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China zahlt den Preis des Marktes

, Horst Löchel

In China setzen sich die Marktkräfte durch. Das ist schmerzhaft, aber einen Grund zur Panik gibt es nicht. Von Horst Löchel

Die Börse in Shanghai © Getty Images
Die Börse in Shanghai

Prof. Dr. Horst Löchel ist Professor für Volkswirtschaftslehre und MBA Direktor an der Frankfurt School of Finance & ManagementHorst Löchel ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Frankfurt School of Finance & Management und Associate Professor an der China Europe International Business School in Shanghai.


Wieder einmal werden Erklärungen gesucht für einen Börsencrash in China. Die ersten Turbulenzen gab es bereits im Sommer des letzten Jahres, nachdem die Kurse zuvor binnen eineinhalb Jahre um 150 Prozent gestiegen waren. Ist dieser irrationale Anstieg nicht vielleicht schon Erklärung genug für die seit einem halben Jahr zu beobachteten, regelmäßigen Einbrüche?

In der für Aktienmärkte typischen ex-post Erklärungen werden jetzt schlechte Industriedaten und ein fallender Wechselkurs des Renminbi verantwortlich gemacht. Allerdings sind die Kurse auch jahrelang nicht gestiegen, als die realwirtschaftlichen Daten noch deutlich besser waren und der Renminbi aufgewertet hat. Dass Chinas Wachstum nur noch zwischen sechs und sieben Prozent betragen wird und insbesondere die Industrieproduktion betroffen ist, stellt nun wirklich keine Neuigkeit mehr dar, schon gar nicht für chinesische Investoren.

Hört man sich bei Kleinanlegern in Shanghai um, die den Markt – anders als an westlichen Börsenplätzen - dominieren, hört man deshalb auch etwas anderes. Es will keiner schlicht der Letzte sein, der das Licht ausmacht. Das Gebot der Stunde heißt vielmehr Gewinne zu realisieren, solange es nach der gnadenlosen Rally noch möglich ist. Diese Marktlogik dominiert, realwirtschaftliche Daten sind dabei weitestgehend irrelevant.

China muss Marktkräfte akzeptieren

Hinzu kommen unbeabsichtigte Effekte regulatorischer Eingriffe. Der sogenannte Handelsstopp für 15 Minuten bei Schwankungen von mehr als fünf Prozent und das Aussetzen des Handels für den ganzen Tag bei einem Fall von sieben Prozent, schafft für die Marktteilnehmer einen großen Anreiz zu verkaufen. Schließlich besteht sonst in einem fallenden Markt die Gefahr, dass man auf seiner Verkaufsorder sitzen bleibt. Auch weiß man natürlich, dass der seit Sommer bestehende Verkaufsstopp großer, institutioneller Anleger kurzfristig aufgehoben werden sollte. Das hat den Drang zu verkaufen für Millionen von Kleinanlegern angesichts drohender Verkäufe von Großanlegern noch vergrößert. Großanleger dürfen nach dieser Regel innerhalb von drei Monaten nur ein Prozent ihres jeweiligen Aktienpakts verkaufen.

Das Gute im Schlechten ist, dass die Turbulenzen auch ein Zeichen dafür sind, dass sich der Markt in China durchzusetzen beginnt. Gegen die Entscheidungen von Millionen von Anlegern ist auch die Politik weitestgehend machtlos. Es ist eher umgekehrt: Die regulatorischen Eingriffe scheinen die Volatilitäten noch zu verstärken. Mehr und mehr greift deshalb auch bei den chinesischen Behörden die Erkenntnis um sich, dass der Aktienmarkt nur funktionieren kann, wenn man die Kräfte von Angebot und Nachfrage akzeptiert. Der Handelsstopp jedenfalls wurde gerade wieder aufgehoben, allerdings gleichzeitig der Verkaufsstopp für Großanleger um sechs Monate verlängert.

Steht der chinesischen Wirtschaft eine harte Ladung bevor, wie offenbar an den globalen Aktienmärten vermutet wird? Die Wahrscheinlichkeit hierfür ist eher gering. China zahlt vielmehr gerade den Preis der Liberalisierung und zwar sowohl an den Aktien- wie am Wechselkursmarkt. Die Kontrolle der Behörden nimmt nicht zu, sondern ab. Die Marktkräfte kommen stärker zum Tragen, deswegen fallen die Kurse. Kein Grund für Panik.


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