ExklusivVisa-Stau an deutschen Botschaften

Verkehrsgewühl in Indien
Verkehrsgewühl in Indien: In dem Land, das bekannt ist für seine IT-Fachkräfte, ist der Visa-Stau für Deutschland offenbar besonders großUnsplash

Lange Wartezeiten bei der Visa-Vergabe behindern Unternehmen bei der Suche nach ausländischen Fachkräften. So vergehen nach Capital-Recherchen in Indien mehrere Monate, im Iran sogar mehr als zwölf Monate, bis Bewerber einen ersten Termin in einer deutschen Vertretung für ein Visumsgespräch erhalten. Der Leiter der Außenhandelskammer im indischen Mumbai, Bernhard Steinrücke, sagte Capital, aktuell warteten Visa-Bewerber in der indischen Wirtschaftsmetropole etwa drei Monate auf ihren ersten Termin.

Derartige Engpässe sind ein schlechtes Vorzeichen für das neue Fachkräfte-Einwanderungsgesetz. Dadurch soll es ab 2020 für Erwerbsvisa ein „beschleunigtes Verfahren“ von maximal drei Wochen Wartezeit und weiteren drei Wochen für eine Entscheidung geben. Diese Ziele seien mit dem aktuellen Personal unrealistisch, so der AHK-Vertreter. „Derzeit könnten die Missionen in Indien das nicht leisten.“ Das Gesetz könne seine Wirkung nur entfalten, so Steinrücke, wenn der Personalbestand ‎an den Missionen so sei, dass die Vorgaben auch erfüllt werden könnten. Dieser lässt derzeit aber nur Terminblöcke von drei Monaten zu, die in der Regel ausgebucht sind.

Druck für eine Besserung machen auch deutsche Großbanken und Konzerne, die – wie Bosch, Siemens, oder Continental oder Volkswagen – entweder indische Mitarbeiter für Vertretungen oder Trainings nach Deutschland holen wollen, oder Kunden indischer IT-Unternehmen sind. Zu denen gehört etwa Infosys mit Sitz in Bangalore. Für deren Kundenbetreuung werden hierzulande regelmäßig indische Software-Ingenieure gebraucht.

Auch für qualifiziertes Personal aus Teheran wünschen sich Unternehmen eine Art „Fast Lane“, wenn es Vorverträge gibt. Wenn Fachkräfte bereits eine konkrete Perspektive in Deutschland haben, sei „die Situation besonders eklatant“, kritisiert die Delegierte der Deutschen Wirtschaft im Iran, Dagmar von Bohnstein. „Es gibt eine Vielzahl von Beispielen, in denen Arbeitgeber ihre Arbeitsplatz-Zusage zurückziehen mussten, da das zuständige Konsulat nicht flexibel reagieren konnte, um einen vorzeitigen Termin für die Einreichung der Dokumente für ein Arbeitsvisum zu erteilen“, schilderte von Bohnstein die Erfahrungen vor Ort.

Iran birgt ein hohes Potenzial von Hochschulabgängern und beruflich Qualifizierten. So haben seit Oktober vergangenen Jahres 769 Iraner an einer neu angebotenen Beratung zur Anerkennung von Abschlüssen („Pro Recognition“) teilgenommen, darunter Maschinenbauer, Elektroingenieure oder Pfleger. Das waren fast so viele wie in Indien. Bis Mitte Januar gab es immerhin 64 Anerkennungen, aber nur einen Jobeintritt.

Auswärtiges Amt will reagieren

Statistiken über Wartezeiten führt das Auswärtige Amt keine. Minister Heiko Maas räumt aber „außerordentlich lange Warte- und Bearbeitungszeiten“ an manchen Botschaften ein – darunter auch in Pakistan und Afrika sowie dem Vernehmen nach in Vietnam und Chicago. Zwar stellt er neue Stellen in Aussicht, aber ohne klare Aussage, ob er den absehbar höheren Bedarf ab 2020 erfüllen kann.

Denn auch aus anderen führenden Herkunftsländern und –regionen, wie China, USA und Westbalkan, dürfte der Andrang steigen. In Indien werden schon jetzt jährlich rund 3000 mehr Anträge auf nationale und Schengen-Visa gestellt als im Vorjahr. Wie eine FDP-Anfrage im Bundestag ergab, stiegen dort die Vollzeitstellen der Visazentren von 36 (2013) auf 49,5 (2018). Und dennoch wird, wie es heißt, weiter der Notstand verwaltet.


Die Meldung stammt aus der neuen Capital-Ausgabe 05/2019 – ab Donnerstag am Kiosk! Interesse an Capital? Hier geht es zum Abo-Shop, wo Sie die Print-Ausgabe bestellen können. Unsere Digital-Ausgabe gibt es bei  iTunes und GooglePlay.