KolumneKaufsignale Totenglöckchen

Christian Kirchner
Christian Kirchner
© Gene Glover

Ein kleiner Test: Würden Sie in Aktien einer Branche investieren, die ein, vorsichtig formuliert, ramponiertes Image hat? Deren Geschäftsmodell infrage steht? Einer Branche, deren Unternehmen die Gemeinschaft der Steuerzahler viel Geld kostet? Die im juristischen Sperrfeuer steht und Milliardensummen für Vergleiche aufwenden muss?

Vermutlich denken Sie an dieser Stelle an Banken. Die Beschreibung trifft aber auch präzise auf Tabakaktien in den 90er-Jahren zu. 1994 begann der juristische Feldzug gegen Tabakkonzerne, der diese in heutiger Kaufkraft über 300 Mrd. Dollar kosten sollte. Das Rauchen verschwand nach und nach aus Büros, öffentlichen Einrichtungen, Hotels, Restaurants und Kneipen.

Wenn Sie allerdings 1994 Aktien von Altria oder British American Tobacco (BAT) gekauft haben, dann hat sich Ihr Geld mit Dividenden bis heute ver-47-facht (Altria) beziehungsweise ver-50-facht (BAT). Ja, richtig gelesen: ver-50-facht in 20 Jahren. Und das, wohlgemerkt, nicht bei einem Einstieg zu Tiefstkursen aufgrund von Klagen, sondern mit einem Kauf, bevor die Klagewelle gegen die Tabakindustrie anrollte.

Den Schock als Anreiz nehmen

Der Vergleich illustriert, dass das Tagesgeschehen und die vermeintlich großen Trends der Geldanlage zu stark ablenken können. Mitte der 90er-Jahre etwa begann der Hype um Internetwerte, ging Investoren eine hohe Gewinndynamik über alles und war die Begeisterung für Schwellenländer groß. Tabakaktien waren „Papiere von gestern“.

Heute ist es umgekehrt: Anleger favorisieren Aktien von Unternehmen mit schwach zyklischem Geschäft, einem sicheren Geschäftsmodell und entsprechend planbaren Erträgen. Deshalb wird etwa Altria mit dem 26-Fachen seiner Jahresgewinne bewertet (doppelt so viel wie historisch üblich). Dazu muss der Konzern knapp 90 Prozent seines Gewinns ausschütten, um eine Dividendenrendite von etwas mehr als der sicheren Rendite einer 30-jährigen US-Staatsanleihe abzuwerfen.

Natürlich wird Bankaktien keine so glorreiche Zukunft bevorstehen wie den Tabakaktien in den vergangenen 20 Jahren. Den Finanzkonzernen stehen indes die gleichen Wege offen wie den Tabakkonzernen in den 90er-Jahren: den Schock teurer Vergleiche als Anreiz zu nehmen, diszipliniert mit dem Kapital der Aktionäre umzugehen. Stagnierendes Geschäft in Industrieländern mit Wachstum in Schwellenländern zu substituieren. Und Wert durch Abspaltungen zu schaffen. Schließlich werden die Banken weltweit derzeit im Schnitt trotz der jüngsten Rally zum Buchwert gehandelt, europäische noch darunter.

Und noch eines lehrt die Börsengeschichte: Ein gutes Abschneiden kann auch sein, in einer Krise nicht zu fallen. So wie die Tabakaktien im Crash der Jahre 2000 bis 2003, weil man ihr Geschäftsmodell zuvor für tot hielt. Womöglich zeichnet auch Bankaktien in der nächsten Krise aus, das Schlimmste – samt Zweifel am Geschäftsmodell – bereits hinter sich zu haben.


Christian Kirchner ist Frankfurt-Korrespondent von Capital. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Geldanlagethemen. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen


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