SchwellenländerIndien in der Krise: Wie kommt das Schwellenland aus der Rezession?

Sorge vor vermehrten Ansteckungen. Zum Lichterfest drängen in Indien viele Menschen nach draußen.
Sorge vor vermehrten Ansteckungen. Zum Lichterfest drängen in Indien viele Menschen nach draußen. imago images / Pacific Press Agency

Wie kaum ein anderes Land klammert sich Indien an die Hoffnung baldiger Massenimpfungen gegen Covid-19. In einigen Bundesstaaten steigt die Zahl der Infektionen zum Jahresende wieder gefährlich an. Schulen sind schon bis März 2021 geschlossen. Einen Subkontinent mit 1,3 Milliarden Einwohnern in einen zweiten harten Lockdown schicken? Das will die Regierung nicht riskieren. Zu sehr hat der erste der Wirtschaft geschadet. Doch es gibt Vorboten der Erholung – und Investoren, die treu sind.

Im Kampf gegen die Pandemie hat Premierminister Narendra Modi sich im Zweifel für den Schutz der Massen und der Gesundheit entschieden. Abrupt wurden Handel, Märkte, Fabriken und Baustellen im März in Schockstarre versetzt. Und das in einem umtriebigen Land, in dem mehr als die Hälfte der Bevölkerung von der Landwirtschaft lebt, gefolgt vom Einzelhandel und dem Gastgewerbe. Gelockert wurde erst ab Juni, schrittweise und regional. Es war eine der radikalsten Antworten auf die Seuche weltweit. Entsprechend hoch ist der Preis: Indien glitt in die tiefste Rezession, seit offizielle Zahlen geschrieben werden, und in die schwerste Wirtschaftskrise in ganz Asien.

Keine andere große Volkswirtschaft schrumpfte so stark in der Pandemie. Einem Einbruch von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr im zweiten Quartal folgte ein weiterer um 7,5 Prozent im dritten. Die Lage bleibt ernst. Für das Gesamtjahr 2020 sagte der IWF zuletzt ein Minus von 10,3 Prozent voraus. Die indische Notenbank erwartete – kaum optimistischer – noch Ende November 9,5 Prozent. Unter den G20-Staaten ist die Lage nur in Argentinien schlechter.

Hohe Widerstandskraft

Doch in einer Zeit, in der viel von Resilienz die Rede ist, zeigt Indien genau das: unerwartete Widerstandskraft. So zählt das Riesenland mit mehr als 9,5 Millionen Infektionen zwar nach den USA die meisten Corona-Fälle. Schaut man indes auf die Corona-Toten pro 100.000 Einwohner, so liegt Indien mit zehn Fällen weit hinter Brasilien, Mexiko und Argentinien mit jeweils über 80. Ohne geduldige Disziplin im Umgang mit Abstandsregeln, Maskenpflicht und Massentests wäre der Stand ein anderer.

„Die Erholung wird schneller kommen, als anhand der Statistiken zu erwarten ist“, gibt sich Laszlo Posset überzeugt. Der Indien-Chef von T-Systems, dem IT-Service-Arm für Großkunden der Telekom, kennt den Subkontinent seit Jahrzehnten und vertraut auf die Innovationskraft und das intellektuelle Potenzial. „Im Reichtum an Softwareentwicklern hat Indien die USA überholt, und kein Unternehmen dieser Welt kommt ohne eigene oder eingekaufte IT-Dienste aus Indien aus. Das ist der Schlüssel zum Erfolg für die Zukunft.“

Im Hier und Jetzt bügelt der IT-Sektor indes noch nicht andere Schwächen aus. Auch an heimischen Konzernen wie Infosys oder Tata Consultancy Services geht die Krise nicht spurlos vorbei. Ökonomen mahnen, es werde Jahre dauern, bis die Volkswirtschaft sich von den Schäden des Absturzes erholt habe. Im Baugewerbe, das um 50 Prozent einbrach, und in der Industrie, die 40 Prozent weniger produzierte, verloren Millionen Wanderarbeiter ihre Jobs. Mit dem Lockdown flohen sie aus den Städten in ihre Dörfer. Unter der Landbevölkerung suchen 30 Millionen Menschen Hilfe bei einem staatlichen Beschäftigungsprogramm.

Krise trifft Haushaltseinkommen schwer

Im formellen Sektor arbeiten und verdienen Umfragen zufolge bis zu 40 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung (520 Millionen) krisenbedingt weniger. Unter Angestellten sollen mehr als 20 Millionen ihre Jobs verloren haben, im Dienstleistungssektor ebenso wie im verarbeitenden Gewerbe, etwa bei den Autozulieferern. Jeder vierte Industriejob soll gestrichen worden sein. Als schwer getroffene Berufe nennen Ökonomen auch Softwareentwickler, Ärzte, Lehrer oder Buchhalter.

Der Konsum brach im Frühjahr um 26,7 Prozent ein, im dritten Quartal um weitere 11,3 Prozent. Etwa die Hälfte der Haushalte erlitt bis September starke Einkommensverluste. „Die Beschäftigung hat fast den Stand vor Corona erreicht“, meldete jüngst das Wirtschaftsinstitut CMIE. „Die Arbeitsplätze sind zurück, aber nicht das Einkommen.“ So mancher behielt seine Stelle mit Einkommensabschlägen. Andere nahmen mindere Arbeit an.

Auch Mobilitätstrends von Google weisen darauf hin, dass eine Erholung nicht vom Konsum kommen wird. Demnach schwächeln der Handel abseits von lebenswichtigen Gütern wie Nahrung und Arznei und das Job-intensive Gast- und Unterhaltungsgewerbe nach wie vor. Öffentliche Verkehrsknotenpunkte und Arbeitsplätze werden immer noch 17 und 29 Prozent weniger frequentiert als vor Corona. Immerhin: Büros und Werkshallen dürfen sich wieder zur Hälfte füllen.