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Bernd Ziesemer Apple – das Barometer der Globalisierung

Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
Capital-Kolumnist Bernd Ziesemer
© Martin Kress
Kein anderer Konzern stand so wie Apple für die Idee einer weltumspannenden Produktion. Nun setzen die Amerikaner einen neuen Trend – auch als Folge des Kriegs

Auf der Zuliefererliste von Apple finden sich fast 200 Unternehmen aus aller Welt – von AAC bis Zhenghe. Elektronikteile aus Taiwan, Halbleiter aus Singapur und Klebstoff aus Deutschland stecken in so gut wie allen iPhones und iPads. Und erst in den chinesischen Gigafabriken von Foxconn fügt sich alles zu einem teuren Endprodukt, das mit traumhaften Margen Gewinne ohne Ende für die Amerikaner herbeizaubert. In den letzten 20 Jahren stand kein anderes Unternehmen so stark wie Apple für die Idee einer Produktion, die den ganzen Globus umspannt. Vor allem China und ganz Asien profitierten gewaltig von der immer weiteren Ausdehnung der Lieferketten.

Apple war so etwas wie das Barometer der Globalisierung, an dem man über lange Zeit die Wellen des Wachstums ablesen konnte. Es stieg und stieg – doch nun fällt es. Apple-Chef Tim Cook scheint nicht mehr wie früher alles auf China und Asien zu setzen. Der Konzern arbeitet mit aller Kraft an der Verkürzung der Lieferketten. „Zurück in die USA!“, lautet die Devise am Firmensitz in Cupertino. Viele Teile, die bisher aus Asien kamen, will der Konzern künftig wieder selbst produzieren. Die Fertigungstiefe, die niemals ein großes Thema bei Apple war, spielt plötzlich in den strategischen Überlegungen wieder eine Rolle. Und Apple dürfte damit wieder zum Trendsetter werden – nicht nur in der eigenen Branche, sondern für viele andere Branchen auch.

Erst die Covid-Pandemie mit all ihren Folgen, dann der Krieg in der Ukraine und schließlich die wachsenden Konflikte zwischen den westlichen Staaten (vor allem den USA) und China zwingen zum Umdenken. Die langen Lieferketten haben sich als zu anfällig erwiesen, die einseitige Abhängigkeit von China gefährdet die Sicherheit der Unternehmen und Staaten, künftige Sanktionen (zum Beispiel nach einem chinesischen Militärüberfall auf die Inselrepublik Taiwan) muss man von jetzt an immer mitdenken. Nur wenige große Konzerne verweigern sich noch diesen Einsichten – höchstens noch die deutsche Autoindustrie.

Die Globalisierung ändert sich

Viele Debatten laufen dabei jedoch immer noch unter den falschen Stichwörtern. So geht es zum Beispiel gar nicht um das viel beschworene „Friendshoring“ – also nur noch in befreundeten demokratischen Ländern einzukaufen. Besser sollte man vom Ende des „Enemyshorings“ sprechen – dem Verzicht, die geschworenen Feinde unseres politischen Systems blind mit allem zu versorgen, was sie zur Gewalt gegen ihre eigene Bevölkerung brauchen und zur militärischen Aufrüstung gegen uns. Viele autoritäre Länder entsprechen nicht unseren Wertvorstellungen, aber sie bedrohen uns nicht. Im Fall von Russland und China aber ist die Lage anders.

Auch das Gerede vom angeblichen „Ende der Globalisierung“ hilft nicht weiter. Viele Unternehmen, die sich gegenwärtig aus China zurückziehen, wandern in Länder wie Vietnam oder Indien weiter. Und falls wir unsere iPhones irgendwann nicht mehr aus den Fabriken in Guangdong, sondern aus Kalifornien bekommen sollten, ändert das wenig für Deutschland. In Wahrheit versiegen die Globalisierungsströme nicht, sie verändern sich nur.

Bernd Ziesemer

ist Capital-Kolumnist. Der Wirtschaftsjournalist war von 2002 bis 2010 Chefredakteur des Handelsblattes. Anschließend war er bis 2014 Geschäftsführer der Corporate-Publishing-Sparte des Verlags Hoffmann und Campe. Ziesemers Kolumne erscheint regelmäßig auf Capital.de. Hier können Sie ihm auf Twitter folgen.

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