GeldanlageHoffen ist Silber, Kaufen ist Gold


Nadine OberhuberNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen

 


Es gibt Gestalten der Weltgeschichte, deren Schicksal es ist, als die ewigen Zweiten in das Gedächtnis der Menschheit einzugehen. Deshalb geraten sie nur allzu schnell aus dem Blick. Was nicht unbedingt an ihrer Leistung liegt, sondern oft nur an ihrer undankbaren Position. Buzz Aldrin war so eine Figur. Der Mann, der seinen Fuß als zweiter Mensch nach Neil Armstrong auf den Mond setzte. Ralf Schumacher wird auch so ein ewiger Zweiter bleiben – immer im Schatten seines großen Bruders. Der TSV 1860 wird immer der kleine Verein neben dem FC Bayern sein. Auch wenn man die beiden großen Edelmetalle gegeneinander antreten lässt, ist jedem klar, wer das Rennen macht: Verlieren ist Silber, siegen ist Gold. Das gilt nicht nur im Sport, sondern auch an den Börsen.

Vor allem zuletzt bestätigte sich dieses Verhältnis. Über die Frage des Grundpreises muss man bei diesen beiden gar nicht erst diskutieren, da trennen beide Metalle nämlich Welten. Der ewige Zweite, das Silber, wird preislich nie die Dimensionen erreichen, in denen das Gold schwebt. Während Gold aktuell bei rund 1250 Dollar je Unze notiert – seit Längerem jedenfalls über der 1000-Dollar-Marke – kommt Silber gerade einmal auf 17 Dollar pro Unze. Und das auch erst seit kurzer Zeit und mit großem Ach und Krach, denn erst Anfang April hat es den ersten ernstzunehmenden Ausbruchsversuch unternommen und sich nennenswert über die 15-Dollar-Marke hinausbewegt. Zuvor war es jahrelang der große Verlierer.

In den vergangenen drei Jahren hat der Silberpreis rund 30 Prozent an Wert eingebüßt, in fünf Jahren sogar über 60 Prozent. Wählt man den Betrachtungszeitraum noch länger, hat er sich nur einmal kurz aufgeschwungen, zwischen 2010 und 2011 von ungefähr 18 Dollar bis zu einem inzwischen geradezu irrsinnig anmutenden Hochpreis von 46 Dollar. Das war eine Steigerung von 166 Prozent in nur acht Monaten. Danach aber ist das Silber abgerutscht in einen langen tiefen Abschwung und hat sich seitdem nie wieder erholt. Sein Kurs ging wieder auf das alte Niveau aus den Jahren vor 2010 zurück. Und man muss sagen: Mehr als 20 Jahre lang galten bereits 10 Dollar pro Feinunze als viel. Um dieses Niveau herum pendelte der Preis jedenfalls zwischen 1985 und 2005. Seit 2011 ist Silber nun der Dauerverlierer. Bis vor wenigen Wochen.

Abstand zu Gold verringert

Denn wie das immer so ist mit den ewigen Zweiten: Wenn sich die anderen erst einmal daran gewöhnt haben, dass von ihnen wenig zu erwarten ist, starten sie manchmal ungeahnt durch. Dann werden aus den Underdogs plötzlich doch Überraschungssieger. So ähnlich ist es beim Silber, das zu Jahresbeginn mit nicht einmal mehr 14 Dollar seinen bisherigen Kurstiefpunkt markiert hat. In den ersten Wochen des Jahres aber schwang es sich im Windschatten des großen Bruders Gold wieder auf. Die Talfahrt an den Aktienmärkten, die Schwäche der US-Leitwährung Dollar und die Terroranschläge weltweit, all das hat dem Edelmetall Nummer Eins einen neuen Aufschwung beschert. Der Goldpreis hat sich stabilisiert, nachdem er zuvor ebenfalls fünf Jahre geschwächelt hatte – wenn auch längst nicht so stark wie das Silber. Das Gold fuhr seitdem einen Verlust von 17 Prozent ein, nun aber geht es wieder bergauf. Mit beiden Metallen. Und neuerdings zieht Silber sogar am Gold vorbei.

Zumindest verringert es den großen Abstand zum glänzenden Bruder, so belegt die Kennziffer der Gold-Silber-Ratio, die Marktkennern zeigt, wann welches der beiden Metalle als über- oder unterbewertet gilt. Dazu teilt man einfach den Goldpreis durch den Silberpreis. Das Ergebnis sagt, wie viele Feinunzen Silber man ausgeben muss, um eine Feinunze Gold zu bekommen. Momentan kommt die Zahl 79 dabei heraus. Das klingt viel, ist aber schon erheblich weniger als die 83 Feinunzen, die noch im März für eine Unze Gold zu zahlen waren. Wird sich das Verhältnis nun langfristig wieder in die entgegengesetzte Richtung verschieben? Wird das Silber wieder zu einer Ratio von 60 zurückfinden, wie im Jahr 2001? Oder gar wieder auf ein Verhältnis von 1:30 zum Gold, wo es bei seiner Hochphase 2011 notierte?

Diejenigen, die eine neue Silber-Rallye kommen sehen, hoffen das und raten jetzt dringend zum Silberkauf. Sie argumentieren vor allem damit, dass sich der kleine Bruder vom Gold weit von seinem ursprünglichen Wert wegbewegt habe. Denn rein fundamental und geologisch läge der natürliche Wert des Silbers bei 1:20. Dieses Verhältnis entspricht dem natürlichen Vorkommen von Silber auf der Erdkruste im Vergleich zum Gold.

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Nun geben aber Finanzmärkte nicht immer nur solche natürlichen Verhältnisse wieder, sondern stets auch die Hoffnungen und Erwartungen, die Anleger mit den jeweiligen Gütern verbinden. In ihnen steckt also viel Spekulation. Dazu kommt: Während Gold bei Spekulanten vor allem als Ersatzwährung in Krisenzeiten und in physischer Form auch bei Schmuckkäufern vor allem in Indien und China gefragt ist, sehen viele Silber hauptsächlich als Industriemetall, das als Material für elektrische Leiter benutzt wird – und deshalb auch extrem konjunkturanfällig ist. Richtig stark steigen wird der Silberpreis also erst, wenn er nicht nur im Schlepptau des Goldes von Notenbankentscheidungen und Dollarschwächen profitiert, sondern wenn die Konjunktur stark anzieht und deshalb weltweit die Nachfrage nach dem Industriemetall steigt.

Verdacht auf Preismanipulation beim Silberfixing

Oder wenn Großspekulanten mal wieder den Markt verzerren. Das haben sie zuletzt vielfach getan, allerdings eher zu Lasten des Kurses. Unvergessen sind die historischen Silberkäufe der Gebrüder Hunt in den 80er-Jahren oder die von Warren Buffet im Jahr 1998, die beide den Silbermarkt in Grund und Boden spekulierten. Und auch zuletzt soll es zu auffallenden Preisverzerrungen am Markt gekommen sein. Zurzeit ermitteln die Behörden gegen sechs Großbanken wegen des Verdachts auf Preismanipulation beim Silberfixing. Ob es da wirklich eine gute Idee ist, sein eigenes Geld in einen so volatilen und für Tricksereien anfälligen Markt zu stecken, mag jeder selber beurteilen.

Eines sollte man aber dann zur Gold-Silber-Ratio wissen: Sie muss keineswegs zwingend weit unter den Stand von 70 fallen. Seit der Jahrtausendwende gilt ein Gold-Silber-Verhältnis von 50 bis 70 als normal. Auch ein Stand von 80 war in den vergangenen Jahren nicht die große Seltenheit, sondern eher an der Tagesordnung, zum Beispiel 1986, 1990 bis 1995, 1997, 2004, 2009, 2014 und 2015. Ob sich das Silber also langfristig näher am Goldpreis positioniert, darf man deshalb schon bezweifeln. Normalerweise legen nämlich beide Preise eher im Gleichlauf den Aufwärts- oder Abwärtsdrall ein, wie historische Betrachtungen belegen. Seit 1968 gab es auch nur eine Phase, in der es über mehrere Tage eine Abweichung gab.

Das alles könnte Anlegern genauso gut sagen: Wer auf den großen Anstieg beim Silber hofft, sollte das mit Vorsicht tun und nicht allzu große Summen auf den volatilen Markt setzen. Denn es könnte genauso gut anders kommen. Silber könnte der ewige Zweite bleiben. Wer auf Nummer Sicher gehen will, aber dennoch an den Anstieg der Edelmetalle glaubt, der kann auch gleich Gold kaufen. Auch wenn das ein wenig teurer ist.