KommentarOstasien muss die Geschichte überwinden

Yuriko Koike
Yuriko Koike
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Yuriko Koike ist ehemalige japanische Verteidigungsministerin und nationale Sicherheitsberaterin sowie frühere Vorsitzende der Liberaldemokratischen Partei Japans. Derzeit ist sie Abgeordnete des japanischen Parlaments


Von Georges Clemenceau, der als französischer Premierminister sein Land zum Sieg im Ersten Weltkrieg führte, stammt der bekannte Spruch: „Krieg ist zu wichtig, um ihn den Generälen zu überlassen.” Japan erkennt gerade, dass auch die Geschichte zu wichtig ist, um sie Zeitungsredakteuren zu überlassen.

In den 1990er Jahren löste die japanische Tageszeitung „Asahi Shimbun“ sowohl im eigenen Land als auch in Südkorea heftige Kontroversen aus, als sie auf Grundlage der Aussagen des ehemaligen japanischen Soldaten  Seiji Yoshida eine Artikelserie über „Trostfrauen“ veröffentlichte – koreanische Frauen, die während des Zweiten Weltkriegs zu sexuellen  Dienstleistungen für die Kaiserliche Japanische Armee gezwungen wurden. Mittlerweile räumte „Asahi“ ein, dass die Äußerungen des Soldaten haltlos waren und die Zeitung distanzierte sich von den damals für die Artikel vorgelegten zentralen Beweisen.

Dieser Widerruf scheint in Japan und Südkorea heute ebenso viel Betroffenheit – und  diplomatische Ressentiments – zu verursachen wie die ursprüngliche Artikelserie. Doch in Zeiten, da es sich beide Länder nicht leisten können, ihre bilateralen Beziehungen durch einen voreingenommenen oder schlampigen Umgang mit der Geschichte zu trüben, zeigt sich, dass „Asahis“ fahrlässige Arbeit mehr als nur miserabler Journalismus war; es wurde damit auch ein gefährliches Element in die  regionale Diplomatie eingeführt.

Von neuen historischen Debatten hat niemand etwas

Von manchen ist zu hören, dass Japan und Südkorea dem Beispiel Frankreichs und Deutschlands folgen sollten. Mit der Aussöhnung in den ersten beiden Jahrzehnten nach der Besatzung Frankreichs durch die Nazis, demonstrierten die führenden Politiker der beiden Länder, dass die sicherheitsbezogenen und wirtschaftlichen Verbindungen der Länder für das Wohlergehen ihrer Bürger viel zu wichtig waren, als dass man alte Hassgefühle weiter schwelen lassen durfte. Sie wussten, dass die unvorstellbare Gewalt des Zweiten Weltkriegs ein direktes Ergebnis jener Feindschaft war, die sich seit den Napoleonischen Kriegen festgesetzt hatte und die auch nach 1918 weiter bestehen konnte. 

Mit Charles de Gaulle und Konrad Adenauer verfügten Frankreich und Deutschland über zwei der bedeutendsten Staatsmänner des 20. Jahrhunderts, die in der Lage waren, den übergeordneten Lauf der Geschichte durch den tagespolitischen Nebel zu erkennen. Ihre Loyalität galt nicht nur den Bürgern, die sie gewählt hatten, sondern auch den Generationen der Vergangenheit, die mit den Folgen der französisch-deutschen Feindschaft leben mussten und künftigen Generationen, die von dieser Aussöhnung profitieren würden.

Da Japan und Korea keine Reihe von Kriegen gegeneinander ausgefochten haben, kann man ihre Beziehung natürlich nicht direkt mit der zwischen Deutschland und Frankreich vergleichen. Klar ist jedoch, dass niemand von einer neuen Runde hitziger historischer Debatten profitieren wird. Um diese zu vermeiden, bedarf es Politiker vom Schlage de Gaulles und Adenauers. Nur wenn es uns gelingt, über die Vergangenheit zu diskutieren, ohne damit die Zukunft zu gefährden, werden die Länder Nordostasiens in der Lage sein, eine wirklich dauerhafte Friedensstruktur zu errichten.

Schuldzuweisungen helfen nicht weiter

Der ehemalige Kommandant der US-Pazifikflotte, Admiral Dennis C. Blair, formulierte es kürzlich auf einer Konferenz folgendermaßen: „Die Geschichte Asiens von den 1930er Jahren bis etwa 1955 war alles andere als angenehm….Ich glaube nicht, dass irgendein Land ein Monopol auf Redlichkeit oder auf Schuld und Scham“ für diese Zeit haben kann. Blair fügte noch hinzu, dass „der Versuch einen Wettbewerb  zwischen ‚Wir hatten Recht‘ und ‚Ihr wart im Unrecht‘ zu veranstalten, unseren Kindern und Kindeskindern nicht helfen wird, zu verstehen, was dort passierte.”

Japan und Südkorea müssen Verantwortung für die Zukunft übernehmen und sich nicht in Diskussionen um die Vergangenheit ergehen. In einem vor kurzem veröffentlichten Weißbuch der japanischen Regierung wird Südkorea als das Land bezeichnet, „das historisch die engste Beziehung zu Japan in Bereichen wie Wirtschaft und Kultur aufweist.“ Zweifellos teilen viele, wenn nicht gar die meisten außenpolitischen Experten und Strategen Südkoreas diese Meinung. Dennoch wird engagierte Führung erforderlich sein, um diese Geschichtskriege zu überwinden und das volle Potenzial japanisch-koreanischer Kooperation auszuschöpfen. Auch der wichtigste Verbündete beider Länder, die USA, strebt das mit Nachdruck an, da man versucht, China in eine dauerhafte und friedliche asiatische Ordnung zu integrieren. 

Viel zu lange haben überhitzte – und oftmals durch tendenziöse Zeitungsberichte geschürte – historische Debatten  bilaterale Beziehungen vergiftet. Nun, da sich ein neuer Krieg der Worte zuspitzt, ist es notwendig, dass sich die führenden Politiker Japans und Südkoreas zurücknehmen und erkennen, wo die wirklichen Interessen der Menschen gegenwärtig und in Zukunft liegen. Dann sollten sie in aller Gelassenheit beginnen, die zur Sicherstellung einer dauerhaften Aussöhnung notwendigen Maßnahmen zu ergreifen.

Aus dem Englischen von Helga Klinger-Groier

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