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  • Gastkommentar

Frische Impulse für die Energiewende

, Claudia Kemfert

Der Umbau der deutschen Energieversorgung ist aus dem Blickfeld geraten. Jetzt braucht die Energiewende neuen Schwung. Von Claudia Kemfert

Hochspannungsleitung © TransnetBW
Der Leitungsausbau kommt nicht richtig voran

Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).Claudia Kemfert leitet die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt beim Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW).


Deutschland hatte sich beim Klimaschutz einmal selbst ambitionierte Ziele gesetzt: Um 40 Prozent sollte der Ausstoß von Treibhausgasen vermindert werden und zwar bis zum Jahr 2020. Nur leider wird dies kaum gelingen. Im Moment ist ohnehin anderes wichtiger. Außenpolitik zum Beispiel. Konflikte mit Russland und dem Mittleren Osten.

Dabei hat die Energiepolitik viel mit den Konflikten in der Welt zu tun. Genau deswegen wird darüber spektuliert, wie viel der aktuell extrem niedrige Ölpreis auf politische Einflussnahme zurückzuführen ist – und nicht allein eine „normale“ Schwankung von Angebot und Nachfrage.

Zügiges Handeln beim Thema Klimaschutz schlüge quasi zwei Fliegen mit einer Klappe: Wirtschaftswachstum und Weltfrieden. Die Lösung heißt Energiewende. Das war mal ein großes Anliegen in Deutschland und hätte auch eines in Europa werden sollen, sogar weltweit. Es war mal das wichtigste Projekt der aktuellen Bundesregierung. Gerade ist es aus dem Blickfeld geraten. Die selbstgesteckten Klimaziele werden nicht erfüllt.

massive Überkapazitäten

Dafür müssten im Stromsektor alte und ineffziente Kraftwerke vom Netz genommen werden. Das wäre leicht möglich: Wir schwimmen im Strom. Wegen der massiven Überkapazitäten ist der Strompreis an der Börse im Keller, die Rentabilität der meisten Kraftwerke somit auch.

Trotzdem - oder gerade deshalb- wünscht sich der Großteil der Energiebranche zusätzliche Subventionen über so genannte Kapazitätsmärkte. „Harz IV für alte Kraftwerke“ nannte Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel diese Subventionen, die den Strompreis unnötig verteuern, – mit dem Unterschied, dass hier nicht bedürftige Menschen, sondern marode Geschäftsmodelle von Konzernen am Leben erhalten werden.

Anstelle Subventionen für „alte Kohlemöhren“ zu bezahlen, wäre es notwendig, den Markt um eben diese Kraftwerke zu bereinigen und so eine doppelte Dividende zu erzielen: Die Klimaziele würden erreicht, die Strompreise an der Börse stiegen und somit auch die Rentabilität aller für die Energiewende so wichtigen Gas- und Pumpspeicherkraftwerke.

Aktuell haben innovative Geschäftsmodelle keine Möglichkeit zu überleben, die genau diesem zukunftsträchtigen System genügen würden. Die Konkurrenz des künstlich am Leben erhaltenen Alt-Systems ist zu stark. Im Kampf alt gegen neu gewinnen derzeit solche, die keine Zukunft haben. Die Lobbyisten der Vergangenheit beherrschen den öffentlichen Diskurs. Dabei wissen alle – auch die Gegner – dass eine wirkliche Energiewende neben vielem anderen auch innovative und flexible Gas-Kraftwerke sowie Pumpspeicherkraftwerke benötigt.

[Seitenwechsel]

Bürokratie statt Innovation

Selbst beim Ausbau der erneuerbaren Energien hat Deutschland nach einem ambitionierten Start nicht mehr viel zu bieten: Der Ausbau der Windenergie läuft scheinbar flott, was aber wohl vor allem an Nach- und Vorzieheffekten lag: Nachzieheffekte, weil einige Bundesländer im Zwischenspurt doch noch ihre Ausbauziele erreichen wollen, und Vorzieheffekte, weil die Branche erhebliche Einschnitte durch die neuen Reformen in der Förderung erwartet. Einmaleffekte statt Trend.

Im Ausbau der Solarenergie geht uns deutlich die Puste aus. Die politisch verordnete „Atempause“ ist eher ein Abwürgen durch zu harte Einschnitte in der Förderung und die Belastung des eigen erzeugtem Stroms aus erneuerbaren Energien. Deutschland wird mehr als verspätet über die Ziellinie gehen, wenn tatsächlich künftig der aus erneuerbaren Energien erzeugte Strom nicht mehr fest vergütet wird, sondern Solar-Projekte ausgeschrieben werden. Bürokratie statt Innovation. Investoren aller Art werden die erheblichen Unsicherkeiten scheuen; im Zweifel werden die Unsicherheiten finanzseitig eingepreist. Niedrigere Strompreise wird man so kaum erwarten dürfen.

Wichtigste Aufgabe der Energiewende ist, das Stromsystem grundlegend umzubauen – hin zu mehr Dezentralität, Flexibilität und Dynamik, inklusive intelligenter Netze, einer optimalen Steuerung von Angebot und Nachfrage und mittelfristig mehr Speicher. Sicher, derlei erfordert eine gewisse Komplexität im Denken und Planen. Der bislang oligopolistisch zentralistisch geführte Energiemarkt muss sich für eine Vielzahl von Mitspielern öffnen. Vorausschauende und aktive Bürgerbeteiligung ist deswegen ein wesentlicher Motor der Energiewende.

Chancen der Energiewende sind enorm

In diesem Sinne mustergültig zeigte sich kürzlich Bayern. Im Energiedialog kamen unterschiedlichste Interessenvertreter, Bürger, Wissenschaftlicher und Politker zusammen und zu einem klaren Ergebnis: Bayern muss zügig zusätzliche Stromerzeugungskapazitäten aufbauen, durch erneuerbare Energien, Pumpspeicherkraftqwerke und Gaskraftwerke – dezentraler, intelligenter, dynamischer und flexibler. Je mehr eigene Kapazitäten und auch Speicher hinzugebaut werden, desto weniger Stromtrassen werden benötigt. Dagegen hatten sich zahlreiche besorgte Bürger gewehrt. Der Widerstand gegen die Energiewende wird sinken, wenn die befürchteten Folgen (großflächige Zerstörung von Landschaften) gar nicht eintreten.

Klar ist: Die Energiewende wird vor Ort umgesetzt, durch kleinere und mittelständische Unternehmen, durch Bürgerenergiegenossenschaften und engagierten kommunale Wirtschaftverteter und Politiker. Die lokale Energiewende schafft Wertschöpfung und Arbeitsplätze. Sie spart nicht nur Kosten der Importe fossiler Energien. Sie schafft vor allem wirtschaftliche Chancen durch Innovationen und verbesserter Energieeffizienz. Die Chancen der Energiewende sind nach wie vor enorm.

Bayern wird die Energiewende nicht im Alleingang allein stemmen. Aber vielleicht bringt das starke Bundesland endlich die dringend notwendigen Innovationen zur Anwendung. Es wäre manche Schlagzeile wert, wenn ausgerechnet der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer dafür sorgt, dass alte ineffiziente Kohlekraftwerke das deutsche Stromsystem und die Klimabilanz nicht länger belasten. Ein Hoffnungsschimmer!

Ansonsten dürfte es peinlich werden, wenn auf der internationalen Klimakonferenz dieses Jahr ausgerechnet Deutschland weder Erfolge in der Klimaschutzbilanz noch bei der konsequenten Bewältigung der Energiewende vorweisen kann.


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