KolumneDie Sorglosigkeit der Märkte vor dem Jamaika-Desaster

Christian Kirchner
Christian KirchnerGene Glover

Vergangene Woche habe ich eine Investorenkonferenz in London besucht. Einen Vortrag hielt dabei auch ein Fondsmanager, der für Anleger rund 1,2 Mrd. Euro in europäischen Ramschanleihen – also Anleihen mit spekulativem Rating und meist entsprechend hohen Zinsen – anlegt. Im Schnitt rentieren diese trotz des hohen Ausfallrisikos derzeit aber nur noch mit 2,5 Prozent.

Weshalb der Fondsmanager auch vom üblichen Vorgehen abwich, die Vorzüge seiner Anlageklasse zu loben und die Lage als Investitionsschance darzustellen. Stattdessen gab er zu – wenngleich etwas peinlich berührt – dass in seinem Bereich derzeit viel zu viele Investoren Schlange stünden und alles aufkauften, was nur einen hohen Kuponzahlung verspreche. Und entsprechend spiegelten die Renditen auch nicht die Risiken wider.

Was die implizite Warnung vor dem eigenen Produkt mit den geplatzten Jamaika-Koalitionsgesprächen zu tun hat? Sehr viel, denn wohin man auch blickt, dominiert eine geradezu unfassbare Sorglosigkeit, die für alle alarmierend sein sollte, deren Anlagehorizont nicht mindestens ein paar Jahre beträgt.

„Nicht-Ereignis“ am Aktienmarkt

Andere würden es nicht Sorglosigkeit, sondern Fahrlässigkeit nennen, wenn sich am Kapitalmarkt kaum jemand dafür interessiert, dass in der größten Volkswirtschaft Europas in absehbarer Zeit keine stabile Regierung in Sicht ist. Weder der deutsche Aktienindex Dax (Stand Montagnachmittag: plus 0,5 Prozent), noch der Euro, noch die Anleihenmärkte haben eine Reaktion gezeigt, die der gewachsenen Unsicherheit Rechnung trägt. Es ist bislang ein „Nicht-Ereignis“, wie es so schön heißt. Weil ja die wirtschaftliche Dynamik der Eurozone im Allgemeinen und Deutschlands im Speziellen ungebrochen ist.

DAX Index

DAX Index Chart
Kursanbieter: L&S RT

Paradoxerweise bedingen sich die gute wirtschaftliche Lage, die Euphorie an den Kapitalmärkten und das Scheitern der Koalitionsverhandlungen vermutlich gegenseitig: Gerade weil die Wirtschaft in Deutschland brummt und die Kassen voll sind, können alle Beteiligten mit hohen Einsätzen spielen bis hin zum Platzenlassen der Gespräche. Offensichtlich ist die Gefahr gering, anschließend unter Feuer zu geraten, weil doch in diesem Land etwas vorangehen müsse. Ein solcher Verlauf der Gespräche wäre auf dem Höhepunkt der Euro- oder Finanzkrise undenkbar gewesen.

Rückschläge werden stets als Kaufgelegenheiten wahrgenommen

Man muss nicht studiert haben für die Erkenntnis, dass dieses Spiel kurzfristig fast nur Gewinner kennt, langfristiger aber seinen Preis haben wird. Anscheinend haben die Kapitalmärkte – längst in Sachen Zinsen in „unkartiertem Gebiet“, wie es so schön heißt – als Folge der unkonventionellen Geldpolitik ihre Rolle als Seismograph politischer und wirtschaftlicher Entwicklungen eingebüßt.

Stattdessen sind alle Akteure konditioniert, dass Rückschläge stets Kaufgelegenheiten sind, von Bitcoin bis zur Ramschanleihe: Letztere müssten eigentlich ihrem Ausfallrisiko annähernd Rechnung tragen. Der Wechselkurs des Euros eigentlich reflektieren, dass eine Vertiefung der Europäischen Union nun unwahrscheinlicher geworden ist. Der deutsche Aktienindex Dax, dass die Gewinnentwicklung der Unternehmen zumindest ein klein wenig unsicherer geworden ist. Nichts davon aber passiert, sehr wohl sehen wir in Deutschland aber wieder Börsengänge wie zuletzt von Voltabox, bei denen Unternehmen mal eben mit dem 16-Fachen ihrer Umsätze – richtig: Umsätze – bewertet werden.

Kann das noch ein paar Monate gut gehen? Sicher. Wer Geduld hat, sollte weder Aktien verkaufen noch seine Langfriststrategie über den Haufen werden.

Ist es eine Perspektive für die kommenden drei bis fünf Jahre, dem typischen Anlagehorizont der meisten Investoren? Vermutlich eher nein. Auch wenn sich Kapitalmärkte nicht timen lassen: Wer schon lange zögert, den Anteil rentabler Vermögenswerte in seinem Portfolio zu erhöhen, käme jetzt reichlich spät zur Party. Denn für das, was jetzt noch kurzfristig möglich wäre, haben die Angelsachsen ein schönes Bild: die Pennies vor der Dampfwalze aufsammeln wollen.