WohnungsmarktTübingen: Hier baut sich was zusammen

Immerhin in der Tübinger Südstadt wird gebaut – doch sonst herrscht in der Stadt akute Raumnot
Immerhin in der Tübinger Südstadt wird gebaut – doch sonst herrscht in der Stadt akute RaumnotPatrick Junker

Der Gegenstand des Streits liegt ganz friedlich da. Eine grüne Wiese im Tübinger Ortsteil Hirschau, über der Insekten summen, vorn und hinten eine Straße, links und rechts ein Haus. In einem davon wohnt Ortsvorsteher Ulrich Latus, er hat es selbst gebaut. Falls eines seiner beiden erwachsenen Kinder sich entschließen sollte, wieder in die Heimat zu ziehen, würde er ihnen auf das leere Grundstück gern ein eigenes Haus setzen.

Ein solider schwäbischer Plan. Doch jetzt ist ihm der Oberbürgermeister dazwischengegrätscht mit seiner wilden Idee. „A bissle a Hirnfurz vom Palmer, auf Neudeutsch“, sagt Ulrich Latus.

Der Grüne Boris Palmer, vor allem dank seiner kontroversen Wortmeldungen zu Flüchtlingen bundesweit bekannter, als man es vom Oberhaupt einer mittelgroßen Stadt erwarten würde, hat sich mal wieder etwas einfallen lassen. Sein Vorstoß zielt auf die große soziale Frage unserer Tage ab – das Wohnen – und könnte Politikern nach der Mietpreisbremse und dem Berliner Mietendeckel ein neues Instrument an die Hand geben.

Palmer zufolge gehört Tübingen zu den zehn teuersten Wohnungsmärkten der Republik. Das liege am wirtschaftlichen Erfolg der Stadt: Allein im vergangenen Jahrzehnt seien 12.000 sozialversicherungspflichtige Jobs hinzugekommen, was auf einen Zuzug von etwa 24.000 Neubürgern hinausläuft – doch nur für 8000 Menschen ist zusätzlicher Wohnraum entstanden. Das ist bei 90.000 Einwohnern zwar eine Menge, aber lange nicht genug. Um die Wohnungsnot zu lindern, greift Palmer nun zum ganz groben Besteck: Er will Hunderte Eigentümer baureifer Grundstücke zum Bauen zwingen.

Um diese Wiese geht es bei Ulrich Latus – er hat sie für eines seiner Kinder vorgesehen
Um diese Wiese geht es bei Ulrich Latus – er hat sie für eines seiner Kinder vorgesehen (Foto: P. Junker)

Ulrich Latus – Schnurrbart, weißes Kurzarmhemd, ein stoischer Typ, der beim Reden die gefalteten Hände auf der Tischplatte ruhen lässt – will sich das nicht gefallen lassen. Die ganze Umgebung habe früher einmal zum Gelände des elterlichen Tischlereibetriebs gehört, sagt er. Das leere Grundstück hat er erst vor einem Jahr geerbt, die Eltern hatten es als Kapitalanlage gehalten. „Das ist ein schwäbischer Denkansatz. Man hätte es auch verjubeln können für Urlaub – hat man nicht gemacht.“

Latus’ Familie ist seit Generationen in Hirschau ansässig, er ist hier tief verwurzelt. Ungefragt erzählt er von den Habsburgern, die die Gegend einst regierten, von Napoleon, vom Weinbau. Einer wie er lässt sich nicht erzählen, was er mit seinem Land anstellen soll. „Ich mache es so, wie ich’s für richtig halte, nicht, wie der Herr Palmer es wünscht.“

Bei seinem Vorstoß beruft sich Palmer auf Paragraf 176 des Baugesetzbuchs, der es Gemeinden erlaubt, ein Baugebot auszusprechen. Widersetzt sich ein Eigentümer, sieht das Gesetz neben Vollstreckungsmaßnahmen wie Zwangsgeldern in letzter Konsequenz Enteignungen vor. Glaubt man einer Stellungnahme der Tübinger Grünen, ist es das erste Mal, dass der Paragraf so angewendet wird.

Im Grundgesetz steht: Das Eigentum wird gewährleistet. Aber auch: Eigentum verpflichtet. Und: Enteignungen sind zulässig, wenn sie dem Wohl der Allgemeinheit dienen. Will Palmer austesten, was Vorrang hat?