KolumneBörsenrepublik Deutschland

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

Auch Börsenvisionen sind wie Sterne, man kann sie nicht erreichen aber sich an ihnen orientieren. In den 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts gab es im wiedervereinten Deutschland die Chance, in die erste Börsenliga der Welt aufzusteigen. Nach dem Ende des „Kalten Krieges“, symbolisiert durch den Fall der Berliner Mauer, machte sich Optimismus in Europa und vor allem in Deutschland breit. Man sprach von Friedensdividende; auch die Börsen waren in guter Stimmung. Der Börsengang der Deutschen Telekom wurde 1995 zu einem Riesenspektakel und die Kursentwicklung der T-Aktie war sensationell.

Viele Deutsche investierten zum ersten Mal in ihrem Leben in Aktien. Die positive Stimmung schuf den Humus für das Erblühen einer deutschen Börsenkultur. Erinnerungen an die Gründerzeit des neunzehnten Jahrhunderts, wo es zum guten Ton gehörte, Aktien zu besitzen, wurden wach. In Bankenkreisen hielt man es mitunter für realistisch, London als wichtigsten europäischen Börsenplatz abzulösen. Deutsche Kreditinstitute hatten sich bei englischen Häusern wie Morgan Grenfell, Kleinwort Benson und Jupiter Tyndall eingekauft.

Das Neue-Markt-Desaster lähmt die Börseneuphorie

An der Spitze der Euphorie marschierte mit dem „Neuen Markt“ ein neu geschaffenes Börsensegment für wachstumsstarke Unternehmen. Einzelne dort notierte Aktien legten spektakuläre Börsenkursentwicklungen (z.B. Mobilcom oder Intershop, EM.TV) aufs Parkett. Nokia, die einstige finnische Mobilfunkperle, mutierte zur teuersten Aktie Europas.

Besonnene Geister ahnten früh, dass eine derartige Euphorie-Welle angesichts der wenig verwurzelten Aktienkultur und überwiegend unerfahrenen Anlegerschaft böse enden würde. Tatsächlich implodierte der „Neue Markt“, als die sogenannte Dotcom-Krise im Jahr 2000 um sich griff. Der Börsenstar Telekom wurde dramatisch zerpflückt und musste als Symbol für Hybris und Dummheit herhalten. Die Chance des wiedervereinigten Deutschlands auf die Etablierung einer breiten Eigenkapitalkultur zerbarst jählings.

Seither hat sich die Börsenkultur hierzulande kaum zum Besseren gewandelt. Zu gering ist die Partizipation der einheimischen Bevölkerung an der Börse. Selbst die Abschaffung positiver Zinsen durch die Europäische Zentralbank hat nicht vermocht, das Interesse der Menschen an Aktien spürbar zu erhöhen. Zu dominant ist offenbar die Kombination aus traumatischen Erinnerungen und ökonomischem Analphabetismus. So kommt es denn, dass die größte Wirtschaft Europas weltweit in Bezug auf Aktienmarktkapitalisierung nur in der dritten Liga spielt.

Die Vorteile der Aktienanlage sind eindeutig

Frappant ist zudem, dass Schulen und Hochschulen sich des Themas kaum annehmen. Noch schlimmer und vor allem kostspieliger (Opportunitätskosten) ist allerdings die Wort- und Tatenlosigkeit unserer Politiker auf dem Feld der Aktienkultur. Für unser Land ist es leider bezeichnend, dass Friedrich Merz während seiner Bewerbung um den CDU-Vorsitz angefeindet wurde, weil er sich erlaubt hatte, einer stärkeren Beteiligung der Bevölkerung an der Wirtschaft qua Aktienbesitz das Wort zu reden.

Dabei sind die Fakten erdrückend eindeutig. Mit keiner Anlageform lassen sich langfristig so positive reale Vermögensentwicklungen erreichen wie mit Aktienanlagen. Als ich Anfang der 90er-Jahre ins Berufsleben eintrat, hatte ich die Vision, die Aktienanlage unter unseren Landsleuten zu popularisieren. Die Vision von der Börsenrepublik Deutschland wirkt heute auf mich wie ein Planet, der weiter entfernt ist denn je.

 


Christoph Bruns ist Fondsmanager, Vorstand und Hauptaktionär der Fondsgesellschaft Loys AG. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Christoph Bruns