Capital-HistoryLehren aus Aktiencrashs: Wie 2000 die Dotcom-Blase platzte

Der Neue Markt erlebte nur eine kurze Blütezeit: Nach dem Absturz wurde er 2003 dicht gemacht
Der Neue Markt erlebte nur eine kurze Blütezeit: Nach dem Absturz wurde er 2003 dicht gemachtdpa

Der Tisch beim Edelitaliener ist reserviert. Der Deal steht. Doch als einer der Männer ihm gegenüber in die Aktentasche greift, weiß Jens Schumann, dass etwas schiefgeht: Die Investoren wollen nachverhandeln. Sie wissen, dass dem Start-up die Zeit davonläuft: Tipp24 braucht frisches Geld. Dringend. „Wir konnten die Tage bis zum Aus zählen“, sagt Schumann heute. Die Finanziers aber hatten damals alle Zeit der Welt. Das Closing Dinner fällt an diesem Abend im September 2000 aus. Stattdessen ringen Schumann und sein Partner Marc Peters um Konditionen, während der müde Notar wartet. Um halb vier morgens trennt sich die Runde. Die Gründer fahren ins Büro. Sie legen sich unter den Schreibtisch, um zu schlafen.

Sie waren Helden für kurze Zeit. Internetpioniere. Menschen, denen Investoren das Geld nur so hinterherwarfen. Ein halbes Jahrzehnt lang hatte das World Wide Web Anleger und Gründer träumen lassen. Doch kurz nach Beginn des neuen Jahrtausends erfasste ein Massensterben die New Economy. Dotcom Mania ging zu Ende. Die Folgen trafen Unternehmen und Beschäftigte auf der ganzen Welt: Börsencrashs, Pleiten, Entlassungen. Und verzweifelte Versuche, mit der Firma doch zu überleben.

Im Rückblick waren sich alle schnell einig, selbst die, die vom Boom profitiert hatten: Das konnte ja nicht gut gehen. Wieder einmal waren Anleger in einen Taumel der Gier geraten, als hätte sie die Geschichte der Spekulationsblasen seit dem Tulpenfieber des 17. Jahrhunderts nicht eines Besseren belehren müssen. Wieder hatten Unternehmer die Kaufmannslehren zum eigenen Schaden ignoriert. Wieder hatten Kriminelle abgezockt; hatten Regierungen, Kontrolleure und Experten Augen und Ohren verschlossen.

Eine Blase wie jede andere. Und doch ganz anders. Denn diesmal ließ sie nicht nur Zerstörung zurück. Die Exzesse der 1990er schufen die Grundlage für eine reale New Economy: die digitale Wirtschaft, die eine Dekade später jeden Winkel der Welt, jede Wohnung und jedes Unternehmen durchdrungen hat. Ihren atemberaubenden Fortschritt verdankt die Internettechnologie den Verrückten von damals, die das Unmögliche für selbstverständlich erreichbar hielten. Spleenige Start-ups wie Google und Amazon wuchsen zu Konzernen heran, die heute die Welt dominieren. Ein neues Unternehmertum eroberte Deutschland. Viele der Stars von damals sind vom Firmament gestürzt. Aber die Start-up-Szene blüht. Dotcom Mania fügte der Geschichte der Krisen eine Lektion hinzu: Fortschritt gibt es nur mit Versuch und Irrtum. Auch wenn die Balance nicht immer gelingt.

Als der Jurastudent Schumann 1998 an der Uni Münster sein Staatsexamen ablegt, hat er „die ersten Gehversuche im Internet“ schon hinter sich: ein paar E-Mails verschickt, die Abschlussarbeit in den PC gehackt. Und gemeinsam mit seinem Freund Marc Peters eine Berufswahl getroffen: „Irgendwas mit Internet.“

Schumann heuert bei einer Internetagentur in Hamburg an. Seine erste Aufgabe ist für ihn Neuland. Er soll einen Businessplan für ein schwedisches Start-up schreiben, das bei der Suche nach Stipendien hilft. Der Jurist bastelt aus ein paar Vorlagen etwas zusammen. 3,5 Mio. Dollar Investorengeld bringt das Werk den Auftraggebern ein. Eine Frage beantwortet Schumann im Businessplan nicht, aber die hat auch keiner gestellt: Wie will das Portal eigentlich Geld verdienen?