GastbeitragESG-Fonds: Greenwashing ist weit verbreitet

Geld anlegen und Gutes tun: Viele Anleger wollen mit gutem Gewissen investierenimago images / Panthermedia


Maxime Carmignac

Kein Windrad ohne Stahl, keine Elektroauto ohne Kupfer. Diese Zusammenhänge sollten Vermögensverwalter im Blick haben, wenn sie über „grüne“ Anlagen nachdenken. Denn betreibe die Branche zu viel Greenwashing, könne sie die Chance vertun einen wesentlichen Beitrag gegen den Klimawandel zu leisten. Das schreibt Maxime Carmignac in ihrem Gastbeitrag für Capital. Ihr Wort hat Gewicht in der Branche: Die Tochter von Investorenlegende Edouard Carmignac leistet derzeit als Managing Director die britischen Niederlassung des französischen Vermögensverwalters. Sie gilt als designierte Nachfolgerin von Eduard Carmignac.


Steven Maijoor, der Vorsitzende der Europäischen Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA), erklärte kürzlich: „Je mehr Produkte es gibt, die vorgeblich an die ESG-Performance geknüpft sind, desto stärker müssen wir dafür Sorge tragen, dass Anleger keine Produkte kaufen, die als nachhaltig vermarktet werden, ohne dies tatsächlich zu sein.“ Dieses Zitat sagt viel über die Verwirrung aus, die derzeit bei Investoren herrscht. Es stellt sich die Frage, was ein nachhaltiges Produkt ist und welche Kriterien zur Beurteilung von Nachhaltigkeit herangezogen werden.

Alle Vermögensverwalter setzen inzwischen auf das Thema ESG (Environmental, Social and Governance bzw. Umwelt, Soziales und Governance) und alle äußern sich besonders ausführlich zum Faktor Umwelt. Greenwashing ist weit verbreitet und es ist ein regelrechter Wettbewerb entstanden, wer sich als besonders umweltfreundlich darstellt. In dem Dschungel der Angebote sind die konkreten Ziele von ESG-Fonds viel zu oft unverständlich und es fehlt an Transparenz.

Es scheint erforderlich, an folgende Selbstverständlichkeit zu erinnern: Die vorrangige Aufgabe eines Vermögensverwalters besteht darin, das angesparte Vermögen seiner Kunden zu vermehren. Es ist nachgewiesen, dass die Einbeziehung von Umweltfaktoren in die Analyse von Unternehmen, in die wir investieren, ein Faktor für die langfristige Wertschöpfung ist. Dies bestreitet heute niemand mehr. Jüngste Studien, welche die Realität des Klimawandels und die Sensibilität der Zivilgesellschaft für das Thema aufzeigen, sollten auch die letzten Skeptiker überzeugen.

Das allein ist eine sehr gute Nachricht. Darüber hinaus freut es uns natürlich persönlich, dass die Vermögensverwaltung ein Schlüsselfaktor für den Wandel der Unternehmenspraktiken hin zu einer nachhaltigeren Wirtschaft wird. Das vor uns liegende neue Jahrzehnt muss in dieser Hinsicht ein Jahrzehnt des konkreten Handelns sein.

Auf die Umweltauswirkungen kommt es an

Heute konzentriert sich der Großteil der „grünen Anlagen“ auf weniger als 40 Prozent der Treibhausgasemissionen, im Wesentlichen auf erneuerbare Energien, Elektrofahrzeuge und Energiespeicherung. Das im Rahmen des Pariser Klimaabkommen gesteckte Ziel, die Erderwärmung bis Ende des Jahrhunderts auf unter zwei Grad Celcius zu begrenzen wird so jedoch nach derzeitigem Stand unrealistisch. Um dieses Ziel zu erreichen sind Investitionen notwendig, um die Energiewende auf andere Sektoren auszuweiten. Außerdem müssen wir unsere Auffassung von der Rolle der Industrieunternehmen sowie der Rohstoffe beim Kampf gegen den Klimawandel komplett revidieren.

Es steht zu viel auf dem Spiel, um sich mit leeren Worten und dogmatischen Positionen, die allzu oft kontraproduktiv sind, zufriedenzugeben. Bei diesem Thema darf nur ein einziger Maßstab gelten: die Umweltauswirkungen, und diese müssen quantifizierbar und objektiv messbar sein. Dazu bedarf es fester Überzeugungen, eigener Analysen und einer aktiven Sicht auf die Umweltauswirkungen.

Metalle und Rohstoffe sind ein wesentlicher Bestandteil der Energiewende. Kupfer, Stahl und Nickel sind nur einige Beispiele unverzichtbarer Rohstoffe für die Herstellung von Elektrofahrzeugen und Windkraftanlagen – und damit für die Verringerung des Verbrauchs von fossilen Brennstoffen. Eine Anlagepolitik, die den Bergbau unter dem Vorwand von Umweltbelastungen ausschließt, stellt eine reale Behinderung der Energiewende dar. Als Vermögensverwalter müssen wir vielmehr innerhalb dieser Sektoren diejenigen Unternehmen auswählen, welche die besten Wachstumsaussichten aufweisen: Denn diese bieten Produkte und Dienstleistungen an, die anderen Sektoren eine Reduzierung ihrer Emissionen ermöglichen.

Die größten Auswirkungen auf die Verringerung von Kohlenstoffemissionen können diejenigen Unternehmen haben, die heute am meisten Kohlendioxid produzieren: sei es infolge ihrer Produktion oder Produkte. Ein Verzicht auf Investitionen in diese kohlenstoffintensivsten Bereiche des Wirtschaftsgefüges stellt aber einen Denkfehler dar. Die Vermögensverwaltung muss vielmehr Unternehmen begleiten, die sich im Rahmen ihrer Geschäftstätigkeit konkret bemühen, erneuerbare Energien zu verwenden und das Ökosystem, in dem sie tätig sind, zu schützen, indem sie negative Umweltauswirkungen verringern. Anschließend ist es unsere Aufgabe, die erzielten Fortschritte sorgfältig auf den Prüfstand zu stellen.

 


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