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Die Firma Acxiom hat Rasterzellen über ganz Deutschland gelegt
Die Firma Acxiom hat Rasterzellen über ganz Deutschland gelegt
© Katharina Poblotzki

Wenn ich ­morgens vom Klingeln ­meines Smartphones geweckt ­werde, befinde ich mich nicht nur zu Hause, ­sondern auch in einer Rasterzelle.  Einer von Millionen Rasterzellen, welche die Firma Acxiom über ganz Deutschland gelegt hat: kleinste räumliche Einheiten, zu denen die Firma große Datenpakete gespeichert hat. Acxiom kann damit nahe an mich heranzoomen. Kann in die Lebensgewohnheiten der Menschen blicken und Gruppen mit großer Genauigkeit eingrenzen: Stadtviertel, Straßenabschnitte, bis hin zu kleinen Zellen von nur fünf Haushalten. Für jede dieser Zellen gibt es eine Fülle von Informationen zu den dort lebenden Menschen.

Ich hatte nie zuvor mit Acxiom Kontakt. Was kann diese Firma über mich wissen – was haben andere über mich gespeichert? Ich habe mich auf die Suche begeben. Habe die Welt der Datensammler erkundet. Mein Ziel: so viel wie möglich über mein Profil herausfinden. Erfahren, wer meine Daten analysiert und verkauft. Sammeln, was andere über mich gesammelt haben. Ein Selbstversuch in einer Welt, in der Big Data als Schlüssel zur Zukunft gilt und persönliche Daten als kostbarer Rohstoff – hoch begehrt von Unternehmen und Geheimdiensten.

Es geht um ein hochlukratives, aber auch weitgehend verstecktes Geschäft mit nahezu unsichtbaren Akteuren: Kaum einer kennt das Unternehmen Acxiom. Dabei ist der Marketingspezialist aus Little Rock, Arkansas, ein eifriger Datensammler. 1,5 Mrd. Dollar Umsatz, rund 6 000 Mitarbeiter in 40 Ländern.

Acxioms Datenbanken enthalten Informationen zu mehr als 500 Millionen Konsumenten weltweit – über jeden hat das Unternehmen rund 1 500 Datenpunkte gesammelt. „Sie wissen, wer du bist, wo du lebst und was du tust“, schrieb die „New York Times“ über die Firma. Sie horte mehr Informationen über die Bevölkerung als die US-Bundespolizei FBI. Was also weiß Acxiom über mich?

Überraschend viel, ergibt eine Recherche in den Datenbanken des Unternehmens, wo man nach einigen Gesprächen bereit ist, mir meine Informationen zu zeigen.

Mein „Geo-Cluster“

Matthias Thieme
Capital-Autor Matthias Thieme
© Trevor Good

Ich wohne in Berlin-Prenzlauer Berg, in einem Viertel, über das Acxiom ein Dossier erstellen kann – willkommen in meinem „Geo-Cluster“:

Hier leben laut Acxiom überdurchschnittlich viele „urban-nonkonforme“ Menschen. Es gibt eine junge Altersstruktur, eine gute Bonität und eine sehr niedrige Pkw-Dichte. Die Menschen sind wirtschaftlich und politisch interessiert, benutzen sehr häufig Kreditkarten und spenden gerne. Was ihre Einstellung zur Gesundheit angeht, leben hier eher „nachlässige Typen“, die sich gesund fühlen, ohne sich viel darum zu kümmern – allerdings haben sie eine hohe Affinität zu privaten Krankenvollversicherungen. In meinem Cluster haben viele Abitur, üben freie Berufe aus oder sind selbstständig.

Einige müssen mit 1000 Euro netto monatlich klarkommen, andere haben monatlich 4000 bis 7000 Euro zur Verfügung. Überwiegend leben die Menschen hier in gemieteten Wohnungen. Viele kaufen gerne bei Kaufhof oder Kaiser’s ein und stehen neuen Produkten sehr aufgeschlossen gegenüber. Wir Cluster-Bewohner lesen gerne „Spiegel“, „Süddeutsche“, „Stern“, „FAZ“ und „Wirtschaftswoche“. Unsere bevorzugten Lesethemen sind Forschung und Wissenschaft, ­Politik, Reisen. Wir sehen Nachrichten überwiegend auf privaten Sendern und nutzen das Internet überdurchschnittlich stark. Kreditkarten nutzen wir oft, sehr häufig sind wir Kunden bei der Deutschen Bank und der Commerzbank. Die staatliche Altersabsicherung halten wir für unzureichend – aber wir besitzen selbst meist wenig Versicherungen.

In der Freizeit gehen wir ins Kino, schauen Videos und interessieren uns für Mode. Häufiger als der Durchschnitt fahren wir in Urlaub, und unser Traumurlaub soll etwas mit Abenteuer zu tun haben. Wenn wir Sport treiben, bevorzugen wir Squash, Segeln, Surfen, Kraftsport und Joggen.

Nicht schlecht. Vieles davon bin ich, denke ich und mache ich.