ImmobilienDer britische Immobilienmarkt hat den Brexit verdaut

Die Preise auf dem Londoner Immobilienmarkt ziehen wieder an
Die Preise auf dem Londoner Immobilienmarkt ziehen wieder anPixabay

Der Brexit ist durch. Nach Jahren voller kräftezehrender Verhandlungen und politischem Chaos sind die Briten am 31. Januar aus der Europäischen Union ausgetreten. Zwar stehen noch immer viele Fragezeichen im Raum. So ist zum Beispiel unklar, wie die künftigen Wirtschaftsbeziehungen der EU mit Großbritannien aussehen werden. Für Immobilien-Anleger ist der EU-Austritt des Vereinigten Königreichs trotzdem schon jetzt eine Erleichterung.

Der britische Immobilienmarkt gehörte zu den ersten Märkten, die im Zuge der Brexit-Debatte ins Taumeln gerieten. Nach dem Yes der Briten im Sommer 2016 stagnierten landesweit die Preise für Häuser und Wohnungen, in den besten Lagen Londons sanken sie aus Angst vor einem No-Deal-Brexit sogar um ein Fünftel. Nun, da der EU-Austritt vollzogen ist und die Unsicherheit mehr und mehr einem klaren Lagebild weicht, sehen Experten die Wende gekommen.

Stimmungsumschwung unter Investoren

Der Immobiliendienstleister Savills beobachtet seit Ende vergangenen Jahres einen Umschwung auf dem britischen Immobilienmarkt. Den Analysten zufolge zogen die Preise für Londoner Immobilien in Bestlage im dritten Quartal 2019 an – zum ersten Mal seit vier Jahren, wenn auch nur um 0,1 Prozent. Insgesamt schrumpfte der Markt im vergangenen Jahr 0,5 Prozent. Im Vorjahr hatte das Minus noch rund 3,2 Prozent betragen. „Das ist ein stärkerer Jahresabschluss, als wir angesichts des Ausmaßes der politischen und wirtschaftlichen Unsicherheit erwartet hatten, und zeigt, dass sich die Erwartungen von Käufern und Verkäufern langsam wieder annähern“, sagt Lucian Cook, Direktor für Wohnungsmarkt-Analysen bei Savills.

Seit der Wahl des konservativen Premierministers Boris Johnson im Dezember hat sich die Stimmung unter Investoren deutlich verbessert, beobachtet Savills. Die Maklerfirma rechnet für das laufende Jahr damit, dass sich der Markt weiter erholt. Ihrer Prognose zufolge werden die Immobilienpreise in London bis zum Jahresende um ein Prozent steigen. In einzelnen Stadtteilen halten die Experten sogar bis zu drei Prozent Plus für realistisch. Mittel- bis langfristig dürfte die Dynamik ihrer Einschätzung nach positiv bleiben. Rückenwind bekommt das Geschäft mit Wohnimmobilien von der Bank of England: Auf der Zinssitzung in der vergangenen Woche beließen die Notenbanker den Leitzins auf niedrigen 0,75 Prozent.

Sondersteuer für ausländische Eigentümer

Der Brexit hat auch auf dem Markt für Gewerbeimmobilien Spuren hinterlassen. Viele Projektentwickler haben nach dem Votum 2016 ihre Bautätigkeit zurückgefahren, weil sie einen Einbruch der Nachfrage befürchteten. Diese blieb aber unerwartet stabil und stieg im Jahr 2018 sogar um neun Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Konsequenz: Büroflächen werden mehr und mehr zur Mangelware. Das treibt die Mieten nach oben – und das wiederum macht London für Investoren attraktiv. In der City stieg die Spitzenrendite im ersten Halbjahr 2019 um 25 Basispunkte auf 4,25 Prozent, im West End blieb sie stabil bei 3,5 Prozent, zeigen Zahlen der Dekabank. Deren Chefvolkswirt Ulrich Kater geht davon aus, dass die Mieten im laufenden Jahr stabil bleiben. Ab 2021 könnten sie langsam wieder steigen.

Gerade ausländische Investoren sollten mit Investitionen auf der Insel aber trotz positiver Prognosen vorsichtig bleiben, raten Experten. Sie müssen sich nämlich langfristig auch auf höhere Kosten einstellen. Im Wahlkampf kündigte Premierminister Johnson eine Sondersteuer von drei Prozent auf den Kaufpreis für Eigentümer an, die nicht im Land steuerpflichtig sind. Damit will die Partei die Nachfrage künstlich senken und so gegen die Wohnungsnot vorgehen. Ob das Kalkül aufgeht, ist umstritten. Kurzfristig dürfte die Steuer die Nachfrage nach Immobilien sogar noch ankurbeln, fürchten Kritiker, weil ausländische Käufer zuschlagen wollen, bevor die Steuer in Kraft tritt.