Longread Rennstrecke am Bilster Berg - Zoff unter Millionären

Schmersal mit Rennfahrerhelm in seiner Wuppertaler Garage.
Schmersal mit Rennfahrerhelm in seiner Wuppertaler Garage.
© Julia Sellmann
In Westfalen hat eine Gruppe von Managern und Unternehmern die erste private Autorennbahn Deutschlands gebaut – und sich dann heillos zerstritten. Eine Posse um große Summen, großen Hubraum und große Egos

Heinz Schmersal darf jetzt nicht mehr auf die Autorennbahn. Und wenn es etwas gibt, das den Unternehmer aus Wuppertal wirklich traurig macht, dann das: nicht mehr auf diese Strecke zu können, mit durchgedrücktem Gaspedal, dem Druck in den Kurven, dem röhrenden Motor. Und danach wie durchgeschüttelt aus einem seiner Rennautos zu steigen. „Ich habe das eigentlich angefangen, um Sport, Spiel und Spannung zu haben“, sagt der 72-Jährige in rheinischem Singsang. „Es ist eine wunderschöne Anlage. Und jetzt habe ich diesen Schlamassel am Hals.“

Mit „Anlage“ meint Schmersal das Bilster Berg Drive Resort, Deutschlands einzige private Rennstrecke. Vor sechs Jahren eröffnet, 4,2 Kilometer, 19 Kurven, in der Nähe von Paderborn. Ein Ort zum Austoben, ein Spielplatz für Banker, reiche Sportler und Unternehmer, die ihren Lamborghini endlich mal so richtig ausfahren wollen. Und für Autokonzerne, die eine Präsentationsstrecke für ihre Fahrzeuge brauchen – sie sind mittlerweile die wichtigste Einnahmequelle für die Anlage.

Der „Schlamassel“ allerdings ist folgender: Das Bilster Berg Drive Resort wird von 180 Gesellschaftern getragen, zu denen auch Schmersal gehört. Und die haben sich untereinander heillos zerstritten. Die Geschäftsführung und der Beirat werden mit Strafanzeigen überzogen – und gehen wiederum gegen einzelne Gesellschafter juristisch vor. Es geht um den Vorwurf der Untreue, um den Verdacht, dass Geld aus dem Unternehmen abgezogen wird. Die Juristen beider Seiten haben nun gut zu tun.

Weil der Streit eskaliert ist, darf auch Schmersal nicht mehr auf die Strecke – zumindest stellt er das so dar, denn selbst in solchen Fragen gibt es keine Einigkeit: In der Geschäftsführung heißt es, es habe halt terminlich nicht gepasst, als er das letzte Mal anfragte. Schmersal jedenfalls hat sich vorgenommen zu kämpfen, immerhin hat er eine halbe Million Euro in die Rennbahn investiert. Wieso lässt er die Sache mit Anfang 70 nicht einfach auf sich beruhen? „Ich mag es eben nicht“, sagt er, „wenn solche Lumpereien laufen.“

Rennsport statt Kur

Der Konflikt um den Bilster Berg spielt in einer Welt, in die sich Normalverdiener nur selten verirren, und wenn, dann höchstens als Servicekräfte. Es ist eine Welt, in der man für einen Tag auf der Rennbahn 20 000 Euro ausgibt und dann aus den 20 eigenen Edelkarossen auswählt. Der Konflikt, der hier entbrannte, ist ein Beispiel dafür, wie leicht die Lage außer Kontrolle geraten kann, wenn viel Geld im Spiel ist und alle Beteiligten glauben, dass sie selbst am besten Bescheid wissen – und obendrein vieles nicht ganz klar ist: Wer eigentlich wen beaufsichtigt. Wer was geleistet hat. Und wer wo unterschreiben darf oder nicht.

Auf die Idee jedenfalls, mitten zwischen den sanften Hügeln Ostwestfalens eine Autorennbahn zu bauen, kam nach der Jahrtausendwende Marcus von Oeynhausen- Sierstorpff, Graf und Spross eines alten westfälischen Adelsgeschlechts, das seit 235 Jahren auch in Bad Driburg zu Hause ist. Er hatte die örtlichen Kurkliniken und das Hotel seiner Familie übernommen, die inmitten eines weitläufigen Landschaftsgartens liegen. Doch nach diversen Gesundheitsreformen funktionierte das Konzept nicht mehr. Von Oeynhausen, damals Mitte 40, suchte nach einer neuen Attraktion, die Gäste für das Hotel locken würde.

Da auch der Graf schnelle Autos liebt, kam der Gedanke einer Rennstrecke auf. Es war kein ein- facher Plan. Für Autorennbahnen bekommt man in Deutschland nur schwer eine Genehmigung, und wenn, dann steckt eigentlich immer die öffentliche Hand dahinter. Von Oeynhausen aber wollte ein Clubkonzept mit privaten Gesellschaftern, und er wollte den großen Autokonzernen die Gelegenheit geben, in kleinem Rahmen ihre Fahrzeuge zu präsentieren. Er ging selbst ins finanzielle Risiko. Tatsächlich gelang es im August 2011, nach etlichen Querelen und Strippenziehereien, für ein ehemaliges britisches Militärgelände bei Bad Driburg eine Betriebsgenehmigung zu bekommen. Und von Oeynhausen hatte sogar einen renommierten Fachmann für das Projekt gewonnen – den Bauingenieur Hermann Tilke, Entwickler vieler Formel-1-Rundkurse. Von Oeynhausen nennt ihn den „Norman Foster für Rennstrecken“. Unterstützung bekam Tilke von einer Legende des Rallye-Sports: Walter Röhrl.

Wer von Paderborn den Weg zum Bilster Berg nimmt, der versteht schnell, worin der Reiz dieses Spielplatzes für die oberen Zehntausend liegt. Den Abzweig von der Landstraße kann man leicht verfehlen, dann geht es hoch in den Wald, an einer Schranke mit Pförtner vorbei in ein abgeschiedenes Terrain. Oben auf dem Berg hinter der letzten Biegung dann die abgesicherte Strecke – eine Carrera-Bahn für echte Autos.

Es ist ein nebeliger Apriltag, über die Bahn jagen getunte Porsches und BMWs – mit Heckflügeln, in grellen Farben, mit laut dröhnenden Motoren und Fahrern in Rennanzügen. Tribünen wie auf den großen Rennstrecken gibt es keine. Stattdessen eine Aussichtsterrasse mit einem Weber-Grill und mitten in der Strecke eine weitere Plattform, auf der bequeme Sofas für Besucher bereitstehen. Die Botschaft ist klar: Hier geht es nicht ums große Publikum, hier geht es um eine kleine und sehr anspruchsvolle Kundschaft.

Als von Oeynhausen damals die Hürden der Verwaltung überwunden hatte, stand er rasch vor einer weiteren: Es musste genug Geld aufgetrieben werden. Eine Gesamtsumme von 34 Mio. Euro konnte auch er nicht alleine stemmen. In der Art, wie das Geld zusammenkam, liegt schon ein Grund für den heutigen Konflikt. Zu den ersten Gesellschaftern gehörten Manager deutscher Mittelständler und Großkonzerne, ehemalige BDI-Präsidenten, Adlige, aber auch Fußballer wie der WM-Held David Odonkor und sein Dortmunder Mitspieler Sebastian Kehl – die jedoch bald wieder ausstiegen. Wer mindestens 100 000 Euro investierte, durfte dabei sein. „Die Gesellschafter, die da zusammenkamen – das war schon ein interessanter Mix“, sagt von Oeynhausen heute. Weil nicht alle Teilhaber mit dem alltäglichen Klein-Klein zu tun haben wollen, gaben viele ihre Stimmrechte an einen Pool ab, dessen Verwalter für sie an den Versammlungen teilnimmt.

Der große Krach bahnte sich an, als sich die zentralen Figuren des Managements in die Haare kriegten. Die Ursprünge dafür liegen schon in der Bauphase. Während von Oeynhausen damals als Geschäftsführer arbeitete, hatte ein anderer die Rolle des Projektsteuerers übernommen: Hans-Joachim Pillich, ein erfahrener Projektmanager im Bauwesen. Dem selbstbewussten Westfalen kam auf dem Bilster Berg eine wichtige Aufgabe zu: Er sollte die Baukosten für die Strecke im Rahmen halten. Doch auch Pillich liebt den Rennsport, und er wollte mehr. Er stieg als Gesellschafter ein und drängte zugleich in den Beirat, der die Geschäftsführung überwachen sollte. Von Oeynhausen hielt das für falsch: „Ich habe von Anfang an darauf hingewiesen, dass es einen Interessenkonflikt gibt, wenn ein Beiratsmitglied gleichzeitig die Projektsteuerung leitet. Ein Beirat, der sich selbst mit Aufträgen bedienen kann, ist natürlich ein Problem.“ Pillich hält heute dagegen, die Gesellschafter seien ja über seine Tätigkeit informiert gewesen. „Wenn die Gesellschafterversammlung das weiß, ist der Transparenz Genüge getan“, sagt er. „Hier hat niemand irgendwelche Interessenkonflikte.“

Brunchbuffet Ostschleife

Trotz der Reibereien war der Anfang vielversprechend. Die Gästeliste für die Eröffnungsparty im Juni 2013 liest sich wie eine Mischung aus Adelstreffen und Industrieverbandstagung. Und dann sei man auch gleich im ersten Betriebsjahr „mit knapp 4 Mio. Umsatz sehr gut gebucht“ gewesen, sagt von Oeynhausen. Daimler-Chef Dieter Zetsche kam mit Privatchauffeur und dem neuen AMG vorbei. Auf der Strecke ließen die meist männlichen Speed-Junkies Dampf ab, während die Ehefrauen auf der Ostschleifenterrasse das Brunchbuffet genossen.

Das Klima in der Leitung aber war vergiftet. Pillich wurde 2014 zum Beiratsvorsitzenden gewählt und beschuldigte von Oeynhausen schwer: In einem Sonderbericht wurde dem Grafen vorgeworfen, er habe Leistungen abgerechnet, die er nie erbracht habe. Alleiniger Geschäftsführer wurde nun Hans-Jürgen von Glasenapp, ein Manager mit einschlägiger Erfahrung: Er war einst als Geschäftsführer am Hockenheimring nach einem juristischen Scharmützel abberufen worden.

Von Oeynhausen wehrte sich gegen die Vorwürfe, die Sache ging vor Gericht. Heute glaubt er, dass er ausgebootet werden sollte. „Ich habe für die Herren Pillich und von Glasenapp ein Hindernis dargestellt. Die wollten mich diskreditieren und als Gesellschafter loswerden.“ Der Ge- schäftsführer und der Beiratsvorsitzende bestreiten das.

Um die Sache zu klären, bestellten die Gesellschafter im Mai 2016 einen internen Schlichter. Die Wahl fiel auf Heinz Schmersal, Fabrikant und Mitgesellschafter. Er ist ein Unternehmer alten Schlags, ein knorriger, zupackender Mensch, der nach einer Ausbildung zum Diplomingenieur erst lange auf eigene Faust Karriere machte, bevor er das Unternehmen seines Vaters übernahm – einen Hersteller von Sicherheitsschaltgeräten. Gleich neben dem Wuppertaler Firmensitz hat er eine Garage, in der Dutzende schnelle Autos stehen. Porsches, alte Mercedesse, Ferraris, ein Museum der Rennkultur. Mit seiner Bestellung zum Schlichter allerdings nahm der Konflikt erst richtig Fahrt auf. Denn Schmersal wollte ernsthaft wissen, was nun eigentlich passiert war.

In der Geschäftsführung des Bilster Berg Drive Resort heißt es, Schmersal habe gar nicht wirklich in die Bücher geschaut. Der Schlichter selbst stellt es anders dar. „Ich konnte ja beurteilen, wie das abgerechnet wurde, ich habe mir die Unterlagen selbst zusammengesucht“, sagt er. Und er wurde misstrauisch. „Ich habe so viele Unstimmigkeiten in den Abrechnungen gefunden, dass ich nachdenklich wurde.“ Schmersal war zwar kein Freund von Oeynhausens, doch sein Verdacht richtete sich gegen Pillich und von Glasenapp. Der Vorwurf: Pillich habe auch als Beiratsvorsitzender Geld für Beratungsaufgaben eingestrichen, in denen es um Folgeprobleme aus der Bauphase ging. „Herr Pillich hat sich selbst die Sachen genehmigt. Dann wurde das abgezeichnet – und dann war wieder Geld weg. Ein Fass ohne Boden, wie die beiden sich das zugeschustert haben“, sagt Schmersal.

Es sei um einzelne Zahlungen in sechsstelliger Höhe gegangen, insgesamt eine Summe von deutlich über 1 Mio. Euro. Pillich selbst sagt, er habe nach seiner Wahl in den Beirat lediglich dann weiter beraten, wenn es um Wissen aus seiner vorherigen Tätigkeit als Projektsteuerer gegangen sei – und dies sei auch allen bekannt gewesen.

In der Gesellschafterversammlung fand Schmersal mit seinen Erkenntnissen kein Gehör. Also stellte er Strafanzeige wegen Untreue, und hinter die Anzeige stellten sich sechs weitere Gesellschafter. Die Staatsanwaltschaft Paderborn ließ die Wohnungen von Glasenapps und Pillichs im August 2017 durchsuchen und nahm Ermittlungen auf. Allerdings ergab sich kein hinreichender Tatverdacht. Die Ermittlungen wurden eingestellt, und die Generalstaats- anwaltschaft Hamm bestätigte die Entscheidung. Die Vorwürfe seien „unabhängig zu unseren Gunsten strafrechtlich und nach Compliance-Gesichtspunkten aufgearbeitet und beantwortet“ worden, heißt es auf Anfrage von Capital in einer schriftlichen Stellungnahme der Geschäfts- führung. „Eine weitere – vor allem öffentliche – Auseinandersetzung zu diesem Thema ist damit aus unserer Sicht nicht erforderlich.“

Schmersal aber lässt nicht so schnell locker. „Herr Schmersal hat ein starkes Gerechtigkeitsempfinden“, sagt von Oeynhausen fast staunend. „Der hat sich da richtig rein- gekniet.“ Der Unternehmer hat den Hamburger Rechtsanwalt Gerhard Strate beauftragt, einen Spezialisten für sogenannte Klageerzwingungs- verfahren. Strate ist nicht irgendwer: Er hat Gustl Mollath vertreten, der jahrelang zu Unrecht in der bayerischen Psychiatrie saß, auch Carsten Maschmeyer oder Ferdinand Piëch gehören zu seinen Mandanten. Strate ist so etwas wie ein Staranwalt. Und er soll jetzt beim Oberlandesgericht Hamm durchsetzen, dass die Staatsanwaltschaft wieder ermitteln muss. Strates Vermutung ist, dass sich die Behörden lediglich auf Gutachten gestützt hatten, die von der Bilster Berg Drive Resort GmbH selbst in Auftrag gegeben wurden.

Millionenforderung

Die Kritiker bringen auch die Lage des Unternehmens ins Spiel: Am Bilster Berg wird nach Steuern und Abschreibungen kein Gewinn erwirtschaftet – und es steht eine 8 Mio. Euro schwere Nachforderung einer Baufirma im Raum, die laut Schmersal ein Problem werden könnte.

In der Geschäftsführung des Bilster Bergs wirkt man mittlerweile einigermaßen genervt von dem streitbaren Fabrikanten und seinen Anwälten. Geschäftsführer Hans- Jürgen von Glasenapp empfängt in einem Büro mit Blick auf die Rennstrecke, er trägt ein Hemd mit dem Bilster-Berg-Logo. „Für mich ist das Thema eigentlich erledigt“, behauptet er. „Jetzt müssen wir das Kla- geerzwingungsverfahren abwarten, und dann hoffe ich, dass das alles bis Ende des Jahres abgeschlossen ist.“

Im Hintergrund röhren die Motoren. Anders als die Gesellschafter ist von Glasenapp selbst kein Rennsport-Enthusiast, er ist einfach ein Manager, der das Geschäft gut kennt. „Die wirtschaftliche Entwicklung ist sehr positiv, wir wachsen“, sagt er. Etwa 5 Mio. Euro Umsatz macht das Unternehmen im Jahr, und von Glasenapp ist sicher, dass daraus mehr werden kann. „Die Kunden wissen jetzt, was sie an uns haben. Es ist wichtig, sich auf das Geschäft zu konzentrieren.“ Von Glasenapp schreibt seinem Management zugute, den Wandel von einem elitären Autoclub zu einem Anbieter für die Industrie vorangetrieben zu haben – was deutlich mehr Geld ein- bringt. Auf „etwaige, aus laufenden Verfahren resultierende Verbindlichkeiten“ sei man vorbereitet.

So sitzen sie nun alle da, jeder quasi in seinem eigenen Teil der Boxengasse: Pillich und von Glasenapp in den Büros der Rennbahn – optimistisch, dass der Rechtsstreit bald vorbei ist, damit sie endlich ihre Ruhe haben da oben auf dem Bilster Berg. Von Oeynhausen unten im gräflichen Park der Kurstadt Bad Driburg – enttäuscht, dass seine Schöpfung ihm aus der Hand geglitten ist, aber alles andere als verzagt: „Abgerechnet wird ganz am Schluss“, sagt von Oeynhausen. Und schließlich Schmersal in seiner Wuppertaler Unternehmenszentrale. Ebenso wie von Oeynhausen immer noch Gesellschafter; verärgert, aber kampfbereit. Der Schlamassel kann also noch eine ganze Weile so weitergehen. Und dabei wollten doch alle bloß Auto fahren.


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