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Warum Skandinavier gerne Steuern zahlen

, Maike van den Boom

Skandinavier zahlen hohe Steuern. Trotzdem gelten sie als glücklich, was viel mit Vertrauen zu tun hat. Von Maike van den Boom

Maike van den Boom
Maike van den Boom

Maike van den Boom ist Autorin und Vortragsrednerin. Die Halbholländerin hat Kunsttherapie studiert und in zahlreichen Managementjobs in den Niederlanden und Deutschland gearbeitet. In diesem Jahr erschien ihr Buch „Wo geht’s denn hier zum Glück“. Weitere Informationen: maikevandenboom.com und wogehtsdennhierzumglueck.de


„Du kannst dreimal am Tag duschen, du kannst dreimal am Tag essen, du kannst arbeitslos sein und bekommst Geld vom Staat. Du bist in jeder erdenklichen Art geschützt. Wir zahlen viele Steuern, ja, aber genau deswegen funktioniert das System. Dänemark ist klasse!“, sagt Michael, Restaurantbesitzer aus dem dänischen Aarhus. Spinnen die Dänen?

Immerhin zahlen sie auf „teure“ Neufahrzeuge ab 11.500 Euro eine Luxussteuer von bis zu 180 Prozent. Auf die restlichen Neuvehikel „nur“ 105 Prozent. Mal ganz abgesehen von der Mehrwertsteuer von 25 Prozent, die sowieso gezahlt werden muss. Und das soll glücklich machen? Nicht direkt, auch wenn die meisten Dänen ihre Steuern gerne zahlen. Und das tun sie nicht etwa aus Verklärung, Dummheit oder Naivität, sondern aus der starken Überzeugung heraus als Land eine Gemeinschaft zu formen, in der man einander vertraut.

Der vielleicht etwas befremdlich wirkende skandinavische Umgang mit Steuern ist Ausdruck zweier wichtiger Glücksfaktoren: Vertrauen und Gemeinschaftssinn. Christian Bjørnskov, Professor an der School for Business der Universität Aarhus, erklärt es mir so: „Dänemark hält zusammen mit Schweden und Norwegen den Weltrekord in Vertrauen. Obwohl wir nur ein normales, wohlhabendes, westliches Land sind, sind wir viel glücklicher als andere Länder, weil die meisten Dänen anderen Menschen trauen.“

Die hohe Bedeutung von Vertrauen

Eine amerikanische Studie aus dem Jahre 2011 zeigt, dass die Fähigkeit, seinen Mitmenschen zu vertrauen, das Zufriedenheitsniveau eines Menschen um 18 Prozent steigert. Ungefähr den gleichen Effekt hat eine Gehaltsverdoppelung – mit dem Unterschied, dass sich dieser im Laufe der Zeit verflüchtigt.

Mit dem Vertrauen haben wir in Deutschland jedoch unsere liebe Not. „Wenn du jemanden fragst: Glauben Sie, dass man Menschen im Allgemeinen vertrauen kann?, dann sagen circa 70 Prozent der Dänen Ja. In Deutschland sind es 38 Prozent“, so Bjørnskov. Sowohl unsere persönliche Beziehungen als auch Politik und Wirtschaft würden ohne Vertrauen völlig brachliegen.

Den Skandinaviern ist das Gefühl der Verbundenheit mit anderen Menschen das höchste Gut und dementsprechend gemeinschaftsorientiert verhalten sie sich. Steuer-Tricksen ist in Norwegen, Schweden oder Dänemark ein No-Go und der Missbrauch von Sozialleistungen etwas, was man einfach nicht macht, weil es durch die Gemeinschaft finanziert wird. Steuern sind der Preis für öffentliche Leistungen, die allen oder einem großen Teil der Bevölkerung in ihren verschiedenen Lebensphasen hilft: Straßen, Schulen, Krankenhäuser. Jeder gibt etwas ab, damit diejenigen, denen es schlecht geht, aufgefangen werden, so das Prinzip unseres Sozialstaates. Oder aber, jeder gibt etwas ab, damit es allen gut geht, wie beim Wohlstandsstaat.

Moralische Verpflichtung

In welcher Form auch immer die Steuereinnahmen eingesetzt werden, das Zahlen von Steuern wird hier als gesetzliche Pflicht in anderen Ländern als moralische Verpflichtung gesehen. In Ländern wie Finnland, Dänemark, Norwegen oder Schweden, den freiheitsliebendsten und individualistischsten Ländern der Welt, werden Steuern nicht als Beschränkung der persönlichen Freiheit gesehen, sondern als etwas, was sie erst möglich macht, weil sich der Staat um den großen Rahmen kümmert. Es ist unsere Entscheidung, ob wir Steuern als etwas sehen, dem wir misstrauisch gegenüberstehen, etwas was uns abgeknöpft wird, oder aber als etwas, was dafür sorgt, dass unsere persönliche Entfaltungsmöglichkeit gewahrt bleibt, weil wir darauf vertrauen, dass der Staat das Geld für gemeinnützige Projekte ausgibt.

„Vertrauen ist sehr wichtig in der norwegischen Gesellschaft. Wir haben viel Vertrauen in die Regierung und in unsere Mitmenschen.“ Das „Global Corruption Barometer 2013“ gibt Aron Halfen, Unternehmer und Mitarbeiter im norwegischen Außenministerium recht. Ich treffe ihn auf seinem Segelboot in Tromsø. Es glauben tatsächlich nur fünf Prozent der Norweger, dass ihre Regierung durch einige wenige große, eigennützige Interessen gelenkt wird. „Es ist hier ein Wert, anderen Menschen zu vertrauen und nur das Beste über sie zu denken. Vielleicht kann man sagen, dass dies ein Teil der skandinavischen Kultur ist.“

Und zu dieser Kultur gehört es auch, das Einreichen von Bewirtungsbelegen für das Geburtstagsessen der Tochter oder die Bevorteilung unter der niedlichen Bezeichnung „rheinischer Klüngel“ nicht als kleine Sünden durchgehen zu lassen. Vetternwirtschaft, Korruption und Steuertrickserei sind Zeichen fehlenden Sinns für das Miteinander.

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Spannende Korrelationen

Aber auch auf staatlichem Niveau hat ein korruptionsfrei funktionierendes Staatswesen einen deutlichen Einfluss auf die Zufriedenheit einer Gesellschaft. Die Ergebnisse des Korruptionswahrnehmungsindex von Transparency International können in den meisten Fällen direkt an das Glücksniveau in den betreffenden Ländern gekoppelt werden. In alle Länder, die konform des World Database of Happiness auf den ersten Plätzen landen wird Korruption als sehr niedrig wahrgenommen. Wo Staatswesen von privater Vorteilsnahme und Amtsmissbrauch erkennbar durchdrungen sind, kann man mit Sicherheit davon ausgehen, dass die Bürger weniger glücklich sind. Umgekehrt zeigen die meisten glücklichen Länder ein niedriges Maß an wahrgenommener Korruption.

Anderen Menschen und Institutionen vertrauen zu können und sich selbst vertrauenswürdig zu verhalten, scheinen auch für Krisen immun zu machen. Bjørnskov zeigt in einer Studie, dass Länder, die bereits vor der Krise durch unzureichende Marktregulationen, das Fehlen starker Rechtsinstitutionen und ein niedriges soziales Vertrauensniveau gekennzeichnet waren, härter von der Krise getroffen wurden als Länder mit einem hohen Vertrauensniveau und einem intakten Staat.

Das bereits sehr niedrige subjektive Wohlbefinden in Griechenland etwa, ist seit 2007 gemessen durch die Eurobarometer-Umfrage nochmals um 16 Prozent auf Platz 56 des World Database of Happiness gesunken. Andere Länder, die ebenfalls von der Krise betroffen waren wie Dänemark und die Niederlande litten hingegen kaum. In Island blieb das Glücksniveau vor, während und nach dem Staatsbankrott 2008 auf dem gleichen Niveau. Tiefere Krisen müssen also nicht zwangsläufig zu größeren Verlusten im Glücksempfinden führen, wenn Menschen einander vertrauen.

Was Vertrauen zerstört

Rotstein und Eck haben 2009 in einem experimentellen Ansatz ein hochkorruptes Land (Rumänien) mit niedrigem Vertrauensniveau verglichen mit einem kaum korrupten Land (Schweden) mit sehr hohem Vertrauensniveau. Ergebnis: Wenn Menschen ihre Autoritäten als korrupt wahrnehmen, wird nicht nur das Vertrauen in die Regierung, sondern auch das Vertrauen zwischen den Bürgern im Allgemeinen zerstört.

Das Glücksniveau der skandinavischen Länder ist also nicht, wie fälschlicherweise oft vermutet wird, ursächlich im Wohlfahrtsstaat begründet, sondern in zwei Komponenten, die dafür sorgen, dass dieser Wohlfahrtsstaat erst bestehen kann: ein hohes Vertrauensniveau und ein niedriges Korruptionsniveau. In diesen Ländern herrscht das Transparenzprinzip, was dafür sorgt, dass im Prinzip jeder die Einkommensteuer seines Nachbarn und die Ausgaben der Politiker einsehen kann.

„Die Schweden vertrauen der Regierung ihre persönlichsten Daten an. Es gibt ein großes Vertrauen in den Staat. Das Schöne daran ist, dass Steuerhinterziehung, Korruption, Mobbing, Stalking, all diese Phänomene, die eigentlich im Verdeckten auftreten, bei so viel Offenheit wenig Chance haben, unentdeckt zu bleiben“, sagt Tilmann Bünz, langjähriger Skandinavien-Korrespondent. Das Öffentlichkeitsprinzip scheint weder dem sozialen Frieden noch dem gesellschaftlichen Zusammenhalt zu schaden. Wer keinen Mist baut, hat auch nichts zu verbergen.

Vertrauen - wie geht denn das?

Radfahren lernt man dadurch, dass man einfach versucht loszuradeln. Vertrauen ebenso. Das bedeutet, Sie müssten einfach damit anfangen, anderen Menschen zu vertrauen und sich dementsprechend zu verhalten.

Vielleicht winken Sie nächstes Mal einfach dankend ab, wenn Ihnen der Ober einen Bewirtungsbelegt anbieten möchte und sagen: „Danke, ich zahle gerne Steuern.“


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