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  • Kolumne

Die 50-Prozent-Anlage

, von Christian Kirchner

Vergessen Sie die Dividendenrendite – die Ausschüttung auf Ihren Einstandspreis zählt. Von Christian Kirchner

Christian Kirchner © Gene Glover
Christian Kirchner

Grau ist alle Theorie, wenn es um das Thema Aktien geht. Denn in der Theorie hört sich das alles so leicht an: Die Dividenden schlagen doch die Zinsen um Längen. Mit ausreichend langer Haltedauer klappt es immer. Rückschläge sind Kaufgelegenheiten. Und so weiter.

Sie kennen diese Sprüche. Nur wer schon einmal tatsächlich vor der Entscheidung stand, einen substantiellen Teil seiner Ersparnisse in Aktien oder Fonds zu schieben, der weiß, wie groß die Angst ist, etwas falsch zu machen. Falsche Aktien, falsche Fonds – und vor allem: falscher Zeitpunkt. Unglaubliche acht Jahre läuft der Aktienbullenmarkt nun, unterbrochen nur von gelegentlichen Turbulenzen. Und irgendwas war eigentlich immer, das einen umtrieb, warum es so eigentlich nicht weiter gehen kann.

Ein typisches Argument für die Aktienanlage ist – gerade zur nun beginnenden Hauptversammlungssaison: die Dividende. Kein Wunder, die Dividendenrendite, berechnet als jährliche Rendite aus Dividendenausschüttungen bezogen auf den aktuellen Kurs – der meisten Dax-Aktien übersteigt die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen und Tagesgeldzinsen seit Jahren deutlich. Doch auch das hilft skeptischen Anlegern wenig weiter, schließlich sind in schlechten Börsenzeiten gerne mal die Dividenden gleich mehrerer Jahre über Kursverluste futsch.

„Yield on Cost“ – Rendite auf Kosten

Ich möchte heute Ihren Blick für eine Kennziffer schärfen, die hierzulande aus mir unklaren Gründen kaum bekannt ist. Und die Ihren Blick auf Aktienanlagen womöglich nachhaltiger verändern wird als der übliche Sermon von Rekorddividenden und langfristigen Kursgewinnen. Es ist die Kennziffer „Yield on Cost“ – die Rendite auf Kosten.

Hintergrund: Die Dividendenrendite gibt an, welche Rendite Sie aktuell über Ausschüttungen verdienen können, wenn Sie eine Aktie zum aktuellen Kurs kaufen. Zwar kann eine Dividende auch sinken oder gar ganz gestrichen werden (Aktionäre der Versorger RWE und Eon, aber auch der Deutschen Bank oder Commerzbank mussten diese Erfahrung machen).

Viele Unternehmen verfügen aber über eine langjährige Dividendenkontinuität, und mehr noch, sie erhöhen die Dividenden regelmäßig. Das ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel bei großen Unternehmen, zumal viele Großinvestoren – etwa Pensionsfonds und Versicherungen – dies auch ausdrücklich von Unternehmen fordern.

Was bringt die Investition bezogen auf die Kosten?

Und nun wird es für geduldige Investoren interessant. Blicken wir zum Beispiel auf zwei grundverschiedene Unternehmen: Den Rückversicherer Munich Re und die Kaffeehauskette Starbucks: Die Munich Re will ihren Aktionären in diesem Jahr 8,60 Euro ausschütten, Starbucks zahlt 0,90 US-Dollar (entspricht 0,83 Euro) je Aktie. Daraus errechnen sich Dividendenrenditen von 3,8 Prozent (Munich Re) und 1,6 Prozent (Starbucks).

Für Anleger, die schon vor einigen Jahren bei Starbucks oder Munich Re eingestiegen sind, lässt sich auch eine andere Rechnung aufmachen. Ziehen wir dazu illustrativ das Jahr 2006 heran, dem letzten Jahr vor Ausbruch der globalen Finanzkrise mit ihren horrenden Kursverlusten. Kein sonderlich guter Kaufzeitpunkt generell. Wer im Frühjahr 2006 in Munich Re einstieg, lag später in der Spitze über 30 Prozent hinten, bei Starbucks sogar 80 Prozent. Damals kostete eine Starbucks-Aktie 15 Euro, eine Munich Re Aktie 117 Euro. Starbucks zahlte 2006 noch gar keine Dividende und begann die Ausschüttungen erst 2010, die Dividendenrendite der Munich Re lag damals bei keineswegs überragenden 2,6 Prozent.

Vergessen wir nun einfach alles, was mit dem Kurs seitdem passiert ist und auch den aktuellen Stand. Sondern achten wir schlicht darauf, was uns die Investition bezogen auf unsere Kosten einbringt. Und plötzlich sieht die Rechnung ganz anders aus: Wenn Starbucks nunmehr umgerechnet 0,83 Euro Dividende je Aktie zahlt, dann erhält ein Investor bezogen auf seinen damaligen Einstand eine Rendite von 5,5 Prozent und nicht 1,6 Prozent. Für ein Engagement von 10.000 Euro in Starbucks-Aktien fließen heute jährlich rund 550 Euro vor Steuern als Dividenden zurück.

Bei der Munich Re sieht die Rechnung wie folgt aus: Bezogen auf den damaligen Kurs von 117 Euro liegt die Rendite auf Kosten bei 7,4 Prozent. Das heißt, aus einem einstigen Engagement von 10.000 Euro fließen rund 740 Euro vor Steuern pro Jahr zurück an die Anleger.

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Bevorzugte Kennziffer Warren Buffetts

Bei längerfristigen Betrachtungen fängt es irgendwann an, richtig Spaß zu machen und die Renditen erreichen Höhen, die Sie sonst nur aus unseriösen Graumarkt-Angeboten kennen: Haben Sie etwa die Munich Re nicht vor gut zehn, sondern vor gut 20 Jahren gekauft, ist Ihre Rendite auf Kosten ganz unabhängig von dem (gar nicht so spektakulären) Kursverlauf bereits zweistellig, bei Starbucks liegt sie sogar bei annähernd 50 Prozent.

Das ist auch der Grund, warum es sich bei der „Rendite auf Kosten“ um eine der favorisierten Kennziffern Warren Buffetts handelt – und die von ihm bevorzugte Haltedauer für Aktien „ewig“ ist. Denn wieso nervös eine Aktie aus der Hand geben, die, bezogen auf den eigenen Einstand, fantastische Dividenden abwirft?

So stieg Buffetts Beteiligungsgesellschaft Berkshire Hathaway in den späten 80er-Jahren etwa bei Coca-Cola ein, einem verlässlichen Dividendenzahler. Bezogen auf seinen mittleren Kaufpreis für die damaligen Anteile erhält er derzeit pro Jahr eine Rendite auf Kosten von rund 60 Prozent. Das heißt: Binnen eines Jahres fließt aktuell über die Hälfte seines damaligen Einstandspreises in Form von Dividenden an ihn zurück.

Mangelnde Disziplin killt Rendite

Sie mögen das vielleicht für Zahlenklauberei halten. Und tatsächlich mangelt es nicht an Artikeln, die einen von der Sinnhaftigkeit einer langfristigen Aktienanlage überzeugen wollen.

Empirische Studien legen aber nahe, dass der Mangel an Disziplin eine der schlimmsten Renditekiller bei privaten Anlegern ist: Sie verlieren in Krisen schlicht zu schnell die Nerven. Die Betrachtung der Rendite auf Kosten – samt Loslösung vom tagesaktuellen Zucken der Kurse – kann sehr hilfreich sein, einen Anleger bei der Aktienanlage zu disziplinieren. Und ihm die Bedeutung von Ausschüttungen deutlicher zu machen, denn naturgemäß starren wir nun mal auf den Kurswert von Aktien und bilden mentale Konten: hier der Kurs, da die Dividenden, die zwar nett sind, aber rasch in Vergessenheit geraten.

Natürlich gibt es keinerlei Garantie dafür, dass ein Unternehmen über die kommenden Jahre seine Dividenden mindestens hält und idealerweise erhöht. Die „Rendite auf Kosten“ sah auch bei der Deutschen Bank oder RWE in den Nuller Jahren prima aus. Geblieben sind pulverisierte Kurse und zusammengestrichene Dividenden. Das Ganze funktioniert allerdings auch bei Betrachtung eines diversifizierten Index wie dem Dax: Wenn Sie in den 90er-Jahren eingestiegen sind, ist ihre Rendite auf Ihre Einstiegskosten über Dividenden heute ebenfalls doppelt so hoch wie die aktuelle Dividendenrendite des Dax.

Die Empirie einer langfristig verlässlichen Dividendenhistorie liefert zudem schon einmal wertvolle Fingerzeige, welche Unternehmen sich in besonderem Maße für eine Langfristanlage unter Berücksichtigung der Rendite auf Kosten eignen.

Wir haben diesbezüglich schon im Sommer 2015 einmal über mehrstufige Filter „50 Aktien fürs Leben“ identifiziert, in denen 20 Jahre Dividendenkontinuität über die beiden schweren Börseneinbrüche und Rezessionen 2000 und 2007 hinweg ein Kriterium war - vielleicht finden Sie darin Anregungen. Hilfreich ist auch die Seite Dividendenadel.de  - und, für die ganz bequemen, ETFs auf Aktien mit langjährig steigenden Dividenden, den so genannten „Dividenden-Aristokraten.“


Christian Kirchner ist Frankfurt-Korrespondent von Capital. Er schreibt an dieser Stelle regelmäßig über Geldanlagethemen. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen


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