GeldanlageDeutsche Bank - Opfer einer Hedgefondsattacke?

Wann immer Aktien stark einbrechen, kommen rasch in der Analyse auch Spekulanten ins Spiel: Hedgefonds, die auf fallende Kurse wetten, am Vertrauensverlust verdienen und damit womöglich auch die Existenz von Firmen gefährden. Aktuell kursiert in vielen Medien die Theorie, auch europäische Bankaktien im Allgemeinen und die Papiere der Deutschen Bank im Speziellen seien Opfer solcher Hedgefonds-Attacken.

Ist da etwas dran?

Vermutlich nicht.

Zum Verständnis: Unter einem Leerverkauf versteht man den Vorgang, bei dem sich ein Spekulant eine Aktie leiht und verkauft mit dem Ziel, sie später günstiger zurückzukaufen und wieder zurückzugeben. Schließen sich besonders viele Spekulanten zusammen, verstärkt sich dieser Prozess von alleine: Immer mehr leer verkaufte Aktien lassen die Kurse einbrechen, verunsichern andere Halter und sorgen für immer weiter fallende Kurse und somit Zwischengewinne der Leerverkäufer. Hedgefonds ins Spiel zu bringen, gehört auch zum Instrumentarium von Public-Relations-Abteilungen, schließlich ist es sehr leicht, anonyme Spekulanten zu beschuldigen, wenn in Wahrheit Investoren den Glauben verlieren.

33 Millionen leer verkaufte Aktien

Der Leerverkauf einer Aktie wird indes gut dokumentiert. Der Datendienstleister Markit etwa errechnet jeden Tag aufs Neue, wie viele Aktien eines Unternehmens leer verkauft sind. Capital bat Markit um eine Auswertung der Leerverkäufe der Aktien der Deutschen Bank und der Commerzbank. Ergebnis: Über die letzten vier turbulenten Wochen hinweg ist die Zahl der leer verkauften Aktien bei der Commerzbank gesunken – von 29 auf 22 Millionen Stücke – und bei der Deutschen Bank deutlich gestiegen – nämlich mehr als vervierfacht von rund acht auf nunmehr 33 Millionen leer verkaufte Aktien.

Deutsche Bank Aktie

Deutsche Bank Aktie Chart
Kursanbieter: L&S RT

Daraus lässt sich ableiten, dass Spekulanten – wenn überhaupt – nicht eine ganze Branche, sondern allenfalls speziell die Aktie der Deutschen Bank attackieren. Für die tatsächliche Kursentwicklung scheinen derlei Attacken – selbst wenn es sie gäbe – auch nicht von besonderer Relevanz zu sein. Denn über den Betrachtungszeitraum von vier Wochen hinweg büßten sowohl die von Leerverkäufen deutlich stärker betroffene Aktien der Deutschen Bank als auch die überhaupt nicht betroffene Commerzbank um je rund 20 Prozent ein, ehe die Commerzbank zumindest am Freitag zu einer kleinen Erholungsrallye abhob.

Das ist auch kein Wunder, denn die schiere Zahl von rund 33 Millionen leer verkauften Aktien hört sich groß an. Ihr Leerverkauf hat fraglos auch dem Kurs zugesetzt. Allerdings hat die Deutsche Bank auch rund 1,4 Milliarden Aktien ausgegeben, von denen an ruhigen Tagen zuletzt rund zehn und an turbulenten Tagen knapp 30 Millionen Stücke den Besitzer wechseln.

Zusammenhang mit Coco-Bonds wahrscheinlich

Leerverkäufer agieren auch nicht im rechtsfreien Raum, sondern unterliegen Meldepflichten. Und hier löste zuletzt auch nur ein einziger Hedgefonds – Marshall Wace LLP aus London – eine Meldepflicht aus, weil er 0,47 Prozent der Deutsche-Bank-Aktien leer verkauft hat, also rund 6,5 Millionen Stücke. Betrachtet man die weiteren Meldungen dieses Hedgefonds, fällt auf, dass es sich nicht um ein gezieltes Manöver mit Bezug auf die Deutsche Bank handelt, sondern der Hedgefonds zuletzt auch Leerverkaufspositionen bei anderen deutschen Konzernen wie Klöckner, TAG, Stada, Bilfinger, Fraport, Metro aufgebaut hat.

Bei den Aktien der Deutschen Bank gibt es eine weit einfachere denkbare Erklärung für den Anstieg der Zahl der leer verkauften Aktien, auch wenn sie sich nicht vollständig beweisen lässt: Der Anstieg der Zahl der leer verkauften Aktien fiel zusammen mit dem Preisverfall der sogenannten Coco-Bonds der Deutschen Bank. Dabei handelt es sich um eine besondere Anlageform, die zwar hohe Zinsen zahlt, solange die Bank solvent ist. Rutscht jedoch die Kapitalausstattung unter bestimmte Grenzen, werden diese Anleihen herabgeschrieben, also faktisch in Eigenkapital gewandelt. 

Mit dem Leerverkauf einer Aktie können sich die Halter dieser Coco-Bonds gegen genau diesen Fall absichern: Müssen sie mit den Anleihen Verluste mittragen,  hat ihre Leerverkaufsposition Gewinn gemacht, und der Effekt hebt sich auf. Gut möglich und gemessen an den vorliegenden Zahlen also wahrscheinlich, dass an der Geschichte der attackierenden Hedgefonds zumindest bei den Aktien der Deutschen Bank nichts dran ist.

Anmerkung: In einer früheren Version dieses Artikels hieß es, die Coco-Bonds würden bei Unterschreitung bestimmter Merkmale in Aktien gewandelt. Das ist nicht richtig, die Beteiligung am Eigenkapital erfolgt bei diesen Papieren durch die vorübergehende Herabsetzung des Rückzahlungsbetrags.