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Merkwürdige Geschäfte bei KTG Agrar

, Thomas Steinmann, Jens Brambusch

Jetzt kommt Licht ins Schattenreich: Nach Capital-Recherchen haben Angehörige und Wegbegleiter des früheren KTG-Chefs Siegfried Hofreiter jahrelang von Aufträgen des Pleitekonzerns profitiert. Auch die Großaktionärin machte private Geschäfte mit dem Unternehmen

Landfrust: Siegfried Hofreiter, einstiger Chef des Agrarkonzerns KTG © laif
Landfrust: Siegfried Hofreiter, einstiger Chef des Agrarkonzerns KTG

Bei dem insolventen Landwirtschaftskonzern KTG Agrar hat es jahrelang fragwürdige Geschäfte mit Vertrauten des früheren Vorstandschefs Siegfried Hofreiter gegeben. Wie Recherchen des Wirtschaftsmagazins Capital nahe legen, haben Unternehmen, die Angehörigen oder alten Wegbegleitern Hofreiters gehören, von umfangreichen Geschäften mit dem Konzern profitiert (Ausgabe 11/2016; EVT 20. Oktober 2016). Dabei ging es unter anderem um Großaufträge für den Bau von Biogasanlagen, den Verkauf der KTG-Tiefkühlsparte sowie Dienstleistungen für KTG-Betriebe bei der Ernte.

Den Recherchen zufolge haben Tochterfirmen des Konzerns für Erntearbeiten regelmäßig einen Dienstleister aus Usedom beauftragt, bei dem Hofreiters langjährige Lebensgefährtin und KTG-Großaktionärin Beatrice Ams Alleineigentümerin ist. Dafür soll die Firma nach Angaben von Firmeninsidern Preise weit über dem marktüblichen Niveau kassiert haben. Eine Agrarproduktionsfirma, an der Ams’ und Hofreiters gemeinsamer Sohn beteiligt ist, erhielt von einer Biogastochter des Konzerns 2011 einen über 15 Jahre laufenden Vertrag für Substratlieferungen. Wie aus einem KTG-Wertpapierprospekt von 2012 hervorgeht, betrug das Gesamtvolumen für den Auftrag mehrere Millionen Euro.

Grenzen verschwimmen

Für die Rekonstruktion der KTG-Pleite hat Capital Hunderte Seiten Handelsregisterauszüge analysiert und Dutzende Gespräche mit Firmenkennern geführt. Die Recherchen belegen ein Geflecht von Unternehmen rund um den KTG-Konzern, bei dem die Grenzen zwischen privaten Geschäften des Hofreiter-Clans und denen des Agrarkonzerns verschwammen. Wie aus Einträgen im Handelsregister hervorgeht, wurden über viele Jahre Anteile an Unternehmen zwischen dem Hofreiter-Umfeld und dem KTG-Konzern hin und her verschoben. Vertraute von Hofreiter und Ams übernahmen parallel Führungsfunktionen bei Konzerntöchtern und externen Unternehmen. Auch KTG-Manager fungierten zeitweise als Geschäftsführer oder Vorstände von Firmen, die nicht zum Konzern gehörten. Fragen zu diesen Vorgängen ließen sowohl Hofreiter als auch Ams unbeantwortet.

Für die Geschäfte im KTG-Umfeld dürfte sich auch die Staatsanwaltschaft Hamburg interessieren. Nach dem Insolvenzantrag im Sommer hatte die Behörde ein Ermittlungsverfahren wegen unrichtiger Darstellung der wirtschaftlichen Lage des Unternehmens gegen Hofreiter und andere Manager eingeleitet. Hier geht es um Verstöße gegen das Aktienrecht. Ob auch andere Delikte wie Insolvenzverschleppung oder gar Betrug eine Rolle spielen, müssten die Ermittlungen ergeben, sagte Oberstaatsanwältin Nana Frommert. „Wir sind noch ganz am Anfang.“

Der KTG-Konzern hatte lange Zeit als Erfolgsstory gegolten und über mehrere Mittelstandsanleihen fast 350 Mio. Euro bei rund 12.000 Anlegern eingesammelt. Anfang Juli stellte das mit knapp 400 Mio. Euro überschuldete Unternehmen Insolvenzantrag. Externe Sanierer übernahmen das Kommando, Hofreiter verließ das Unternehmen. Experten gehen inzwischen davon aus, dass der weitaus größte Teil des Geldes für die Investoren verloren ist.

Wie die verschachtelten Geschäfte bei KTG liefen, zeigt exemplarisch der Verkauf der früheren Tiefkühlsparte des Konzerns. Erst in diesem Frühsommer war bekannt geworden, dass KTG sein Tiefkühlgeschäft mit der Marke Frenzel schon mit Wirkung zum 1. Juli 2015 verkauft hatte. Dabei hatte der Konzern dem Käufer ein Darlehen in Höhe von 27 Mio. Euro gewährt, obwohl er damals schon in finanziellen Problemen steckte. Die Recherchen belegen nun, dass hinter dem belgischen Frenzel-Käufer De Buitenakkers ein Unternehmen steckt, das faktisch von einem langjährigen Wegbegleiter der Hofreiter-Familie kontrolliert wird. Nach Capital-Informationen wurde das Verkäuferdarlehen bis zum Zeitpunkt der KTG-Insolvenz nicht beglichen. Auch zu diesem Vorgang äußerte sich Hofreiter auf Anfrage nicht.

Hofreiters Party-Service

Ausweislich der Einträge im Handelsregister spielte das erwähnte Unternehmen namens Sampi Verwaltungs AG seit 2011 in mehreren Fällen eine Rolle, wenn Firmenbeteiligungen zwischen dem KTG-Konzern und dem Hofreiter-Umfeld verschoben wurden. Unter anderem übernahm Sampi im Laufe des Jahres 2011 über eine dritte Gesellschaft eine Mehrheitsbeteiligung an jener Firma, die von der KTG-Energiesparte mit dem Bau mehrerer Biogasanlagen beauftragt wurde. Wie aus einem KTG-Börsenprospekt aus dem Jahr 2012 hervorgeht, belief sich das Auftragsvolumen zwischen Mitte 2010 und Ende 2011 auf 60 Mio. Euro. Bei einer marktüblichen Marge von drei Prozent dürfte die Abwicklungsfirma für den Anlagenbau mit den Aufträgen des KTG-Konzerns einen Gewinn in Millionenhöhe verbucht haben. Erst einige Jahre später gingen die Anteile an der Gesellschaft zurück an den KTG-Konzern. Damals war der Bau neuer Biogasanlagen aufgrund von Änderungen bei der EEG-Ökostromförderung unattraktiv geworden.

Zu den Merkwürdigkeiten der Geschäfte im KTG-Umfeld gehört, dass als Alleineigentümer von Sampi ein Partyservice aus der Nähe von Neu-Ulm in Bayern eingetragen ist. Gesellschafter und Geschäftsführer dort ist ein Mann, der Anfang der 90er-Jahre bei zwei Hofreiter-Firmen in dessen bayerischer Heimat die Geschäfte führte – eine Zeit lang auch zusammen mit Hofreiter. Der Geschäftspartner von damals unterhält bis heute gute Kontakte zur Familie Hofreiter. Unter anderem sitzt er im Aufsichtsrat eines Agrarunternehmens von Hofreiters jüngerem Bruder Werner – zusammen mit KTG-Großaktionärin Beatrice Ams.

Subventionen höher als bislang bekannt

Darüber hinaus haben die Recherchen ergeben, dass der KTG-Konzern in der Vergangenheit noch stärker von Agrarsubventionen profitiert hat als bislang bekannt. Demnach kassierten die zahlreichen KTG-Betriebstöchter im Jahr 2014 rund 12 Mio. Euro EU-Subventionen – davon rund 9 Mio. Euro für bewirtschaftete Flächen in Deutschland und 3 Mio. Euro in Litauen. Allerdings führte die angespannte Finanzlage im Konzern dazu, dass KTG zuletzt einige gepachtete Flächen in Ostdeutschland verloren hat. Bis Ende September habe die bundeseigene Bodenverwertungs- und –verwaltungs GmbH (BVVG) bei zehn KTG-Tochterfirmen aufgrund ausstehender Pachtzahlungen von ihrem Sonderkündigungsrecht Gebrauch gemacht, teilte das Bundeslandwirtschaftsministerium auf Nachfrage des Grünen-Abgeordneten Friedrich Ostendorff mit. Dabei handelte es sich um eine Gesamtfläche von 844 Hektar, die neu ausgeschrieben wurde.

Als Konsequenz aus der Übernahme des früheren KTG-Kerngeschäfts durch die branchenfremde Zech-Gruppe befürwortet die Bundesregierung Maßnahmen, um eine weitere Konzentration landwirtschaftlicher Betriebe und Flächen in den Händen überregionaler Investoren zu verhindern und ortsansässige Landwirte zu stärken. Es gebe „Handlungsbedarf“, schreibt das Agrarressort in der Antwort auf eine Kleine Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion, verweist jedoch auf die Zuständigkeit der Bundesländer.

Mehr Kontrolle

Capital-Cover 11/2016
Die neue Capital erscheint am 20. Oktober

Dagegen forderte der Agrarpolitiker Ostendorff eine umfassende Reform des Boden- und Steuerrechts sowie der Privatisierungsrichtlinien für die landwirtschaftlichen Flächen im Bundesbesitz. „Wir brauchen eine Bevorzugung kleiner und mittlerer Betriebe beim Flächenerwerb“, sagte Ostendorff. Erforderlich sei zudem eine rigorose Kontrolle und Regulierung aller Verkäufe von landwirtschaftlichen Flächen und Unternehmen, auch aller Anteilsverkäufe an landwirtschaftlichen Unternehmen.

Aufgrund der gestiegenen Bodenpreise und des Zinstiefes bei anderen Anlagen interessieren sich branchenfremde Investoren seit einiger Zeit verstärkt für landwirtschaftliche Flächen. Darunter sind auch institutionelle Investoren wie der Versicherungskonzern Munich Re. Nach Informationen von Capital hatte Munich Re dem KTG-Konzern im vergangenen Jahr einen großen Teil seiner Flächen in Litauen abgekauft – und dann an ihn zurückverpachtet. Auch für KTG-Flächen in Deutschland gab es eine Kaufoption.

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