KatalonienKatalonien – der Kampf um das Mittelfeld

Nach der Auflösung der Regionalregierung durch die spanische Zentralmacht sind die Bürger Kataloniens aufgerufen, am Donnerstag ein neues Parlament zu wählen.GettyImages

Als Katalonien im Oktober gegen die spanische Verfassung über die Unabhängigkeit abstimmen ließ, war Albert Salvador morgens um 6.00 Uhr auf den Beinen. Der 50-Jährige wollte dafür stimmen und rund zwei Millionen Katalanen taten es ihm gleich, obwohl die spanische Polizei anfangs mit Gewalt versuchte, das Referendum zu verhindern. „Ich wollte es auf einen Versuch ankommen lassen“, sagt Salvador, „und Katalonien zu einer unabhängigen Republik machen.“

Diese Haltung hat sich seitdem nicht verändert – eher noch verhärtet. Die Spannungen mit dem Einheitslager sind nicht weniger hässlich geworden. Diese Woche hofft Salvador darauf, dass die Partei der Unabhängigkeitsbefürworter die katalanischen Wahlen gewinnen wird.

Dabei ist er kein Hardliner, wie viele andere. Eine Loslösung von Spanien wäre nicht die einzige Lösung für die lähmende Sackgasse, in der die Politik steckt: Wenn sich die Beziehungen Kataloniens zu Spanien bedeutend verbessern ließen, könnte ihn das noch zum Verbleib bewegen. „Viele Menschen in Katalonien könnten gewonnen werden, wenn es einen neuen Deal gäbe und neue Positionen in Madrid.“

Salvador ist langjähriger Bewohner Barcelonas. Er war Büroleiter des Bürgermeisters. Wenn ein Katalonier wie er bereit wäre, von der Unabhängigkeit abzurücken, sobald es zu einer neuen Verständigung mit der Zentralregierung käme, eröffnet das einen Hoffnungsschimmer, dass dieser schwierige Konflikt in Europa doch noch zu lösen ist. Er beruht darauf, dass es in der Region noch ein politisches Mittelfeld gibt – und damit eine Chance, zu einer weniger zündstoffgeladenen Debatte zurückzukehren, wie das vor 2012 einmal möglich war, als die Nationalisten noch für mehr Autonomie kämpften statt für die einseitige Abspaltung.

Katastrophalen Ereignisse sollen sich nicht wiederholen

Noch stellte die katalonische Frage aber Spanien vor die größte politische und extistenzielle Herausforderung seit der Rückkehr zur Demokratie Mitte der 1970er-Jahre. Denn 40 Prozent der Katalanen geben an, sie unterstützten die Gründung eines neuen Staates. Seit das Regionalparlament im Oktober einseitig die Unabhängigkeit verkündete, ging die spanische Regierung den beispiellosen Schritt, die Macht in Barcelona zu übernehmen, die Regierung aufzulösen und Neuwahlen anzusetzen.

Die Dynamik einer Abspaltung wurde so zwar gestoppt, hochrangige Separatisten warten hinter Gittern auf ihren Prozess wegen Aufruhr oder befinden sich im Exil. Aber die Unsicherheit verschreckt internationale Unternehmen und erfüllt jene europäischen Politiker mit Sorge, die selbst mit sezessionistischen Tendenzen zu kämpfen haben. Der Wirtschaftsausblick für nächstes Jahr sieht in Spanien eine gebremste Erholung voraus.

Trotz des Tiefpunkts, auf den das Verhältnis der Separatisten zum Rest Spaniens gesunken ist, ist ein Bestreben spürbar, dass die Ereignisse vom Oktober sich nicht wiederholen sollen: Es gibt Aufrufe, sich dem Konflikt mit einem frischen Blick zu nähern, nach einem „dritten Weg“ zu suchen, irgendwo zwischen Unabhängigkeit und Status quo. Es wäre ein „New Deal“ für Katalonien. „Eine neue Abmachung könnte der Unabhängigkeitsbewegung den Nährboden entziehen“, sagt Antoni Castells, ein früherer katalanischer Finanzminister und langjähriger Gegner einer Abspaltung. „Es müsste jedoch ein ernsthafter Vorschlag sein. Wenn die Gespräche mit gutem Willen geführt werden, würden die Menschen das akzeptieren.“

Gemessen an dem internationalen Index von Regionalregierungen ist Katalonien bereits eine der autonomsten Regionen Europas – vor Schottland im Vereinigten Königreich oder der belgischen Wallonie. Sie befehligt eigene Polizeikräfte und hat innenpolitische Hohheiten wie über Gesundheit, Bildung und Kultur. Aber seit Jahren wollen die Katalanen mehr finanzielle Rechte, die sie mit ihrem einzigartigen Status in Spanien begründen.