wird, wird sich frühestens im nächsten Jahr zeigen.

Nur eines schien vielen Beobachtern bereits vorab klar: Die Entscheidung für den Brexit würde ein wahres Beben an den Finanzmärkten verursachen. Darauf aber warten bisher auch alle. Die vorläufige Bilanz: Der britische Aktienindex ist seit Juni gestiegen, von 6300 auf 6800 Punkte. Er bewegte sich im Oktober noch nahe an seinem Fünfjahreshoch von 7080 Punkten. Börsenbeben sehen irgendwie anders aus.

Überdies sind bisher die Folgen der Abstimmung bei weitem nicht nur negativ: Zwar sinken die Auftragseingänge und ein Abbau von Arbeitsplätzen insbesondere in der Finanzmetropole London wird befürchtet. Aber die Inflation sinkt dafür stark. Die Verkäufe im Einzelhandel dagegen steigen, der Konsum springt also an. Und seit dem Referendum legt vor allem eine Zahl zu: Selten investierten so viele Unternehmer auf der Insel.

Investoren tätigen Leerverkäufe

Fällt also auch in Italien der große Absturz aus, auf den zurzeit so viele wetten? Schön wär´s. Natürlich kann man beide Länder nicht vergleichen. Und im Falle Italiens ist vieles komplizierter. Die große Wette auf den Absturz immerhin gehen derzeit viele ein: Während etliche Großanleger vor dem Brexit unentschlossen waren, haben sie vor dem Renzi-Referendum anscheinend recht eindeutig Position bezogen. Zumindest warnte der Chef der Mailänder Börse gerade, dass eine Reihe von Großinvestoren aus den Vereinigten Staaten auf sinkende Kurse in Italien setze. Sie hätten Aktien und Anleihen in sehr großem Umfang „geshortet“, wie es im Finanzsprech heißt, also Leerverkäufe getätigt. Das heißt, sie wetten auf den Crash, auf stürzende Börsenkurse nach dem Referendum. Brechen die Kurse tatsächlich ein, gewinnen die Spekulanten viel Geld. Je tiefer die Notierungen fallen, weil die Anleger nervös werden, umso mehr. Das klingt, als hätte der Kapitalmarkt sein Urteil bereits gefällt. Stimmt aber nicht.

Natürlich spielt den Shortsellern in die Hände, dass sich die Nachrichten ihrer Negativwetten rasend schnell verbreiten, denn eine Panik unter Anlegern käme ihnen gerade recht. Vermutlich werden auch noch einige Trittbrettfahrer mit auf den Zug der Leerverkäufe aufspringen und die negative Stimmung wortreich anheizen. Weil sie ebenfalls profitieren wollen. Die Gegenbewegung gibt es aber auch, auch wenn sie weniger laut und wortreich auf sich aufmerksam macht: Es gibt viele, die gerade jetzt auf italienische Papiere setzen. Und auf europäische Bankpapiere, die von einem Italiencrash arg mitgezogen würden. Einer dieser Wagnisanleger ist das weltweite ETF-Imperium Blackrock. Es outete sich als Bankpapierkäufer und bekannte, weiterhin italienische Staatsanleihen zu halten, wenn auch etwas weniger als zuvor. Einige Analysten befanden zuletzt ebenfalls: Italienaktien hätten schon so viel an Wert verloren, dass ein weiteres Absinken kaum noch möglich sei. Die Risiken seien also bereits eingepreist, wie es im Finanzdeutsch immer heißt.

Tatsächlich haben italienische Aktien seit Mitte letzten Jahres kontinuierlich an Boden verloren. Von 23.800 Punkten sind sie auf 16.900 Punkte abgestürzt, das war ein Minus von rund 27 Prozent in nur eineinhalb Jahren. Auf Fünfjahressicht holten die Italienpapiere zwar ein kleines Plus von 13 Prozent heraus – also 2,6 Prozent pro Jahr. Doch über zehn Jahre fällt ihre Performance erschreckend aus: 60 Prozent Minus hat der Index seitdem kassiert. 2007 stand er noch bei 43.000 Punkten, heute bringt er nur noch ein Drittel dessen an die Börse. Das heißt, er ist einer der wenigen, die sich seit der Finanzkrise nicht nur nicht erholt, sondern sogar satt verloren haben.

FTSE MIB Index

FTSE MIB Index Chart
Kursanbieter: L&S RT

Die Gründe dafür scheinen klar: Italien kämpft bereits seit Längerem und auch sehr hart darum, überhaupt wieder eine glänzende Zukunft zu haben. Es leidet unter seiner ausufernden Staatsverschuldung, seine Wirtschaft stagniert, die Jugend ist zu großen Teilen arbeitslos und damit auch ziemlich perspektivlos. Große Reformen jedoch sind durch die hartnäckigen Verkrustungen in Politik und Wirtschaft kaum möglich. Das alles macht das Referendum in Italien zu einer beinahe noch größeren Frage als in England. Denn für die Italiener geht es nicht um ein paar gesparte Milliarden für die EU-Gemeinschaftskasse, sondern es geht quasi ums Überleben. Die Folgen eines möglichen Austritts würden denn auch weitaus heftiger ausfallen als für die Briten, das scheint klar.

Italiens Leitindex legt zu

Nun lautet die paradoxe Situation allerdings auch: Italien überlebt vermutlich nur durch die EU. Zumindest profitiert es zurzeit sehr stark von den Rettungspaketen und den EZB-Anleihenkäufen, die seine Zahlungsfähigkeit gewährleisten und seine Zinslast so klein wie möglich halten. Neue Anleihen musste Renzis Notenbank zwar zuletzt so teuer verzinst wie noch nie unter die Investoren werfen. Auf nun zwei Prozent stieg die Rendite der Staatsanleihen, das lohnt sich also wieder für Anleger, die Zinsen suchen. Denn damit liegt der Zinsaufschlag im Vergleich zu den deutschen Bundesanleihen bei nunmehr rund 1,8 Prozent. Man muss aber zugeben, dass das nicht gerade beängstigend viel ist, zumindest waren die Spreads in der Hochphase der Eurokrise viel höher. Da lagen Italiens Anleihenrenditen bei sieben Prozent, während Deutschlands Bundrendite unter zwei Prozent lag. Außerdem hat die EZB jüngst bekräftigt, notfalls durch weitere Aufkäufe von Italienpapieren zu verhindern, dass sich die Spreads nach dem Referendum wieder in diesen Höhen bewegen.

Ob das die italienischen Wähler freundlich stimmen kann und sie dazu bewegt, für die jetzige Regierung ihr Kreuzchen zu machen – auf Reformen zu hoffen – und damit den EU-Gegnern eine Absage zu erteilen, weiß die Welt zu Beginn der neuen Woche. Wären die Finanzmärkte ein Indikator dafür, wo die Reise hingeht (oder womit die Mehrzahl der Anleger rechnet) so müsste man sagen: Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos. Denn der Leitindex MIB der italienischen Börsen strebte in den vergangenen Tagen mächtig dem Referendum entgegen, aber ausnahmsweise mal nicht abwärts, sondern er legte satt zu. Vom Wochenbeginn allein bis zur Wochenmitte stieg er um gut 900 Punkte. Vermutlich zittern deswegen alle: Weil sie hoffen, dass es in Italien endlich wieder aufwärts geht.

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