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  • Gastkommentar

Bitcoin - Nischendasein im Rampenlicht

, Jörn Quitzau

Als Geldanlage ist die Digitalwährung nur etwas für Zocker. Und als Zahlungsmittel fristet es ein Dasein in der Nische. Von Jörn Quitzau

Ein Café in Dublin akzeptiert Bitcoins als Zahlungsmittel © Getty Images
Ein Café in Dublin akzeptiert Bitcoins als Zahlungsmittel

„Bitcoin ist teurer als Gold!“ Mit dieser Schlagzeile stand die Digitalwährung Anfang März einmal mehr im Rampenlicht. Tatsächlich kostete eine Einheit Bitcoin am 3. März 2017 in der Spitze mit 1224 Euro mehr als eine Feinunze Gold. Vier Wochen später hat der Bitcoin-Kurs mal wieder einen kräftigen Einbruch hinter sich und notiert mit 974 Euro rund 16 Prozent unter dem Goldpreis. Trotz des Rücksetzers bleibt auf Sicht von zwölf Monaten ein Wertzuwachs von 364 auf 974 Euro, das ist ein Anstieg um mehr als 160 Prozent. Bei einem solchen Kurssprung drängt sich die Frage auf: Woher kommt die Euphorie?

An der hohen Verbreitung als Zahlungsmittel kann es nicht liegen, denn da ist die Digitalwährung derzeit faktisch bedeutungslos. In der vermeintlichen Bitcoin-Hochburg Berlin akzeptieren gerade mal 44 Geschäfte oder Online-Anbieter Bitcoin als Zahlungsmittel; in Hamburg sind es 13, in München zehn und in Köln sieben Geschäfte bzw. Online-Händler. Für Furore sorgt die Digitalwährung also nicht, weil sie das tägliche Bezahlen revolutioniert hätte – an effizienten Bezahlsystemen herrscht auch ohne Bitcoin wahrlich kein Mangel.

Preis-Rallys und Kurseinbrüche

Dagegen ist die Wertentwicklung der vergangenen Jahre derart beachtlich, dass die mediale Aufmerksamkeit nachvollziehbar ist. Immer wieder kam es zu Preis-Rallys, aber auch zu markanten Kurseinbrüchen. So war der Preis eines Bitcoin zwischen Anfang Dezember 2016 und Anfang Januar 2017 von 706 Euro auf 1087 Euro in der Spitze gestiegen, ein Plus von über 50 Prozent. Der Absturz ließ nicht lange auf sich warten: Innerhalb weniger Tage ging es runter bis auf 719 Euro, worauf ein sukzessiver Wiederanstieg auf etwas über 1000 Euro und dann im März das bisherige Allzeit-Hoch von 1224 Euro folgte.

Auch Intraday schwanken die Preise zuweilen beträchtlich. Seit Jahresbeginn gab es neun Handelstage, an denen der Bitcoin in Euro gerechnet um mehr als zehn Prozent schwankte. Die stärkste Tagesschwankung (am 5. Januar 2017) brachte eine Differenz von 21 Prozent zwischen Tagestief und Tageshoch.

Besitzer von Bitcoin brauchen also starke Nerven. Die Entscheidung der amerikanischen Börsenaufsicht von Mitte März, einem Bitcoin-ETF wegen fehlender Aufsicht und Regulierung die Zulassung zu verweigern, ist auch mit Blick auf die massiven Kursschwankungen nachvollziehbar. Als großer Vorteil der Digitalwährung gelten die Anonymität des Bezahlsystems und die fehlende Regulierung. So haben Chinesen versucht, die bestehenden Kapitalverkehrskontrollen zu umgehen und über den Umweg Bitcoin Geld in ausländische Währung zu tauschen.

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Akzeptanz von Bitcoin leidet unter den Preisschwankungen

So lange die Preise derart volatil sind, dürfte sich an der eingangs erwähnten geringen Akzeptanz als Zahlungsmittel auch nur wenig ändern. Welcher Händler möchte seine Waren oder Dienstleistungen schon für ein Zahlungsmittel abgeben, das allein innerhalb eines Tages zehn oder 20 Prozent seines Wertes verlieren kann? Grundsätzlich dürften Unternehmen in Phasen sinkender Bitcoin-Preise kein Interesse haben, ihre Produkte gegen Bitcoin zu verkaufen, weil ihr Verkaufserlös schnell an Wert verliert. Umgekehrt werden Besitzer von Bitcoin in Phasen steigender Kurse ihre Digitalwährung horten, weil mit den höheren Kursen auch die Kaufkraft von Tag zu Tag steigt. Die Situation ist vergleichbar mit einer sehr starken Deflation, in der Konsumenten ihr Geld nicht ausgeben, weil mit dem Konsumverzicht ihre Kaufkraft steigt.

Die hohen Preisschwankungen sind ein grundsätzliches Problem, solange Bitcoin lediglich als ergänzende (Parallel-)Währung genutzt wird. Wenn Geschäfte und Unternehmen ihre Lieferanten und Mitarbeiter in Euro bezahlen, bedeutet der Verkauf gegen Bitcoin, die eigenen Waren für eine volatile Fremdwährung abzugeben. Entsprechendes gilt für die Käuferseite: Solange die Konsumenten ihr Gehalt in Euro erhalten, wird beim Einkauf mit Bitcoin in Fremdwährung bezahlt. Stark schwankende Bitcoin-Kurse bedeuten dann auch stark schwankende Konsumausgaben.

Nur wenige Konsumenten können sich eine solche Volatilität der persönlichen Ausgaben und nur wenige Unternehmen können sich derartige Schwankungen ihrer Erlöse leisten. Damit befindet sich die Digitalwährung in einem Dilemma. Währungen unterliegen dem sogenannten Netzwerkeffekt: Der Nutzen einer Währung ist umso größer, je weiter sie verbreitet ist und je stärker sie als Zahlungsmittel akzeptiert wird. Gerade das wird beim Bitcoin aber von der hohen Kursvolatilität verhindert.

Die Bitcoin-Konkurrenz wartet schon

Die Entstehungsgeschichte hat ohnehin einen anderen Hintergrund. Nach der globalen Finanzkrise erlitten die etablierten Währungen einen Vertrauensverlust. Die scheinbar grenzenlose Geldschöpfung, mit der die Notenbanken das globale Finanzsystem stabilisierten, war einer der Gründe, weshalb der oder die Bitcoin-Erfinder eine Währung schaffen wollten, die nicht durch Menschenhand beliebig vermehrbar und dadurch besonders wertstabil ist. Die Gesamtmenge der Bitcoins ist auf 21 Millionen begrenzt. Sofern man der zugrunde liegenden technischen Infrastruktur traut und sich von bereits aufgetretenen Betrugsfällen nicht verschrecken lässt, handelt es sich beim Bitcoin tatsächlich um eine knappe, nicht vermehrbare digitale Währung. Unveränderbare Knappheit ist ein guter Nährboden für Kursfantasie.

Doch es gibt einen Haken: Die Unmöglichkeit, Bitcoin über die 21 Millionen Einheiten zu vermehren, gilt nur für das in sich geschlossene Bitcoin-System. Es können aber prinzipiell jede Menge anderer Digitalwährungen mit sehr ähnlichen Eigenschaften geschaffen werden. Der einfache Wechsel zu einem Konkurrenzprodukt schränkt den vermeintlichen Vorteil der Unvermehrbarkeit erheblich ein. Es gibt schon jetzt einige weniger prominente digitale Währungen. Letztlich könnte unreguliertes digitales Geld in einem Maße geschöpft werden, gegen das sich das ursprüngliche Problem, nämlich die Geldschöpfung der Notenbanken, geradezu bescheiden ausnimmt. Je höher der Bitcoin-Kurs steigt, desto wahrscheinlicher wird ernstzunehmende Konkurrenz durch alternative Digitalwährungen – und umso höher ist die Absturzgefahr. Zuletzt hat der Kurs unter Spekulationen über eine mögliche Aufspaltung der Digitalwährung gelitten. Die dazugehörenden Hintergründe sind eigentlich nur für Technologieexperten zu verstehen.

Private Anleger werden mit einem Bitcoin-Investment also keine Stabilität in ihr Depot bringen können. Chancen und Risiken sind gleichermaßen stark ausgeprägt, insofern sind Bitcoin als Geldanlage nur etwas für Zocker und Spekulanten. Zudem wird die Digitalwährung als Zahlungsmittel wohl nicht aus der Nische herauskommen. Für die meisten Menschen gibt es derzeit also keinen Grund, auf den Bitcoin-Zug aufzuspringen.


Jörn Quitzau ist Volkswirt bei der Berenberg Bank. Daneben betreibt er den Blog Fussball-Oekonomie.deJörn Quitzau ist Volkswirt bei der Berenberg Bank. Daneben betreibt er den Blog Fussball-Oekonomie.de



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