InterviewWachstumswerte statt Qualitätsaktien


Anko Beldsnijder ist Portfoliomanager der Fondsmanufaktur FidecumAnko Beldsnijder ist Portfoliomanager der Fondsmanufaktur Fidecum

 


Capital: Drei Themen schweben derzeit wie ein Damoklesschwert über den Kapitalmärkten: Brexit, China, Trump. Was könnte aus Ihrer Sicht zu einer wirklichen Gefahr für die Börsen werden?

Beldsnijder: Alle drei haben es in sich – das muss man leider sagen. Was die Börsen gar nicht mögen ist Unsicherheit. Und beim Thema Brexit scheint momentan nur die Unsicherheit sicher zu sein. Die Briten werden wohl den Austritt aus der EU erklären. Das ist aber erst sicher, wenn sie Artikel 50 aktivieren. Aber was bedeutet das in der Praxis? Die Lage ist extrem komplex und wird deutliche Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum in Großbritannien haben. Ich schließe aber auch nicht aus, dass Brexit zu einem positiven Katalysator wird, da es ein klarer Weckruf für Europa ist. Ein positiver Aspekt am Exit-Votum der Briten könnte noch sein, dass die amerikanischen Wähler bis November begreifen, was passiert, wenn man blind Populismus ohne Strategie wählt.

China: Hier ist sicher, dass die Schuldenblase nicht unendlich weiter aufgepumpt werden kann. Offen ist dagegen, wann sie mit einem großen Knall platzt. Allerdings kann China die Probleme leichter eine Zeit lang vor sich herschieben, als das in Europa oder den USA möglich gewesen wäre.

Donald Trump ist eine Gefahr für die Börsen, ganz klar. Beunruhigend ist das oft völlige Fehlen von Faktenwissen in Kombination mit Populismus.

Sie setzen in Ihrem Fonds, dem avant-garde Stock Fund (ISIN LU0187937411), vor allem auf Wachstumsunternehmen mit Qualität. Damit stehen Sie unter Fondsmanagern derzeit so ziemlich allein auf weiter Flur, zumal sich Anleger mehr für defensive Qualitätsaktien interessieren. Was macht Sie so sicher?

Sicher ist natürlich nichts. Wir sind jedoch überzeugt, dass in einem wirtschaftlichen Umfeld mit wenig Wachstum Unternehmen, die strukturell wachsen, auch überdurchschnittliche Renditen liefern können. Investoren sind zunehmend in Qualität geflüchtet, ohne auf Wachstum zu achten. Das gilt sowohl für Aktien als auch für Anleihen. Bei den Bondrenditen sind wir jetzt bei null Prozent angekommen. Das bedeutet, dass auch die Aufwertung defensiver Qualitätsaktien ihren Endpunkt erreicht hat. Marktturbulenzen nach der Brexit-Abstimmung könnten der Höhepunkt gewesen sein, vergleichbar mit dem Platzen der Technologieblase im März 2000. Jetzt sollte wieder Wachstum gefragt sein.

Unterbewertete Aktien oder Wachstumstitel

Bei Ihrem Wechsel von MainFirst zu der Fondsmanufaktur Fidecum Anfang des Jahres konnten Sie Ihren Fonds mitnehmen. Das ist durchaus nicht üblich. Mussten Sie etwas an Ihrer Anlagestrategie ändern?

Nein, das war ja gerade der große Vorteil: Wir konnten die Anlagestrategie, qualitativ hochwertige Wachstumstitel zu einem akzeptablen Preis zu kaufen, beibehalten – jetzt aber unter dem Dach von Fidecum. Hier kann der Kunde zwischen zwei sehr unterschiedlichen Anlagestilen wählen: extrem unterbewertete Aktien (contrarian Value) oder Wachstumstitel mit Qualität.

Mit Sicht auf ein Jahr weist der avant-garde Stock Fund eine Performance von minus sechs Prozent aus. Bestätigt das nicht einmal mehr, dass weder Qualität noch Wachstum Schutz bieten, wenn die Börse korrigiert?

Wenn Börsen korrigieren, wie zuletzt beim Brexit, differenzieren die Anleger zuerst einmal wenig. Investoren haben einfach auf Qualität gesetzt, ob jetzt Bundesanleihen oder Unternehmen mit starken Bilanzen. Bundesanleihen haben geschützt, Qualitätsaktien jedoch nur bedingt. Unsere Überzeugung ist, dass wir gerade jetzt den Höhepunkt bei der Nachfrage nach Qualität gesehen haben. Jetzt stellt sich die Frage: unterbewerte Aktien (deep Value) und/oder Wachstumswerte (structural Growth). Bei Fidecum haben wir beides im Angebot.

Was sind aktuell die Top-Positionen im Depot?

Pandora, ein dänischer Schmuckhersteller, zeichnet sich durch strukturelles Wachstum aus. Gleiches trifft auf Helma zu, einen Massivhaus-Anbieter mit Sitz in Lehrte bei Hannover. Hier wirken die rekordtiefen Zinsen aber auch der Brexit unterstützend. WPP, eine der größten Werbe-Agenturen der Welt, profitiert von der Digitalisierung und dem Wachstum in den Schwellenländern.

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