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Konjunkturprognosen Die Rezession kommt – die Prognosen könnten aber schlimmer sein

Endpunkt der Nord-Stream-1-Pipeline in Lubmin
Endpunkt der Nord-Stream-1-Pipeline in Lubmin
© IMAGO / BildFunkMV
Die jüngsten Wirtschaftsprognosen sagen eine Rezession voraus. Kurzfristig wird das die deutsche Wirtschaft aber weniger hart treffen als die Corona-Krise. Doch langfristig wird das Land langsamer wachsen

Am vergangenen Freitag war es so weit: Durch die Pipeline Nord Stream 1 floss kein Gas mehr. Zu allem Überfluss erhöhte die EZB wenige Tage später den Leitzins auf 1,25 Prozent, um der Inflation von mittlerweile 9,1 Prozent im Euroraum und 7,9 Prozent in Deutschland entgegenzutreten. Und plötzlich steht die deutsche Wirtschaft vor einer Gemengelage, in der die Preise für Unternehmen und Privathaushalte steigen und die Finanzierungsbedingungen schlechter werden.

Drei der großen deutschen Wirtschaftsforschungsinstitute zeigten mit ihren am Donnerstag veröffentlichten Konjunkturprognosen, wo das in etwa hinführen könnte. Das Institut für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) rechnet im kommenden Jahr mit einem Rückgang des BIPs um 1,4 Prozent; das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) mit einem Rückgang um 0,7 Prozent; und das RWI– Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung erwartet für kommendes Jahr immerhin noch mit einem Anstieg des Bruttoinlandsprodukts um 0,8 Prozent. Für 2022 rechnen alle noch einmal mit Wirtschaftswachstum, auch wenn es mit 1,1 bis 1,4 Prozent gering ausfällt.

Es gibt nun mehrere Möglichkeiten, diese Zahlen zu interpretieren. Zunächst lässt sich festhalten: Ja, Deutschland rutscht nach der Erwartung zweier Institute in eine Rezession. Und die wird härter sein als noch zuletzt erwartet. Die Prognosen fallen schlechter aus als noch im Sommer. Die Erholung von der Corona-Krise, die eigentlich zu einem höheren Wirtschaftswachstum nach den Krisenjahren hätte führen sollen, bleibt aus. Allein die Prognose des Kieler IfWs für das Wirtschaftswachstum fällt um etwa vier Prozentpunkte geringer aus als die vorherige. Stefan Kooths, der Konjunkturchef, erwartet daher zurecht: „Man sieht die gesamte Wucht des Einschlags, den diese Energiekrise für die deutsche Wirtschaft bedeutet.“

Horroszenarien waren wohl übertrieben

Nun lässt sich aber ebenso festhalten, dass Deutschland auch ohne russisches Gas relativ gut durch die Krise kommt. Noch im Frühjahr hatte es einen großen Streit unter Ökonomen und Politikern gegeben, ob Deutschland sich ein Gasembargo leisten könnte. Bundeskanzler Olaf Scholz befürchtete gar den Verlust von Millionen Arbeitsplätzen und zahlreiche Unternehmensschließungen.

Konjunkturprognose des IfW Kiel 09/2022
Konjunkturprognose des IfW Kiel 09/2022
© IfW Kiel

Was passiert wäre, wenn Deutschland damals wirklich auf einen Schlag kein Gas mehr bekommen hätte, sei einmal dahingestellt. Heute muss man aber festhalten, dass die deutsche Wirtschaft in den kommenden Monaten zwar in eine Rezession stürzt, sie laut den Prognosen aber auch nicht so schlimm ausfallen wird, wie einige Ökonomen das in ihren Szenarien Anfang des Jahres erwartet hatten. Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) berechneten damals etwa, dass die Wirtschaftsleistung um drei Prozent einbrechen würde und sich über Jahre nur langsam wieder erholen würde, außer der Staat würde wirtschaftspolitisch dagegen angehen.

Energiepreise belasten Erholung

Im Gegensatz dazu ist der jetzt prognostizierte Einbruch glimpflicher, vor allem, weil er kürzer ist. Schon 2024 soll es laut den Prognosen wieder bergauf gehen. Die Arbeitslosigkeit steigt nach den Berechnungen der Institute ebenfalls kaum. Die Kieler Prognose erwartet eine Arbeitslosenrate von 5,3 Prozent in diesem Jahr, 5,6 Prozent im kommenden und 5,5 Prozent in 2024. Da hilft ausnahmsweise einmal der hohe Arbeitskräftemangel in der deutschen Wirtschaft. Der Schock, der Deutschland bevorsteht, fällt zusammengefasst glimpflicher aus als in der Corona-Krise.

Entscheidend wird, wie die Erholung in den Jahren nach 2024 verläuft. Da sind die Prognosen weniger optimistisch: Das Haller IWH erwartet, dass das Produktionspotenzial bis 2026 nur langsam, mit etwa 0,5 Prozent wächst. Wichtig wird auch, wie gut Deutschland es schafft, das Gas aus Russland günstig zu subventionieren. Wenn die Preise für Energie langfristig hoch bleiben, steht dem Land eine Transformation bevor, die zwar zu Wachstum führen kann, aber auch bestehende Strukturen überflüssig macht. Doch nun gilt es erst einmal mit einem möglichst geringen Wirtschaftseinbruch durch den Winter zu kommen.

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