Inflation „Ich weiß gar nicht, worauf EZB-Chefin Lagarde noch wartet“

Peter Bofinger
Peter Bofinger
© IMAGO / Jürgen Heinrich
Steigende Löhne würden die Preise weiter in die Höhe treiben und damit zu einer Lohn-Preis-Spirale führen, warnt der frühere Wirtschaftssachverständige Peter Bofinger im Interview und fordert von der EZB ein Ende der Negativzinsen

Herr Bofinger, seit Wochen werden die Stimmen lauter, die vor einer Lohn-Preis-Spirale warnen, also davor, dass aufgrund der Inflation stark steigende Löhne zu höheren Kosten für die Unternehmen führen, die daraufhin ihre Preise erhöhen müssen, was wiederum die Inflation antreibt. Ist das eine reale Gefahr?

PETER BOFINGER: Wir sehen ja schon, wie sich dieser Preisschock – ursprünglich ausgelöst von den Energiepreisen – durch das ganze Wirtschaftssystem frisst. Da wird es für die Gewerkschaften extrem schwer sein, Lohnabschlüsse zu akzeptieren, die keinen Kostendruck im Sinne einer Lohn-Preis-Spirale erzeugen. 

Was bedeutet das konkret?

Die normale Richtschnur für die Lohnpolitik ist die Entwicklung der Produktivität plus die Zielinflationsrate der EZB, die bei zwei Prozent liegt. Da die Arbeitsproduktivität in diesem Jahr kaum steigen dürfte, entspräche das also Lohnzuwächsen von lediglich zwei Prozent. Solche Tarifabschlüsse könnten die Gewerkschaften ihren Mitgliedern aber kaum vermitteln. Das würden die angesichts einer Inflation von rund sieben Prozent nicht akzeptieren. Ich glaube zwar nicht, dass wir Abschlüsse von sieben oder acht Prozent sehen werden. Aber wenn die Löhne so um drei oder vier Prozent steigen, sind wir gewissermaßen auch schon in der Lohn-Preis-Spirale drin. 

Wie wird sich das auf die Inflationsentwicklung auswirken? 

Es wird dazu führen, dass es etwas länger dauert, bis wir von den aktuellen, hohen Inflationsraten wieder auf einen Wert von zwei Prozent runterkommen. Auf der einen Seite gibt es Kräfte, die sich allmählich bremsend auf die Inflation auswirken werden. Dazu gehören die Energiepreise, sofern sie nicht durch eine Verschärfung der Krise noch weiter ansteigen. Denn selbst wenn die Energiepreise auf ihrem jetzigen hohen Niveau verharren, haben wir dann ja nach zwölf Monaten keine Steigerung mehr, also keinen Beitrag zur Inflation. Doch das dürfte nicht ausreichen, um zu verhindern, dass es wegen der Lohnentwicklung immer noch zu Inflationsraten im Bereich zwischen drei und vier Prozent kommen wird. Die Preisentwicklung bei vergleichbaren starken Schocks in den 70er- oder 80er-Jahren zeigt, dass es gut zwei Jahre dauern kann, bis wir aus dieser Inflationsphase wieder herauswachsen.

 

Sind die Appelle an die Arbeitnehmer und Gewerkschaften, sich bei den Lohnforderungen im Sinne der Inflationsbekämpfung zum Wohle der Allgemeinheit zurückzuhalten, sinnvoll?

Ich bin mir ziemlich sicher, dass die Gewerkschaften ihre gesamtwirtschaftliche Verantwortung sehen und die Inflation nicht über die Maßen anheizen werden. Sie müssen natürlich ihren Mitgliedern erklären, warum sie jetzt nicht sieben oder acht Prozent mehr bekommen, sondern vielleicht nur vier Prozent. Aber die Logik ist ja einfach: Die Inflation kommt ja im Moment nicht den Profiten der heimischen Unternehmen zugute, sondern in erster Linie den Energielieferanten, also Russland und den OPEC-Ländern. 

Die IG Metall hat für die Eisen- und Stahlbranche allerdings gerade sogar 8,2 Prozent mehr gefordert. Würden Sie sagen, damit hat die Gewerkschaft sich unverantwortlich verhalten?

Ich will nicht über einzelne Tarifverhandlungen urteilen. Aber ich bin überzeugt, dass wir insgesamt im Ergebnis Tariferhöhungen bekommen werden, bei denen die Gewerkschaften sich ihrer Verantwortung bewusst sind. 

Ein Großteil der Unternehmen macht ja immer noch ordentliche Gewinne. Man könnte doch sagen: Schüttet mal weniger Gewinne an die Aktionäre oder Gesellschafter aus, bevor ihr die Preise erhöht. Wie groß ist der Einfluss der Lohnentwicklung auf die Preise überhaupt?

Die Lohnkosten sind neben den Energiepreisen der Hauptfaktor für die Inflationsentwicklung. Das hat sich ja auch in den vergangenen Jahren gezeigt, als wir vergleichsweise zurückhaltende Lohnerhöhungen hatten und auch deswegen in Deutschland über Jahre eine Inflation deutlich unterhalb des Zielwertes von zwei Prozent. 

Da hat die Lohn-Preis-Spirale andersherum gewirkt? 

Ja, das war vor allem in Deutschland sehr ausgeprägt Anfang der 2000er-Jahre, als wir faktisch gar keine Reallohnerhöhungen hatten und extrem niedrige Inflationsraten, aber auch in den 2010er Jahren. Hätten wir da höhere Lohnsteigerungen gehabt, hätte das zu einer etwas höheren Inflation im Euroraum insgesamt beigetragen. Dann hätte die EZB auch nicht diese lockere Geldpolitik mit negativen Zinsen machen müssen. Man kann schon sagen, dass die Lohnentwicklung in Deutschland – neben unserer extrem unangemessenen Fiskalpolitik – dazu beigetragen hat, die EZB zu solchen geldpolitischen Verrenkungen zu zwingen.

Laut der Bundesregierung soll das jetzt beschlossene Entlastungspaket auch dazu beitragen, den Druck auf die Lohnentwicklung zu mindern. Funktioniert das?

Nein. Die Menschen sind zu sehr auf die Inflationsrate fixiert. Diese Entlastungen sind ja weitgehend unmerklich: weniger Einkommensteuer hier, ein bisschen Kinderzuschuss da. Es rechnet ja niemand nach, inwieweit das zusammen die Mehrkosten durch die Inflation ausgleicht, und ist dann mit geringeren Lohnsteigerungen zufrieden. Wenn ich das hätte entscheiden können, hätte ich statt dieser Entlastungsmaßnahmen die Mehrwertsteuer auf Energie halbiert. Das hätte sich direkt auf die Preise und damit die Inflationsrate ausgewirkt. Klar, viele Ökonomen lehnen das ab, weil dann alle davon profitieren, auch der Porschefahrer, der das überhaupt nicht nötig hat. Das könnte man aber über einen Zuschlag auf die Einkommensteuer lösen. Ich glaube, dass der Effekt geldpolitisch besser gewesen wäre, als der von vielen Einzel-Entlastungen. Das hätte auch etwas Druck von der EZB genommen. 

Apropos EZB: Sie sagten, Lohnentwicklung und Energiepreise seien die wichtigsten Faktoren der Inflationsentwicklung. Welche Rolle spielt die EZB in der aktuellen Situation? 

Die EZB muss dringend ihre Negativzinsen beenden. Das wäre ein wichtiges Signal, dass sie sich der Situation derzeit bewusst ist. Ich weiß gar nicht, worauf EZB-Chefin Lagarde noch wartet! Es geht ja gar nicht darum, dass die Notenbank die Konjunktur bremsen soll. Sie soll nur den Fuß etwas vom Gas nehmen. Die Negativzinsen bedeuten Vollgas. Lagardes Vorgänger Draghi hatte das zur Bekämpfung der Deflation eingeführt. Jetzt heißt es, von minus 0,5 auf 0 Prozent zu gehen. Das ist ja immer noch expansiv, also man gibt immer noch Gas, drückt aber das Pedal nicht mehr bis zum Anschlag durch. 

Wäre es aber angesichts der hohen Inflationsrate nicht angezeigt, geldpolitisch wirklich auf die Bremse zu treten?

Nein. Es geht um ein Signal, dass die Notenbank Gewehr bei Fuß steht. Will sie die Inflation wirklich bekämpfen, kann sie das nur, indem sie die gesamte Wirtschaft und damit die Nachfrage ausbremst. Die deutsche Wirtschaft stagniert aber bereits. Wenn jetzt die Haushalte alle mit ihren Energierechnungen konfrontiert werden, wird das den privaten Verbrauch ordentlich ausbremsen. Und auch die Unternehmen werden durch die Energiekosten natürlich massiv belastet. Das heißt, es findet schon eine Inflationsbekämpfung über eine schwächere gesamtwirtschaftliche Nachfrage statt. Deshalb müsste die EZB nicht zusätzlich mit Leitzinserhöhungen auf ein oder zwei Prozent bremsen, wie es die US-Notenbank Federal Reserve tun muss. 

Was unterscheidet die Situation in den USA von der im Euro-Raum?

In den USA steckt die Inflation schon sehr viel tiefer im System drin, mit Lohnsteigerungen von fünf Prozent und mehr. Der einzige Weg aus dieser Dynamik wieder herauszukommen, ist halt, dass man die Wirtschaft so sehr ausbremst, dass die Arbeitslosigkeit wieder steigt und damit der Lohndruck zurückgeht. So war das immer in den USA, wo es keine Gewerkschaften vergleichbar mit denen in Deutschland gibt. Wenn die Notenbank die Inflation richtig bekämpfen wollte, musste sie immer eine Rezession erzeugen. Deswegen ist es ja so wichtig, dass die Lohn-Preis-Dynamik nicht außer Kontrolle gerät. Denn wenn man sie dann wieder in den Griff bekommen will, wird das schmerzhaft. Allerdings sind wir in Deutschland und Europa deutlich entfernt von einer Entwicklung wie derzeit in den USA. 

Dieses Interview ist zuerst auf ntv.de erschienen.


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