ReportageArgentinien bricht auf

Wenn man es genau nimmt, ist der unscheinbare Bau in der Avenida Julio Roca in Buenos Aires so etwas wie die wichtigste Adresse Argentiniens. Es handelt sich weder um den Präsidentenpalast, wo der Unternehmer Mauricio Macri seit gut 100 Tagen regiert, noch um das Finanzministerium, wo derzeit an Argentiniens Wiederanschluss an die Weltmärkte gebastelt wird. Indec steht groß an dem Gebäude – Statistikamt.

Indec gibt die wichtigste Zahl des Landes bekannt – die Inflationsrate. Sie beträgt in Argentinien schon mal 33 Prozent – wie jetzt im Februar – oder auch mal 20.262 Prozent – wie im März 1990. An ihr orientieren sich die Etats der Unternehmen, die Verhandlungen der mächtigen Gewerkschaften, der Einkauf der Familien. „Unser ganzes Leben“, sagt Graciela Bevacqua. „Die Inflation hat sich in die argentinische Seele gebrannt.“

Bevacqua steht in ehrfürchtiger Distanz vor dem unscheinbaren Bau, eine 56-jährige Mathematikerin, die in Argentinien eine Märtyrerin geworden ist. Manche sehen in ihr eine moderne Jeanne d’Arc, andere eher einen Störenfried. Sie selber sieht sich als Gradmesser für den Zustand des Landes: für die Manipulationen unter Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner einerseits – und für das Reformfieber unter ihrem Nachfolger Mauricio Macri andererseits.

Vor neun Jahren war sie eine einfache Leiterin in der Abteilung Konsumentenpreise, mit 23 Jahren Erfahrung im Job. Dann tat sie, was Statistiker gemeinhin tun: Sie gab die neu berechnete Preissteigerungsrate an ihren Chef weiter, damals 2,1 Prozent im Monat, der höchste Wert seit vier Jahren. Als Antwort erhielt sie: Sie solle die Bewertung Richtung null drücken, alles andere sei unpatriotisch. Die Null sollte Cristina Kirchner zum Wahlsieg verhelfen.

Graciela Bevacqua
Graciela Bevacqua weigerte sich unter Cristina Kirchner im Statistikamt die Inflationsrate zu frisieren. Sie wurde abserviert. Mauricio Macri holte sie zurück, mittlerweile hat sie die Behörde aber wieder verlassen
© Irina Werning

Bevacqua beugte sich nicht. Sie wurde versetzt, ihr Gehalt um 70 Prozent gekürzt. Wie andere unbeugsame Kollegen wurde sie durch kirchnertreue Statistiker ersetzt, die Fantasiedaten berechneten. Bevacqua veröffentlichte daraufhin ihre eigenen Daten, die den stärksten Preisanstieg in vier Jahren belegten, und wurde nun zum „Opfer systematischer Repression“, wie sie sagt: „Jobangebote wurden zurückgezogen, Freunde hielten sich fern, ich kam auf eine schwarze Liste.“ Der Innenminister verklagte die alleinerziehende Mutter dreier Kinder 2009 auf 250.000 Dollar, weil sie Konsumenten betrogen haben soll.

„Es waren schlimme Jahre“, sagt sie. „Ich war eine Persona non grata. Ich fühlte mich wie Don Quijote im Kampf gegen die Windmühlen.“

Kirchner traut man Mord zu

Inflationsrate Argentinien
Quellen: Weltbank; Statista; Bevacqua

Die Strafaktion war kennzeichnend für die acht Jahre unter der linkspopulistischen Präsidentin Kirchner. In Jahren, in denen Bevacqua und andere angesehene Statistiker 25 Prozent Inflation errechneten, kamen Kirchners Leute auf zehn. Und so wie Kirchner hemmungslos Wirtschaftszahlen frisierte, so beschnitt sie auch die Macht unliebsamer Medien und schrieb Unternehmen vor, welche Preise sie in Supermärkten zu nehmen haben. Sie verweigerte Firmen bestimmte Importe – und den eigenen Bauern die Exporte. Selbst einen Mord traute man ihren Leuten zu – ein gegen sie ermittelnder Staatsanwalt wurde im vergangenen Jahr tot aufgefunden.

Als nun vor vier Monaten der ehemalige Bauunternehmer Mauricio Macri vom Parteienbündnis Cambiemos („Lasst uns ändern“) mit knapper Mehrheit ins Amt gewählt wurde, stellte er Bevacqua wieder ein. Sie wurde die Nummer zwei bei Indec und zeitweise das Symbol für eine neue Sehnsucht nach Wahrheit. „Die Behörde lag am Boden“, sagt sie, „Experten waren durch Ideologen ersetzt worden, wir mussten bei null anfangen. Macri wollte einen neuen Preisindex in 60 Tagen, aber das war unmöglich zu schaffen.“

Sie schildert so etwas wie Argentiniens derzeitige Grundkonstellation: Cristina Kirchner hat gefälscht, Macri peitscht voran. Sie suchte die Konfrontation, er das Tempo.