ThemaLitauens Unternehmer greifen zur Waffe

Vor ein paar Stunden hat Kristijonas Vizbaras in seinem Labor noch frisch produzierte Laserdioden überprüft, jetzt liegt er auf dem staubigen Boden und visiert durch ein Zielrohr einen kleinen weißen Fleck am Ende der Halle an. Bis zur Zielscheibe sind es 50 Meter. Konzentration, der jungenhafte Zug ist aus seinem Gesicht gewichen. Kristijonas ist jetzt nicht mehr Unternehmer, er ist Soldat.

Der Trainer gibt den Schießbefehl. Die Salve donnert durch die alte Lagerhalle, Pulverdampf steigt auf. Die Zielscheibe ist durchsiebt. „Heute staune ich über mich selbst“, strahlt Kristijonas. „Ich muss sagen, ich habe einen guten Tag!“

Der 30-Jährige ist Physiker, Elektroingenieur und Firmenchef in Litauens aufstrebender Hightechbranche. Doch sollten eines Tages russische Panzer in Vilnius einrollen – ein Schreckensszenario, das im Baltikum jetzt viele beschwören –, dann wird er vorbereitet sein. Im Frühjahr 2014, als russischsprachige Kämpfer die Krim besetzten, hat er seinen Waffenschein gemacht und ist dem litauischen Freiwilligenbataillon „Sauliu Sajunga“ beigetreten – ebenso wie seine Brüder, sein Vater und die meisten seiner Freunde.

Mittelschicht rüstet sich für den Guerillakrieg

Er besitzt ein großkalibriges Gewehr aus deutscher Produktion, NATO-Standardwaffe, das er inzwischen gekonnt bedient – im Liegen und Stehen, im Knien und im Ausfallschritt: Magazin wechseln, entsichern, anlegen. Kompakt liegt die Waffe in der Hand, die Wucht des Schusses geht nach vorn, der Rückstoß ist kaum zu spüren. Wer so ein Präzisionsgewehr bedienen will, braucht keine große Kunstfertigkeit. Er muss es nur tun.

In Litauen tun zurzeit viele, was sie bis vor Kurzem nur aus Computerspielen kannten: Die gebildete Mittelschicht rüstet sich für den Guerillakrieg. Auch viele Unternehmer haben sich seit Beginn der Ukraine-Krise an die in Litauen legendäre Sauliu Sajunga (deutsch: Schützenunion) erinnert. Die paramilitärische Organisation hatte sich nach dem Ersten Weltkrieg gegründet, um Widerstand zu leisten gegen Besatzungsmächte. 1940 wurde sie von den Sowjets aufgelöst, 50 Jahre später, nach der litauischen Unabhängigkeit, wurde sie wiedergegründet.

An diesem Abend in der Trainingshalle sind unter den acht Nachwuchsschützen vier Selbstständige. Darius ist Architekt und Grafikdesigner, Tadas ist Inhaber einer Elektrofirma. Die Brüder Kristijonas und Augustinas führen mit dem älteren Bruder Dominykas das Laserunternehmen Brolis Semiconductors. Auch dabei ist ihre Angestellte Ieva. Die Physikerin ist an diesem Abend die einzige Frau. Wie ihre Chefs führt sie jetzt ein Doppelleben zwischen Häuserkampf und Hightech.