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Wie Robo Advisors die Krise meistern

, Dirk Elsner

Versagt die automatisierte Anlageberatung in turbulenten Börsenzeiten? Bis jetzt kann keine Rede davon sein. Von Dirk Elsner

Dirk Elsner © Sebastian Berger, Stuttgart

Dirk Elsner ist bei der DZ Bank Senior Manager Innovation und Digitalisierung. In dieser Kolumne äußert er seine private Meinung. 2008 hat er das private Wirtschaftsblog BlickLog gegründet, das mehrfach ausgezeichnet wurde.


Die Wirtschaftspraxis wird nicht müde, neue Trends aufzurufen. Neben dem Megathema Digitalisierung, dessen Etikett vielen Produkten und Dienstleistungen aufgeklebt wird, spielt künstliche Intelligenz (KI) mal wieder eine große Rolle. Mal wieder, weil ich mich noch sehr gut an die Debatten in der 90er-Jahren über dieses Phänomen erinnern kann und beinahe meine Diplomarbeit über neuronale Netzwerke geschrieben hätte. Das Thema verschwand dann aber für 20 Jahre aus dem Blickwinkel der Praxis und lebt erst jetzt erneut auf.

Wer über Automaten schreibt, die dem Menschen in allgemeiner oder zumindest fachlicher Intelligenz nahekommen, kann sich heute immer noch schnell die Finger verbrennen. Es gibt nämlich große Diskrepanzen im inhaltlichen Verständnis und vor allem der praktischen Anwendung. Seit Erfindung der ersten Rechner hofft man, menschliche Intelligenz nachbauen zu können. Dabei kennen wir längst nicht alle Details über die Funktionsweise des menschlichen Gehirns.

Nick Bostrom schätzt in seinem Buch „Superintelligenz“, dass seit der Erfindung des Computers das Erscheinen solcher Maschinen jedes Jahr jeweils etwa 20 Jahre in die Zukunft verlegt wird. Heute glauben also Futuristen, dass es binnen zwei Jahrzehnten intelligente Maschinen geben wird. Aber, so Bostrom, aus der Tatsache, dass viele Prognosen in der Vergangenheit zu vorschnell waren, folgt nicht, dass künstliche Intelligenz unmöglich ist oder niemals entwickelt werden wird. Das sehe ich ähnlich, vor allem wenn es dabei um spezielle fachliche KI geht.

kognitive Verzerrungen ausschließen

Ein Service im Finanzwesen, bei dem man streiten kann, ob es sich dabei um künstliche Intelligenz handelt, ist das sogenannte Robo-Advisory. Darunter versteht man die digital automatisierte Anlageberatung beziehungsweise das Vermögensmanagement. Bei den Robo-Advisorn handelt es sich meist um Internetplattformen, über die auf Basis bestimmter Fragen an den Anleger Vorschläge für die Vermögenszusammensetzung gemacht werden. Dazu wird die Risikoneigung des Anlegers ermittelt, seine finanziellen Situation und seine Anlageziele und Zeithorizonte. Daraus errechnet ein Programm (Algorithmus) Anlagevorschläge. Häufig ist dies ein Mix börsengehandelter Indexfonds. Ich hatte das Prinzip dieser „Anlageautomaten“ in der Kolumne „Warum Robo-Adivsors Asset Mixer sind“ erläutert.

Die Grundzüge des digitalen Asset-Managements basieren vor allem darauf, kognitive Verzerrungen auszuschließen, die zwangsläufig bei persönlichen Entscheidungen über Kapitalanlagen auftreten. Solche Verzerrungen, so die gängige und durch viele Untersuchungen bestätigte Ansicht, unterlaufen nahezu allen menschlichen Entscheidern (auch den Profis) und verschlechtern die Rendite der Investitionen am Kapitalmarkt. Diese Fehler lassen sich zwar mit viel Disziplin und einem langfristigen Ansatz vermeiden. Menschen schaffen das in der Regel aber nicht, weil sie sich selbst überschätzen, Informationen verzerrt aufnehmen oder falsch verankern (wer mehr darüber lernen möchte, googelt nach Behavioral Finance und Verhaltensanomalien).

Die Robo-Advisor setzen darauf, mit Hilfe klarer Regeln und langfristiger Strategien Emotionen auszuschalten. Eine interessante Frage war bei den jüngsten Kursturbulenzen an den Finanzmärkten, ob die Kunden den Druck aushalten und nicht trotz aller Automatisierung manuell eingreifen. Einige Plattformen reagierten mit psychologischer Betreuung ihrer Kunden. So schrieb Vaamo etwa Mitte Februar in einem „Kommentar zum aktuellen Geschehen an den Finanzmärkten“, dass solche Kursrückgänge über einen längeren Zeitraum immer wieder vorkommen, aber deutlich seltener seien als Phasen positiver Marktentwicklungen. Vaamo empfiehlt, das langfristige Bild im Auge zu behalten und schreibt weiter: „Es gehört zu den größten Anlagefehlern grundsätzlich, nach starken Kursrückgängen auszusteigen und erst nach langanhaltenden Aufwärtstrends wieder einzusteigen. Da keiner die richtigen Ein- und Abstiegszeitpunkte vorhersagen kann, bleibt man am besten dabei und fokussiert sich auf das langfristige Ziel.“ Thomas Bloch, Mitgründer von Vaamo, versicherte mir am Rande der Execfintech am 8.3. in Frankfurt, dass Vaamo trotz der Kursturbulenzen keine Kunden verloren habe.

Profitieren mit aktiven Strategien

Ich fragte außerdem bei Ginmon nach. Ginmon bietet ebenfalls eine nach wissenschaftlichen Modellen regelbasierte Kapitalanlage an. Lars Reiner, Gründer und Geschäftsführer, schrieb mir, dass die Ginmon-Kunden langfristig orientierte Anleger seien, die die Wertentwicklung zum Jahresanfang recht gelassen gesehen und häufig sogar ihre monatliche Sparrate erhöht hätten. Er sagte außerdem:

„Das automatisierte Smart Rebalancing führt in diesem Fall dazu, dass die im Wert zurückgegangenen Aktien nun verstärkt nachgekauft werden. Dadurch wird an der Erholung des Kapitalmarktes stärker partizipiert und das Risikolevel des Kunden wird konstant eingehalten. Diese antizyklische Anlagestrategie hat sich wissenschaftlich schon lange bewährt, wurde aber aufgrund des Aufwands und der damit verbundenen Transaktionskosten von Privatanlegern bisher nicht konsequent umgesetzt. Der Robo-Advisor kann diese Strategie effizient umsetzen und dadurch Mehrwerte erzielen.“

Auch Daniel Schäfer, Geschäftsführer und Gründer von United Signals berichtete in einem persönlichen Gespräch, dass es keine Fluktuation gegeben habe. Profitiert hätten sogar aktive Strategien, die sich die jeweiligen Marktphasen zu Nutze machen. So habe United Signals einen Dax-Basket basierend auf drei Anlagestrategien aufgesetzt, dessen Ziel es ist, mit Long- und Short-Positionen sowohl in steigenden als auch in fallenden Märkten Gewinne zu erzielen.

Manche Beobachter erwarteten, dass die digitalen Anlageplattformen in schwachen Börsenzeiten Probleme bekommen. Es sieht so aus, als würden sie damit falsch liegen. Ihre Kunden scheinen zu verstehen, dass es bei der Vermögensbildung nicht auf das kurzfristige Markttiming ankommt, sondern auf die langfristige Sicht.

Möglicherweise werden künftig auch Modelle, wie die von der gerade gestarteten Plattform Scalable geschätzt, die besonderen Wert auf das Risikomanagement legen (siehe dazu dieses Interview auf Gründerszene). Zumindest nach eigener Einschätzung sind also die digitalen Anlagemanager schadlos durch die jüngsten Kursturbulenzen gekommen. Natürlich kann auch das nur eine Momentaufnahme sein. Offenbar gelingt es den Plattformen, ihren Kunden gerade durch die Turbulenzen zu vermitteln, dass es bei der Kapitalanlage darum geht, nicht Risiken vollkommen auszuschließen, sondern Schwankungen geschickt zu nutzen.


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