Interview„Frühkindliche Erziehung kann sehr frustrierend sein"

Ökonomin Emily Oster glaubt, dass Erziehung entspannter sein kann - wenn man die Daten betrachtet
Ökonomin Emily Oster glaubt, dass Erziehung entspannter sein kann - wenn man die Daten betrachtetUnsplash


Emily Oster ist Professorin für Ökonomie an der Brown University und Autorin. Ihr neuestes Buch „Cribsheet“ verfolgt einen datengestützten Ansatz in frühkindlicher Erziehung. Oster ist mit dem Ökonomen Jesse Shapiro verheiratet und hat zwei Kinder.


Ökonomin Emily Oster
Ökonomin Emily Oster                            (c) Dana Smith

Frau Oster, auf den ersten Blick passen Kleinkinder und Ökonomie nicht zusammen. Wie hat Ihr ökonomischer Hintergrund Ihnen geholfen ein Erziehungsbuch zu schreiben?

Wenn ich an Ökonomie denke, denke ich an die Mikroökonomie, was auch mein Forschungsgebiet ist. Grundsätzlich glaube ich, dass die Ökonomie eine Wissenschaft über Entscheidungsfindungen ist. Da ich und mein Mann Ökonomen sind, war es für uns natürlich, die Werkzeuge aus dem Beruf mit nach Hause zu nehmen und auf die Erziehung unserer Kinder anzuwenden.

In welchem Erziehungsstadium waren denn Ihre Kinder, als Sie dieses Buch geschrieben haben?

Meine Kinder sind gerade vier und acht Jahre alt geworden, ich habe das Buch geschrieben, als sie zwei und sechs Jahre alt waren. Sie sind jetzt also gerade aus dem Alter herausgewachsen mit dem sich „Cribsheet“ beschäftigt.

Im Internet findet man unendlich viele Erziehungstipps und Studien, als Elternteil kann das sehr verwirrend sein. Würden Sie Eltern empfehlen, überhaupt nach Ratschlägen im Internet zu suchen?

Das Internet kann nützlich sein, um zu erfahren, dass andere Eltern dieselben Erfahrungen machen. Frühkindliche Erziehung kann sehr frustrierend, ermüdend und angstauslösend sein. Daher ist es beruhigend zu wissen, auch andere Eltern bis um drei Uhr morgens mit ihren Kindern wach bleiben. Problematisch wird es nur, wenn man sich zu sehr auf diese Ratschläge verlässt und nicht mehr selbst die Entscheidung trifft.

Sie untersuchen in Ihrem Buch nicht nur eine besondere Studie, sondern sehr viele Studien zum Thema frühkindlicher Erziehung. Wie unterscheiden Sie zwischen einer guten und einer schlechten Studie?

Es gibt einige grundlegenden Richtlinien. Generell sind randomisierte Studien gut. Das sind Studien, die Probanden zufällig einer Behandlungs- und Kontrollgruppe zuordnet. Auch Studien mit vielen Teilnehmenden sind in der Regel besser. Das wichtigste an einer Studie ist, dass sie sich auf die Unterschiede zwischen Menschen einstellt. Zum Beispiel haben manche Studien detailliertere Informationen über Familien und es ist einfacher „ähnlichere“ Familien zu vergleichen.

Vor einigen Wochen hat die Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine Richtlinie herausgegeben, empfiehlt wie viel Zeit ein Kind maximal am Bildschirm verbringen sollte. Ist die WHO in diesem Fall eine zuverlässige Quelle?

An sich ist die WHO eine absolut gute Informationsquelle, in diesem Fall ist es aber ein wenig knifflig. Diese Vorgabe kann für manche Familien perfekt funktionieren, sie basiert nicht aber nicht auf Beweisen. Niemand weiß, wie sich die Zeit am Bildschirm tatsächlich auf Kinder auswirkt. Die WHO fühlt sich aber verpflichtet, Empfehlungen zu geben. Es ist verlockend zu glauben, dass die WHO als wichtige internationale Organisation über geheime Informationen über das Thema verfügt – das tut sie aber nicht.

Was sollen also Eltern machen, wenn sie verschiedene Erziehungstipps aus unterschiedlichen verlässlichen Quellen erhalten?

Ich denke, dass die Präferenzen der Familien sehr wichtig für die Entscheidungen sind. Es ist schwer, sich nur auf Ratschläge zu verlassen – denn es gibt niemanden, der so tickt wie die eigene Familie. Man sollte sich so entscheiden, wie es für einen selbst funktioniert und zuversichtlich mit dieser Entscheidung sein.