GeldanlageDas trügerische Aufblitzen des Goldpreises

War es Nordkorea – oder war es nicht Nordkorea? Sind also die Atombombentests des Diktators Kim Jong-un schuld daran, dass der Goldpreis zuletzt einen riesigen Satz nach oben gemacht hat? Diese Frage diskutieren derzeit viele Edelmetallexperten. Etliche sagen: Ja, sie waren es. Erst seit dem Abschuss zweier Testraketen sei der Goldpreis im späten August schließlich wieder mächtig in die Höhe geschnellt. Auf ein Elfmonatshoch. Andere sagen: Nun ja, vielleicht hätten sie ein Quäntchen dazu beigetragen, aber wirklich befeuert wurde der Goldpreis davon nicht. Höchstens 15 Prozent gingen auf das Konto von Nordkorea.

Um ehrlich zu sein: So richtig wichtig ist die Frage, welchen Anteil Nordkorea nun am Goldpreis hat, im Grunde nicht. Selbst wenn der Kurs auf die militärischen Zuckungen in Asien reagiert – und er tut es gelegentlich auch mal heftiger – so ist es trotzdem nicht der nordkoreanische Diktator, der für einen dauerhaften Anstieg des Goldpreises sorgt. Der Kim-Effekt ist an den Märkten stets nach ein paar Stunden oder Tagen wieder verpufft.

Das ist zunächst eine gute Nachricht, denn sie bedeutet: Auch wenn viele Anleger ab und zu kurzzeitig fürchten, dass Koreas Atomtests das Weltgefüge durcheinanderwirbeln könnten, so schätzt die Mehrheit die Gefahr doch als eher gering ein, dass Großmächte wie die USA darauf tatsächlich mit ernsthaften militärischen Gegenschlägen reagieren werden. Sonst nämlich würde der Kursverlauf des Goldes längst anders aussehen. Dann würde er nicht knapp über der 1350-Dollar-Marke notieren, sondern wäre schon wie eine Rakete in den Himmel aufgestiegen.

Das Hoch ist ein Scheinhoch

Nüchtern betrachtet ist der Goldpreis nämlich nicht auf dem steilen Weg nach oben. Und auch das Wort vom „Elfmonatshoch“ relativiert sich gewaltig, wenn man sich den Kurs eben nicht bloß über die vergangenen zwölf Monate ansieht, sondern über einen sehr viel längeren Zeitraum. Dann zeigt sich, dass sich das Edelmetall lediglich wieder aus dem Tal herausgerappelt hat, in das es zwischen November und Dezember vergangenen Jahres hineingestürzt war. Damals fiel der Preis auf rund 1135 Dollar. Im Juli 2016 hatte er noch bei 1366 gestanden, also ungefähr so hoch wie jetzt.

Goldpreis Rohstoff

Goldpreis Rohstoff Chart
Kursanbieter: FXCM

Weitet man den Blick noch stärker, so sieht die Gesamtbilanz immer noch mau aus: Auf gerade mal 0,29 Prozent Kursplus kommt das Gold auf Jahressicht, auf Fünfjahressicht hat es sogar 22 Prozent an Wert verloren. Und über sieben Jahre hat es ebenfalls nichts dazu gewonnen, sondern im schlimmsten Fall sogar 27 Prozent an Wert vernichtet. Zumindest bei jenen Anlegern, die im September 2011 bei 1850 Dollar eingestiegen sind und ihre Bestände bis heute halten. Ein kometenhafter Anstieg dürfte anders aussehen.

Dennoch gebe es Signale für einen bevorstehenden neuen Aufschwung des Goldpreises, sagen Analysten und verweisen auf die 200-Tage-Linie. Sie gilt gemeinhin als ein Indikator dafür, ob ein Kurstrend dreht und in welche Richtung sich eine Bewegung fortsetzt. Der Goldpreis hat nun die Langfristlinie nach oben durchbrochen. Das gilt als Zeichen dafür, dass die Zeit sinkender Kurse vorbei ist. Allerdings muss man auch sagen: Er hat das auch im Dezember 2014 getan, im Dezember 2015 ebenfalls und seit Dezember 2016 sogar schon dreimal. Allein dieses Durchstoßen der 200-Tage-Linie kann es also nicht sein, die einen nachhaltigen Kursaufschwung signalisiert. Immerhin steigt nun aber nicht nur der Kurs, sondern auch die 200-Tage-Linie selber. Und dieses Aufwärtsdrehen der gesamten Langfristlinie lässt nun darauf hoffen, dass es künftig vielleicht einmal etwas länger in Richtung höherer Goldpreise gehen wird – und der derzeitige Anstieg nicht sofort wieder abgebremst wird.

Dollarschwäche treibt Goldkurs

Aber – und das ist an dieser Stelle äußerst wichtig – die neue Goldstärke hat nur sehr wenig mit einer gestiegenen Furcht weltweit zu tun oder gar mit einer großen Verunsicherung der Anleger. Viel stärker als viele politische Effekte wiegt nämlich ein ganz anderer Effekt: Die derzeitige Dollarschwäche ist einer der Haupttreiber des Goldanstiegs. Darauf weisen dieser Tage auch die Analysten der Investmentbank Goldman Sachs ausdrücklich hin. Augenfällig wird es, wenn man sich einmal nicht den Preis des Goldes in Dollar anschaut, sondern den Chart in Euro betrachtet. Und zwar langfristig. Dann nämlich bleibt vom großen Aufstieg nicht viel übrig. Dann sieht man zwar, dass das Edelmetall seit Juli von 1080 Euro auf 1120 zugelegt hat, aber dass es immer noch weit entfernt ist von dem Kursstand, den es noch vor einem Jahr in Euro gehabt hat und erst recht von dem Preis, den es im April 2017 erklommen hat. Es ist also immer die Frage, mit welchem Maß man misst.

Derzeit gilt die Gleichung: Schwacher Dollar gleich starkes Gold. Und für die kommende Zeit erwarten viele Marktteilnehmer, dass es auch noch eine Weile so bleiben wird. Der Hurrikan, der derzeit über Amerika fegt ist ein Grund dafür, er werde Schäden anrichten und die US-Wirtschaft schwächen, sagen Analysten. Zudem fallen die Zinserhöhungen der Notenbank Fed in diesem Jahr wohl etwas schwächer aus als gedacht. All das stärkt das Gold vermutlich noch eine Weile. Deswegen wettet zurzeit die Mehrheit der Terminmarktteilnehmer mit Kontrakten auf weiter steigende Goldpreise.

Andererseits steckt in jeder Krise eine Chance, sagen die Optimisten: Der Wiederaufbau nach dem Hurrikan kurbelt natürlich auch das Wirtschaftswachstum an. Zudem könnte die Regierung ein Sonderprogramm für Infrastruktur auflegen, um Straßen, Brücken und Stromleitungen in Florida wieder instand zu setzen. Zudem rechnen die meisten Beobachter damit, dass die US-Regierung ihr Haushaltsdefizit längerfristig in den Griff bekommen wird. Und generell schraubt die Fed die Zinsen nach oben – all das stärkt den Dollar auf Dauer wieder. Und es schwächt im Gegenzug das Gold.

Kleinanleger treiben den Goldpreis

Wäre es also eine gute Idee, jetzt in den Markt einzusteigen und wenigstens auf zwischenzeitliche Gewinne zu hoffen? Das wäre auf jeden Fall eine sehr gewagte Strategie. Wenn man sich nämlich genau anschaut, wer derzeit am Terminmarkt aktiv ist und welche Anleger aufs Gold setzen, fällt zweierlei auf: Erstens ist das Edelmetall schon jetzt überkauft, sagen Goldexperten. Es wird also viel stärker nachgefragt, als eigentlich gerechtfertigt wäre. Zweitens sind es die Spekulanten, die derzeit überoptimistisch sind, was den weiteren Verlauf des Goldkurses betrifft – aber eben nicht die Profis unter ihnen. Von ihnen ist zwar rund jeder Zehnte inzwischen positiver gestimmt. Aber es sind ausgerechnet die Kleinanleger, die den Markt momentan heftig bewegen. Rund jeder zweite Kleinspekulant setzt neuerdings stärker als zuvor darauf, dass der Goldkurs steigt. Natürlich bewegt das den Preis. Man darf aber zurecht bezweifeln, dass diese Einschätzung sehr langfristig bestehen bleibt. Die Goldman-Sachs-Banker rechnen schon zum Jahresende damit, dass der Goldpreis wieder auf 1250 Dollar absackt.

Statt sich daher am engen und sehr volatilen Goldmarkt zu beteiligen, könnte man da auch lieber direkt auf das setzen, was den Goldmarkt treibt: Entweder auf einen schwächelnden US-Dollar oder auf dessen Erholung in nächster Zeit. Oder darauf, dass der Euro stark bleibt. Je nachdem, von welcher Seite aus man die Medaille künftig betrachten möchte.


Nadine OberhuberNadine Oberhuber ist Wirtschafts- und Finanzjournalistin. Sie schreibt auf Capital.de über Geldanlagethemen

 


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