ReportageDer Kubaner, der die Heimat suchte – und nicht fand

Straßenszene aus Havanna
Straßenszene aus Havanna
© Sven Creutzmann

Als ich die alte Zuckermühle auf der Farm „La Illusion“ – die Illusion – erreichte, suchte ich nach dem kleinen Haus, das aussah wie aus Lebkuchen. Die ersten Monate meines Lebens hatte ich dort verbracht. Die einzige Erinnerung, die ich an dieses Haus habe, stammt von einem Schwarz-Weiß-Foto. Meine Mutter, jung und wunderschön, knuddelt mich darauf in ihren Armen. Das Foto ist eines der wenigen Erinnerungsstücke, das meine Familie mit in ihr Exil in die USA genommen hatte. Damals, vor vielen Jahrzehnten.

Meiner Familie gehörte dieses flache Stück Land für eine lange Zeit. Für 400 Jahre, vielleicht ein paar mehr oder weniger, war die Familie meiner Mutter, die Sánchez Pereiras, eine der bekanntesten Familien in der östlichen Provinz Camagüey. Die wohlhabenden Familien blieben unter sich, heirateten ihre Cousins, um sicherzustellen, dass ihre Besitztümer auch nach ihrem Tod innerhalb der Familie blieben.

Trotz all dieser halb-inzestiösen Vermählungen gleicht mein Stammbaum einem Dschungel, tief und dunkel, mit vielen verschlungenen Pfaden. Meine Großmutter, die den päpstlichen Segen erhalten hatte, meinen Großvater, ihren Cousin, zu heiraten, sorgte sich darüber, dass ich oder eines ihres anderen Enkelkinder das gleiche tun könnte, und irgendwann in unserer Familie Babys mit Tierschwänzen geboren würden.

Verspottet als „Würmer“

Während der Revolution verließ meine Familie Kuba, da war ich sieben Jahre alt. In meiner Erinnerung blieb ein mystischer Ort zurück. Und jetzt, mit über 60, konnte ich dorthin zurückkehren. Ermöglicht hat das vergangenes Jahr der damalige Präsident Barack Obama mit der kubanischen Regierung. Wir, die Exilanten, bekamen das Recht, nach Kuba zurückzukehren, als Bürger registriert zu werden. Ich müsste nur die Papiere zur meiner Wiedereinbürgerung unterschreiben – und ich könnte wieder auf Kuba leben. Wie jeder andere Kubaner, der niemals das Land verlassen hatte.

Über eine Million Kubaner haben nach der Revolution das Land verlassen, sind geflohen ins Exil, wurden verspottet vom Regime als „gusanos“, als Würmer.

In diesem Tagen rollt die kubanische Regierung uns den Teppich aus, heißt uns willkommen, weil diese „gusanos“ längst „mariposas“, Schmetterlinge, geworden sind. Die Exilkubaner sind verantwortlich für den bescheidenen Reichtum, den es auf der Insel noch gibt. Dank ihrer Überweisungen von Milliarden an Dollar. In den vergangenen zwei Jahren kehrten 13.000 Exilkubaner in ihre Heimat zurück. Nach kubanischem Recht können sie ein Haus kaufen, auch wenn sie damit das US-Handelsembargo von 1962 missachten. Einige verbringen ihren Lebensabend auf Kuba, mit den ersparten Dollar aus dem Exil.

Havanna – eine großartige Ruine

Ich bin zerrissen. Havanna ist eine großartige Ruine, zusammengehalten von Zement und neuer Farbe. Aber sechs Jahrzehnte Repressionen haben die Menschen gebrandmarkt. Obwohl sie aufgeschlossen und freundlich sind, haben viele Kubaner einen geheimen Polizisten im Kopf, einen Zensor, der sie auf Linie hält. Mein ganzes Leben lang habe ich das gesagt, was ich dachte. Ich glaube nicht, dass ich das ändern kann. Kann ich trotzdem zurückkehren? Kann das Exil wirklich enden?

Exilanten sind wie besessen, wenn es um ihre ehemaligen Häuser geht. Sie markieren ihren verlorenen Platz in der Welt. Hier begann der Exodus. Unser altes Haus – ein neoklassizistischer Bau in Havannas Vedado-Viertel, das mein Großvater meiner Großmutter zur Hochzeit im Jahr 1928 schenkte – steht noch. Aber es ist verlebt, die Farbe blättert ab. Es gehört zu einem Komplex der nordkoreanischen Botschaft.

Meine Großeltern verließen das Haus im Jahr 1960, als wir von der Insel flohen, im Glauben, wir würden bald schon zurück sein. Meine Nanny sollte sich um das Haus in der Zwischenzeit kümmern. Doch schon bald nach der Flucht wurde das Haus von einem Offizier in Fidel Castros Revolutionsgarde zwangsgeräumt, der seine Gelibte hier einquartierte. Schließlich wurde das Anwesen an Kim Il Sung übergeben, den Großen Führer Nordkoreas.

Jedes Mal, wenn ich Kuba besuche, spaziere ich die Straße auf und ab. Meine Hoffnung ist, die Nordkoreaner nervös zu machen.