KolumneWirecards Flurschaden

Christoph Bruns
Christoph BrunsLyndon French

Der Finanzplatz Deutschland ist bis auf die Knochen blamiert! Behörden, Wirtschaftsprüfer, Asset Manager und Finanzmedien stehen vor einem Scherbenhaufen. Wie bereits in der großen Finanzkrise, als IKB, Hypo Real Estate und die meisten Landesbanken insolvent wurden, war die zuständige Aufsichtsbehörde Bafin auch bei Wirecard nutzlos und teuer. Schlimmer noch, durch ihre Leerverkaufsbeschränkungen stand die Bafin sogar auf der falschen Seite der am Finanzmarkt mittlerweile sattsam bekannten Wirecard-Geschichte.

Wenig besser sehen die Wirtschafsprüfer von EY aus. Die Interessenkonflikte in der Branche sind altbekannt, man denke nur an Enron. Auch Kapitalanlagegesellschaften haben sich nicht mit Ruhm bekleckert. Die klassische Definition von Investment nach Benjamin Graham, dem Nestor vernunftgeleiteten Investments und Lehrmeister von Warren Buffett lautet:

„Von einem Investment lässt sich sprechen, wenn gründliche Analyse ergibt, dass Sicherheit des Kapitals und eine angemessene Rendite erwartet werden kann.“

Seit Jahren ist jedoch klar, dass von Sicherheit des Kapitals bei einer Wirecard-Anlage nicht gesprochen werden konnte. Dafür hielten sich die Gerüchte um frisierte Bilanzen zu hartnäckig und auch die standhafte Weigerung des Vorstandes, Vorwürfe durch Transparenz zu entkräften, hätte Investoren stutzig machen müssen. Per saldo hat sich das Wirecard-Engagement vieler Asset Manager als pure Spekulation herausgestellt, angezogen von der sagenhaften Kursentwicklung in der Vergangenheit. Bedauerlicherweise lieferten in diesem Zusammenhang die Ratingagenturen – wie bereits in der Subprime-Krise – keine Hilfestellung. Nachdem das Wirecard-Kind in den Brunnen gefallen ist, stufte Moodys die Papiere auf Ramsch-Status ab.

Wirecard wirft ein Schlaglicht auf die Lage des Finanzmarktes in Deutschland

Auch die deutschen Finanzmedien haben wenige Lorbeeren im Fall Wirecard erworben. Ich erinnere mich noch gut, mit welcher Häme vor nicht allzu langer Zeit vermerkt wurde, wie ein kleines Fintech-Unternehmen namens Wirecard die große Deutsche Bank in den Börsenschatten stelle. Anstatt Jubelarien angesichts des Dax-Aufstiegs von Wirecard anzustimmen, hätte eine gründliche Recherche vielen Medien besser zu Gesicht gestanden.

Es spricht Bände, dass es die britische „Financial Times“ war, die den Betrugsskandal durch hartnäckiges Nachspüren und gegen Widerstände ins Rollen gebracht hat. Ähnlich wie im Diesel-Skandal der deutschen Autohersteller, wo ebenfalls der Staat versagt hat, kamen ausländische Rechercheure den Tätern auf die Schliche, während viele deutsche Medien und die Bafin ein angelsächsisches Komplott gegen Wirecard vermuteten.

Für den Finanzmarkt Deutschland bedeutet das nichts Gutes. Wahrscheinlich wird Deutschland auf diesem Feld und damit beim finanziellen Wohlstand seiner Bürger weiter zurückfallen. Ob es ausreicht, auf die weltweite Beliebtheit deutscher Staatsanleihen hinzuweisen, ist fraglich. International spielt der Finanzplatz Deutschland nur in der zweiten Liga. Zunehmend betätigt sich der Staat als schwergewichtiger Marktakteur, wie der Staatseinstieg bei dem Biotech-Wert Curevac zuletzt einmal mehr zeigte. Überhaupt ist unser Staat Daueraktionär bei der Deutschen Telekom, der Deutschen Post und der Commerzbank. Nun kommt noch die Lufthansa hinzu. Mehrere Dax-Unternehmen (Adidas, Tui, Thyssenkrupp) werden durch Staatskredite finanziert.

Man kann also, wie bereits bei der Energiewende, sehen, wie es – jenseits anderslautender Sonntagsreden – um das marktwirtschaftliche Gedankengut in unserem Land bestellt ist. Politik und Öffentlichkeit interessieren sich kaum für den Aktienmarkt und verkennen damit dessen wohlstandsbildende Funktion. Eine wachsende Zahl amerikanischer Aktien ist inzwischen jeweils mehr wert, als alle im Dax versammelten Aktien zusammen. Und die Dax-Unternehmen werden ihrerseits mehrheitlich von amerikanischen Anlegern gehalten. Immerhin mag es manchem ein Trost sein, dass auch bei Wirecard ausländische Aktionäre die Mehrheit hielten.

 


Christoph Bruns ist Fondsmanager, Vorstand und Hauptaktionär der Fondsgesellschaft Loys AG. Hier finden Sie weitere Kolumnen von Christoph Bruns