KolumneGewissheiten gelten nicht mehr

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

Die Bundeskanzlerin hat es treffend diagnostiziert: „Gewissheiten gelten nicht mehr!“ Der resignative Ton dieser Feststellung ist schwer zu überhören. Dabei hat Angela Merkel keine neue Erkenntnis ausgesprochen. Von Heraklit über Mark Aurel bis hin zu Arthur Schopenhauer heißt es: Alles fließt, der Kosmos ist Veränderung und nur der Wechsel ist das Beständige.

Für Frau Merkel muss es bitter sein, erkennen zu müssen, dass sie ähnlich wie ihr Ziehvater Altkanzler Kohl innenpolitisch keine Bäume ausgerissen hat. Während aber der Pfälzer als beherzter Manager der Deutschen Einheit in die Geschichtsbücher eingegangen ist, droht das Erbe Merkels überschattet zu werden durch die Spaltung Europas, die Aufblähung des Umverteilungsstaates, die verhunzte Energiewende und vor allem das Migrationsdebakel. In ihre Amtszeit fällt der Aufstieg der AfD, der zunächst von den gebrochenen Versprechen um den Euro und später dann von der Merkel’schen Willkommenskultur getragen wurde.

Vor allem mag es aber die Erosion des Verhältnisses zu den Vereinigten Staaten unter Donald Trump sein, die bei Kanzlerin Merkel alte Gewissheiten schwinden lässt. Die Bindungen der letzten Jahrzehnte an Nato und EU werden mürbe. Auch die Überbetonung der ‚Freundschaft‘ zu Frankreich kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Schnittmenge an politischer Übereinstimmung überschaubar ist.

Deutschland vernachlässigt den Finanzmarkt

„Deutschlands Einfluss in der Welt verdankt sich seiner großen Wirtschaftskraft“. So hatte die Kanzlerin einst richtig analysiert. Aber der Aufstieg Chinas, die hohe Exportabhängigkeit, die Gängelung durch Bürokratie und vor allem die immense Abgabenlast nebst der sich zusehends verschlechternden Demografie säen Zweifel am dauerhaften Bestand der deutschen Wirtschaftskraft. Während Amerikas Stärke ganz offenbar mit seinem dominierenden Finanzmarkt zu tun hat, gilt die Bundesrepublik diesbezüglich als Diaspora. Aber anders als die Branchen Automobil, Maschinenbau und Chemie ist die Finanzbranche nicht durch Handelskonflikte oder Wettbewerb aus China bedroht. Dass die deutsche Politik, diese Entwicklung über Jahrzehnte ignoriert hat, gehört schlechterdings zu ihren größten Versäumnissen. Obendrein spricht wenig dafür, dass Berlin die Jahrhundertchance des Brexit zur elementaren Stärkung des Finanzplatzes Deutschland nutzen kann.

Zu den verlorenen Gewissheiten gehört auch die Politik der Europäischen Zentralbank. Stets galt es als sicher, dass Notenbanken vor allem Inflation bekämpfen sollen. Inzwischen hat sich der Spieß umgedreht, die EZB versucht durch ihre ultra-lockere Geldpolitik Geldentwertung zu schaffen. Zwar hat davon der Bundeshaushalt in dramatisch positiver Weise profitiert, aber die emsigen deutschen Sparer haben es nicht geschafft, sich von alten Gewissheiten bzw. Spargewohnheiten zu verabschieden. Nun müssen sie erleben, wie sie und ihre Altersvorsorgeinstitutionen wie z.B. Kapitallebensversicherungen, Unterstützungskassen, Versorgungswerke, Stiftungen etc. darben.

In diesem Zusammenhang sollte übrigens einmal überprüft werden, ob die bisherige deutsche Gewissheit, wonach Aktienanlagen auch bei breiter, internationaler Streuung zu riskant für das Volk sind, noch zeitgemäß gilt. Ob Annegret Kramp-Karrenbauer dazu den Mut haben wird, wenn Sie Merkel im Kanzleramt beerbt? Auch hier obwaltet Ungewissheit.


Christoph Bruns ist Fondsmanager und Mit-Inhaber der Fondsgesellschaft Loys AG.