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„Sie müssen Risiken eingehen“

, Christian Kirchner

Edward Bonham Carter, Chairman der britischen Fondsgesellschaft Jupiter Asset Management über die Aktienscheu der Deutschen, die Prognosegüte der Finanzbranche und viel altem Wein in neuen Schläuchen.

Kurstafel an der Frankfurter Börse © Deutsche Börse
Kurstafel an der Frankfurter Börse: Wohin tendieren die Aktienmärkte

Edward Bonham Carter ist Chairman der britischen Fondsgesellschaft Jupiter Asset Management Edward Bonham Carter ist Chairman der britischen Fondsgesellschaft Jupiter Asset Management

 


Capital: Mr. Bonham Carter, die Aufseher beginnen, sich immer stärker für die Fondsindustrie zu interessieren und die Rolle, die diese in Turbulenzen in der Wirtschaft und an den Märkten spielen. Droht Ihrer Branche ein Regulierungsschub?

Bonham Carter: Ich habe kein Exklusivwissen über die nächsten Schritte, aber es ist natürlich richtig und wichtig, dass sich die Aufseher die Fondsbranche genau ansehen. Das gilt vor allem für die Rolle der Industrie im seit der Finanzkrise stark gewachsenen Anleihenmarkt, der inzwischen rund dreimal so groß wie der Aktienmarkt ist. Man darf aber einen entscheidenden Unterschied nicht vergessen: Banken übernehmen direkt Kreditrisiken, Fondsgesellschaften tun dies nicht. Sie verwalten Gelder für Kunden und haben folglich auch kein Risiko in ihren Bilanzen, das sich aus Verwerfungen wie in der letzten Finanzkrise ergeben könnte.

Ein Vorwurf lautet aber auch, dass Fondsgesellschaften etwa eine Liquidität ihrer Produkte vorgaukeln, die es im Krisenfall nicht geben könnte.

Und den sollten wir auch ernst nehmen. Der Kapitalmarkt hat in den vergangenen Jahren, seit die massiven Anleihenaufkäufe durch die Notenbanken begonnen haben, noch keinen richtigen „Stresstest“ erlebt. Es gibt viel Gerede über Turbulenzen und Volatilität an den Märkten – tatsächlich ist sie aber seit Jahren doch eher niedrig. Die quantitative Lockerung der Notenbanken hat vor allem die Schwankungen der Anleihenmärkte stark begrenzt. Ich halte das für gefährlich, natürliche Schwankungen über einen langen Zeitraum zu unterdrücken. Das klappt nur für eine begrenzte Zeit. Es mag nach einer nicht besonders kreativen Aussage klingen, aber Investoren sollten sich auf Sicht der kommenden drei bis fünf Jahre auf stärkere Schwankungen als bislang einstellen. Wir befinden uns durch die Niedrigzinsen in Gewässern, durch die noch keiner vorher gesegelt ist.

Das dürfte der stark ausgeprägten Aktienscheu der meisten deutschen Anleger kaum zuträglich sein. Was ist aus Ihrer Außensicht aus Großbritannien der Grund für diese Haltung?

Ich glaube, es ist einerseits eine Frage der gewachsenen Kultur und andererseits auch der Erfahrung: Wir in Großbritannien etwa besitzen gerne Wohneigentum und Aktien. Das liegt aber auch daran, dass unsere Notenbank in den 70er-Jahren beinahe die Kontrolle über die Inflation entglitten ist. In inflationären Phasen schneiden Wohnimmobilien und Aktien real nun mal meist recht gut ab. In Deutschland ist es umgekehrt, hier hat die Bundesbank die Inflation stets sehr gut im Griff gehabt, entsprechend lieferten Anleihen und Sparguthaben akzeptable Realzinsen und der Handlungsdruck war niedrig. Aber das ändert sich allmählich.

"Sie müssen Risiken eingehen"

Das ist der Wunsch der Finanzdienstleistungsindustrie. Aber hören Anleger auch darauf, wo sie doch selbst nach sechs Jahren Bullenmarkt in Deutschland Aktien verschmähen?

Ich denke schon. Als Bismarck Ende des 19. Jahrhunderts die Rente eingeführt hat, haben paradoxerweise nur wenige Menschen das Rentenalter überhaupt erreicht. Heute ist es normal, 80 oder gar 90 Jahre alt zu werden, zugleich sind aber die Zinsen im Keller. Sie müssen Risiken eingehen, wenn sie langfristig ein gutes finanzielles Auskommen haben wollen. Aber das ist ja auch kein Problem, wenn sie einen ausreichend langen Anlagehorizont haben.

Muss sich Ihre Industrie nicht auch selbstkritisch fragen, wieso sich nicht mehr Privatanleger hierzulande für langfristig rentable Anlagen interessieren?

Ja, und das ist kein spezifisch deutsches Problem. In unserer Branche gibt es zu viele Vorhersagen, wo die Zinsen und wo die Aktienkurse hinsteuern. Viele behaupten, Dinge zu wissen, über die sie allenfalls Prognosen treffen. Das untergräbt das Vertrauen der Anleger, die sich sagen: Wir hatten jetzt zwei Crashs binnen 15 Jahren am Kapitalmarkt, warum hat die denn kaum jemand der Profis kommen gesehen, die ich doch genau dafür bezahle? Für uns als Fondsgesellschaft heißt das: Wir halten uns lieber an das, was wir können, attraktive Anleihen und Aktien auswählen, anstatt so zu tun, als wüssten wir Dinge, die wir natürlich nicht wissen: Etwa wo die Märkte Ende nächsten Jahres stehen.

In Deutschland sind Mischfonds das Produkt der Stunde. Zwei Drittel der in Publikumsfonds investierten Mittel fließen in diese Gattung. Können die Produkte halten, was sie versprechen: Erträge in jeder Marktlage?

Offen gestanden amüsiert mich dieser Boom an Mischprodukten – und den gibt es ja europaweit. Als ich in den frühen 80er-Jahren meine Karriere begonnen habe, lagen auch einige unsichere Jahre an den Kapitalmärkten hinter uns. Und raten Sie mal, welche Produkte da in Großbritannien der letzte Schrei waren? Genau: Mischprodukte, genauer Versicherungsmäntel, in denen das Geld in alle möglichen Anlagen investiert werden konnte. Unsere Industrie ist ganz gut darin, eigentlich alte Konzepte als innovativ zu verkaufen, obwohl auch die natürlich die Grundregeln der Geldanlage nicht ändern können. Mischfonds haben natürlich ihre Berechtigung, ich fürchte aber, sie maskieren womöglich für Investoren ein Kernproblem: Dass schon eine reale Rendite von, sagen wir, drei oder vier Prozent pro Jahr enorm schwierig zu erreichen ist in einem Umfeld extrem niedriger Zinsen und vor allem einem eher schwachen globalen Wirtschaftswachstum. Und ich fürchte, beide Phänomene werden uns noch viele Jahre erhalten bleiben. Nehmen wir noch die zu erwartenden Schwankungen dazu – da müssen Fondsmanager schon sehr gut sein, um nicht zu enttäuschen.

"Wenig Luft für starkes Wirtschaftswachstum"

Deshalb greifen viele Anleger ja gleich zu einem Indexprodukt, dann müssen sie nicht den ein bis zwei Prozent Gebühren hinterher laufen pro Jahr.

Passive Indexfonds haben starke Zuflüsse, ja. Aber viele Investoren übersehen gerne zwei Dinge: Erstens fließen auch sehr viele Mittel in stark spezialisierte Fonds, in den letzten drei Jahren rund zweieinhalb Mal so viele wie in passive Indexfonds. Und zweitens gibt es einen fundamentalen Unterschied zwischen der Fondsbranche und anderen klassischen Industrien wie etwa Auto- oder Waschmaschinenhersteller: In klassischen Industrien haben sie Skaleneffekte, können sie immer günstiger und besser werden, je mehr sie herstellen. In der Fondsbranche hilft Ihnen das nur bei Indexfonds, die Gebühren nochmals etwas zu drücken.

Aber ansonsten können Sie auch mit nur zwei oder drei klugen Köpfen Fonds für europäische Aktien verwalten und bessere Ergebnisse als der Markt erzielen. Wenn Sie da 25 Leute dransetzen, werden ihre Ergebnisse nicht unbedingt besser. Ich fürchte sogar, sie werden schlechter, denn in größeren Investmentkomitees gibt es meiner Beobachtung nach die Tendenz, sich ständig wechselseitig zuzustimmen in naheliegenden Prognosen.

Dann treffen Sie doch bitte drei wenig naheliegende Prognosen für die Kapitalmärkte.

Ich fürchte, es klingt wenig kreativ, aber es gibt drei große Themen, die die Kapitalmärkte über die kommenden Jahre stark prägen werden: Erstens die stark gestiegene Verschuldung, die wenig Luft für starkes Wirtschaftswachstum oder deutlich höhere Zinsen lassen. Zweitens demografische Veränderungen, durch die viele Industrieländer und auch China schrumpfen, aber viele afrikanische Länder dramatisch wachsen werden. Und drittens die Technologiesprünge, die in immer schnellerer Abfolge unser Leben beeinflussen. Das ist gewissermaßen unsere Schablone für die Auswahl aussichtsreicher Wertpapiere.


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