Western von gesternDas große Desaster mit den UMTS-Lizenzen

Die Versteigerung der UMTS-Lizenzen spülte Milliarden in die Kassen des Bundes
Die Versteigerung der UMTS-Lizenzen spülte Milliarden in die Kassen des Bundesdpa


Sogar Hans Eichel war zu Scherzen aufgelegt. Der Bundesfinanzminister spottete, UMTS stehe wohl für „Unerwartete Mehreinnahmen zur Tilgung von Staatsschulden“. Die Versteigerung von sechs Lizenzen für den neuen Mobilfunkstandard hatte am 18. August 2000 unglaubliche 99.368.200.000 D-Mark in die Staatskasse gespült: fast 100 Mrd. D-Mark oder knapp 50 Mrd. Euro.

Um die absurd hohe Summe zu verstehen, muss man zurückschauen auf die Jahrtausendwende, die geprägt war von der Unverhältnismäßigkeit der New Economy. Goldgräberstimmung herrschte im Land, und der Mobilfunkstandard der dritten Generation, kurz auch „3G“ genannt, war das nächste große Ding.

Internet auf dem Handy – kaum vorstellbar damals, denn von den 50 Millionen Mobiltelefonen in Deutschland war kaum eins internetfähig. Elf Unternehmen hatte die Regulierungsbehörde für Telekommunikation und Post (heute Bundesnetzagentur) für die Auktion der sechs Lizenzen zugelassen. Doch nur sieben boten mit – darunter T-Mobile, die Handysparte der Telekom, deren Chef Ron Sommer nicht ahnte, dass das UMTS-Abenteuer die T-Aktie in den Keller treiben würde.

UMTS wurde zum Rohrkrepierer

Mit im Boot waren außerdem die drei etablierten Netzbetreiber E-Plus, Mannesmann (heute Vodafone) und Viag Interkom (heute O2). Als dann auch noch Debitel aus der Auktion ausstieg, hätten die Unternehmen die Lizenzen unter sich aufteilen können. Aber sie trieben den Preis immer höher. Das Kalkül: Neulinge vom Markt verdrängen.

Der Plan rächte sich. Alle sechs Bieter ersteigerten für rund 8,5 Mrd. Euro eine Lizenz. Zu viel für Mobilcom und die Group 3G, denen nun das Geld für den vereinbarten Ausbau fehlte. Sie mussten die Lizenzen zurückgeben. Ein Weiterverkauf war verboten. Mobilcom stand kurz vor der Pleite. Auch die großen Konzerne versuchten, einen Teil der Summe zurückzufordern – vergebens. Ron Sommer sah zu, wie der Telekom-Kurs ins Bodenlose stürzte.

UMTS wurde zum Rohrkrepierer. 2005 gab es 79 Millionen Handys in Deutschland, aber weniger als drei Prozent nutzten den Standard. Die Abdeckung war mies, der Preis hoch. Erst als 2007 das iPhone auf den Markt kam, stieg die Nachfrage nach mobilem Surfen. Doch die Lizenzen liefen schon bald aus und mussten 2010 erneut ersteigert werden. Die Unternehmen hatten dazugelernt. Diesmal brachte die Auktion nur 4,38 Mrd. Euro ein.

Hauptperson

Ron Sommer wurde 1949 in Haifa, Israel, geboren. Der promovierte Mathematiker war von 1995 bis 2002 Chef der Deutschen Telekom. Nach massiven Kursverlusten musste Sommer seinen Posten räumen. Der Börsenwert des Unternehmens hatte sich binnen wenigen Monaten von 135 Mrd. Euro fast halbiert. Ein Grund war das Milliarden-Engagement für die UMTS-Lizenzen in Deutschland und Großbritannien. Seit 2003 arbeitet Sommer für den russischen Mischkonzern Sistema.