Kolumne Deutsche Telekom: vom Provinzministerium zum Weltmarktführer

Telekom-Chef Timotheus Höttges
Telekom-Chef Timotheus Höttges
© IMAGO / Future Image
Die Deutsche Telekom, Europas Marktführer, ist auch in den USA auf dem Weg an die Spitze. Bei vielen Anlegern scheint sich das aber noch nicht herumgesprochen zu haben: Der Kurs der Aktie ist auf einem ähnlichen Niveau wie beim Börsengang vor 25 Jahren

Es muss Mitte der 80er-Jahre gewesen sein. Ich besuchte damals mit einem Oberstufenkurs das Bundesministerium für Post- und Fernmeldewesen in Bonn. Zu dieser Zeit machte das Ministerium einen sehr verschlafenen Eindruck. In der Behörde arbeiteten viele Beamte, das staatlich garantierte Monopol für Telefondienste sicherte die Geschäfte und die Postminister saßen häufig gelangweilt (und regelmäßig vorgeführt in „Rudis Tagesshow“) auf der Regierungsbank. Es kann kaum verwundern, dass wichtige Weichenstellungen damals verpasst wurden: Milliarden wurden in die Verlegung von veralteten Kupferkabeln statt in die Verlegung von modernen Glasfasernetzen investiert.

Auf dem Weg zum Weltmarktführer

Peter Seppelfricke lehrt Finanzwirtschaft an der Hochschule Osnabrück. Er ist zugleich Gründer und Geschäftsführer der Value Investor Research GmbH
Peter Seppelfricke lehrt Finanzwirtschaft an der Hochschule Osnabrück. Er ist zugleich Gründer und Geschäftsführer der Value Investor Research GmbH
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Etwa 35 Jahre später reibt man sich verwundert die Augen: Die Bereiche Telekommunikation und Fernmeldewesen im provinziellen Postministerium haben sich zu einem global führenden integrierten Telekommunikations-Unternehmen gemausert. Die Deutsche Telekom AG in ihrer heutigen Form ist 1995 aus der früheren Deutschen Bundespost Telekom entstanden – zunächst mit dem Bund als alleinigem Aktionär. Ein Großteil der Aktien des Bundes wurden beim Börsengang 1996 öffentlich platziert. Mittlerweile ist das Unternehmen in etwa 50 Ländern vertreten und betreut zusammen mit ihren Tochtergesellschaften 27 Millionen Festnetzschlüsse, 22 Millionen DSL-Anschlüsse und 242 Millionen Mobilfunkkunden.

Mit einem Umsatz von etwa 108 Mrd. Euro ist die Deutsche Telekom den führenden Telekommunikationsanbietern in den USA (AT&T; Verizon) mittlerweile dicht auf den Fersen. Im Vergleich zu anderen führenden Carriern weist die Deutsche Telekom dabei die größten Marktanteilsgewinne und die höchsten Wachstumsraten beim Umsatz auf. Falls diese Dynamik in dieser Form anhält, dann könnte sich die Deutsche Telekom in einigen Jahren sogar zum Weltmarktführer für Telekommunikationsdienste aufschwingen. Die Geschichte der Deutschen Telekom ist ein beeindruckendes Beispiel, welche Kräfte der Kapitalismus und die Privatisierung von staatlichem Eigentum entfesseln kann.

Die „Volksaktie“ dümpelt vor sich hin

Und was macht die Aktie? Sie dümpelt in etwa auf dem Niveau des Emissionskurses von 14,57 Euro (28,50 DM) beim Börsengang vor 25 Jahren. Es scheint, als ob die Aktie der Deutschen Telekom das Image der langweiligen „Volksaktie“ noch immer nicht abgelegt hat. Die beeindruckenden Erfolge der letzten Jahre und die sehr guten Perspektiven des Unternehmens spiegeln sich nicht annähernd im Kurs wider. Viele Anleger scheinen zu übersehen, dass sich die Deutsche Telekom in den vergangenen Jahrzehnten sehr gut aufgestellt hat:

  • Stabiles und wachsendes Geschäft in Deutschland: Die Deutsche Telekom verfügt über die größten und technologisch führenden Kabel- und Mobilfunknetze in Deutschland. Bis 2024 sollen mit Glasfasernetzen zehn Millionen Haushalte erreicht und mit 5G-Mobilfunknetzen eine Netzabdeckung von 97 Prozent erzielt werden. Aufgrund der hohen Qualität der Dienste ist die Deutschen Telekom insbesondere im B2B-Geschäft mit Unternehmen die erste Wahl. Sie wird deshalb erheblich von der Digitalisierung der Wirtschaft und dem Trend zur Heimarbeit profitieren.
  • Beeindruckendes Wachstum in den USA: In den USA ist die Bonner Gesellschaft mehrheitlich an T-Mobile US beteiligt (Anteil aktuell: 48,4 Prozent) und erreicht dort in etwa 105 Million Kunden. Die amerikanische Tochter hat einen beeindruckenden Turnaround hingelegt. Aufgrund seiner mäßigen Marktposition und der hohen Verluste sollte die Tochter im Jahre 2011 an den Konkurrenten AT&T veräußert werden. Das Vorhaben musste jedoch infolge des Widerstandes der US-Kartellbehörden aufgegeben werden. Im Nachhinein erweist sich dies als Glückfall für die Telekom. Nach der Übernahme von Metro PCS im Jahre 2013 konnten in den USA etwa 20 Millionen neue Kunden gewonnen werden. Im Jahre 2019 erfolge zudem die Fusion mit Sprint, T-Mobile US spielt damit mittlerweile in der gleichen Liga wie die größten Carrier AT&T und Verizon.
  • Operating Leverage steigert Ertragskraft: Die hohen Investitionen in Glasfaser- und Mobilfunknetze gehen mit sehr hohen Fixkosten einher. Je mehr Kunden bedient werden, desto besser können die hohen Fixkosten auf die einzelnen Kunden verteilt werden (Economies auf Scale oder Skaleneffekte). Nur die größten Anbieter können deshalb die anhaltend hohen Investitionen schultern und wettbewerbsfähige Kostenstrukturen erreichen. Der Konsolidierungsdruck in der Branche dürfte deshalb noch einige Jahre andauern. Die Deutsche Telekom wird jedoch vermutlich auf beiden Seiten des Atlantiks aufgrund der führenden Marktstellungen als einer der Gewinner aus den Konsolidierungsprozessen hervorgehen. Im Zuge des nachlassenden Wettbewerbs und der zunehmenden Fixkostendegression dürften sich die Gewinnmargen der Deutschen Telekom in den kommenden Jahren deutlich erhöhen (Operating Leverage).

Aktie ist unterbewertet

Die Deutsche Telekom verfügt über ein aussichtsreiches und stabiles Geschäftsmodell. Eine Verdoppelung der frei verfügbaren Cashflows in den kommenden vier Jahren erscheint realistisch. Mit starken Standbeinen in Deutschland, Europa und den USA und einer Vielzahl von Kunden sind die geschäftlichen Aktivitäten zudem sehr breit diversifiziert. Auch in Krisenzeiten (Beispiel Finanzkrise und Coronakrise) gehen Umsätze und Ergebnisse kaum zurück. Im Zuge der steigenden Ertragskraft werden sich auch die aktuell problematischen Verschuldungsrelationen (Net Debt/EBITDA beträgt 3,3) merklich verbessern.

Die Telekom hat sich zum Ziel gesetzt, etwa 40 bis 60 Prozent der Ergebnisse (mindestens 0,6 Euro je Aktie) auszuschütten. Mit einem KGV von etwa 9 und einer Dividendenrendite von etwa fünf Prozent ist die Aktie angesichts des absehbaren Wachstums und der überschaubaren Risiken deshalb deutlich unterbewertet. Die Unterbewertung wird besonders offensichtlich bei einer Bewertung der Einzelteile. Die amerikanische Tochter T-Mobile US hat aktuell einen Marktwert von etwa 124 Mrd. Euro, der Anteil der Deutschen Telekom daran beträgt etwa 60 Mrd. Euro. Die Marktkapitalisierung der Telekom von derzeit etwa 80 Mrd. Euro läuft also darauf hinaus, dass man die erfolgreichen deutschen und europäischen Aktivitäten aktuell fast für lau bekommt. Spätestens wenn sich die Bundesrepublik Deutschland als Anteilseigner (Anteil aktuell 30,46 Prozent) weiter zurückzieht, wäre die Deutsche Telekom auf dem aktuellen Kursniveau ein klarer Übernahmekandidat.

Peter Seppelfrickelehrt Finanzwirtschaft an der Hochschule Osnabrück. Er ist zugleich Gründer und Geschäftsführer der Value Investor Research GmbH. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Peter Seppelfricke


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