GeldanlageGenossenschaften: Wie dubiose Anbieter den guten Ruf ausnutzen

Geldscheine in einem Schredder
Geld schreddern: Nicht alle Genossenschaften arbeiten seriösdpa

Die Flitterwochen endeten im Gefängnis. Im Sommer 2017 war Marco T., Gründer und Vorstandschef der Stuttgarter Wohnungsgenossenschaft Eventus, in den Liebesurlaub aufgebrochen – und in seiner Abwesenheit konnte sein neuer Vorstandskollege einmal ganz in Ruhe die Bücher sichten. T. hatte die Genossenschaft 2012 gegründet. Das Geld der Anleger sollte in Immobilienprojekte fließen, pro Jahr versprach er gut vier Prozent Rendite, und tatsächlich investierten 400 Anleger rund 10 Mio. Euro in Eventus. Nach seinem Blick in die Bücher allerdings erstattete der Neu-Vorstand Anzeige wegen Untreue und Betrugs. Kurz darauf war Eventus pleite.

In den Büchern hatte der Mann entdeckt, dass die Genossenschaft mit einem Teil ihres Geldes Rechnungen des Gründers beglich. T. soll sich von dem Geld ein Luxusleben geleistet haben: Traumhochzeit in Wien, Schmuck, die Anzahlung für einen Aston Martin. Die Auszahlung von Dividenden an die Genossen habe T. derweil aus dem ständigen Zufluss von neuem Kapital finanziert, schreibt die Staatsanwaltschaft Stuttgart: „ein Schneeballsystem“. Längst sitzt T. in Untersuchungshaft, Ende August wurde Anklage gegen ihn erhoben. Die Anleger jedoch dürften sich keine große Hoffnung mehr auf ihr Geld machen: Von 10 Mio. Euro sind nur 6500 Euro in bar übrig, drei Wohnungen in Chemnitz und eine Brache in Stuttgart.

Verglichen mit anderen Betrugsfällen wären 10 Mio. Euro zwar eine kleinere Summe, aber die Pleite der Eventus zeigt eine bedenkliche Entwicklung: Dass sich immer häufiger Finanzhasardeure unter die Genossenschaften mischen – die doch als grundsolide Unternehmen gelten.

Mehr Beschwerden

Genossenschaften sind, vereinfacht gesprochen, Zusammenschlüsse von Menschen, die gemeinsam ein Ziel erreichen wollen: etwa saubere Energie oder billigen Wohnraum zu schaffen. Wer Mitglied einer Genossenschaft wird, erwirbt ähnlich wie ein Aktionär Miteigentum am Unternehmen. Die meisten von ihnen wirtschaften tadellos, unter den 20.100 Insolvenzen, die die Wirtschaftsauskunftei Creditreform 2017 in Deutschland zählte, entfielen nur 0,1 Prozent auf Genossenschaften.

Sicherheit, Solidarität, Demokratie, das sind die Zauberworte, mit denen Genossenschaften neue Mitglieder locken. Kein Wunder, dass die hiesigen Genossenschaften mittlerweile fast 23 Millionen Mitglieder haben. Aber gerade wegen dieses guten Images mischen sich unter die 8000 deutschen Genossenschaften immer mehr, deretwegen sich Aufseher und Verbraucherschützer sorgen. „Wir erhalten mehr und mehr Beschwerden von Sparern“, sagt etwa Wolf Brandes von der Verbraucherzentrale Hessen. Mittlerweile erschüttern Skandale die Zunft – und belegen, dass Genossenschaften riskanter sind, als Sparer oft glauben. Während Anleger ähnliche Risiken wie bei Aktien eingehen, müssen sie sich dazu manchmal auf abenteuerliche Formen der Unternehmensführung, auf Transparenzmängel und hohe Kosten gefasst machen – und finden sich schnell in einem Lehrstück wieder, wie sich der graue, fast unregulierte Kapitalmarkt immer wieder neu erfindet.